Hüterin von Freiheit und Glück

Das neue Buch von Kurienkardinal Robert Sarah nimmt die Herausforderungen der Kirche heute engagiert und einfühlsam in den Blick. Von Katrin Krips-Schmidt

Robert Sarah
Kardinal Robert Sarah, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, am 5. September 2018 auf dem Petersplatz im Vatikan. Foto: Paul Haring (KNA)
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Kardinal Robert Sarah, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, am 5. September 2018 au... Foto: Paul Haring (KNA)

Wenn schon der erste Gesprächsband von Robert Kardinal Sarah, erschienen 2015 unter dem Titel „Dieu ou rien“ („Gott oder nichts“) ein „Feuerwerk des Glaubens“ war (siehe Besprechung in „Die Tagespost“ vom 28. Februar 2015), um wieviel mehr gilt diese Auszeichnung für den – leider nun – letzten Band der Trilogie „Le soir approche et déja le jour s’abaisse“ („Der Abend naht und schon neigt sich der Tag“), der erneut als Interview – klug geführt vom Essayisten und Journalisten Nicolas Diat – soeben in Frankreich erschienen ist. Wieder führt der Titel nur wenige Tage nach Erscheinen bereits die Bestsellerlisten des französischen Online-Händlers Amazon in der Sparte „Katholizismus“ an. Diat befragte den Kurienkardinal nach dem drängendsten Themen unserer Zeit, die die Katholiken, aber auch alle anderen Gläubigen oder Nicht-Gläubigen brennend interessieren müssten. Nach dem Band „Die Kraft der Stille“, in dem es um die geistliche Kultivierung der Stille und des Schweigens in der von einer Diktatur des Lärms geprägten Umwelt geht, wendet sich Sarah nun vor allem weltlichen Themenkreisen zu, die freilich in engstem Zusammenhang zum katholischen Glauben an Gott stehen. Doch der Fokus liegt hier – anders als bei den beiden Vorgängern – weniger auf der Pflege der eigenen Beziehung zu Gott, als vielmehr darauf, wie der Mensch durch sein gottes- und menschenfeindliches Handeln diese Beziehung verloren hat und wie er sich gegenüber dem moralischen Versagen Einzelner und des Kollektivs des Menschen – repräsentiert durch ganze Gesellschaften und Ideologien – verhalten kann. In der Einleitung benennt Sarah den Grund, weshalb er erneut das Wort ergreift. In seinem letzten Buch habe er die Leser zur Stille aufgerufen, nun aber könne und dürfe er nicht länger schweigen: „Die Christen sind desorientiert. Täglich bekomme ich von überallher Hilferufe von jenen, die nicht mehr wissen, was sie glauben sollen. Jeden Tag empfange ich in Rom entmutigte und leidende Priester. Die Kirche macht die Erfahrung der dunklen Nacht.“ Die Krise des Klerus, der Kirche und überhaupt der gesamten Welt sei „zutiefst eine spirituelle, eine Glaubenskrise“. Die Feinde der Kirche befänden sich in ihrem Inneren. Daher seien deutliche Worte nötig, die vielleicht auch „schockieren“ könnten. Denn: „ich schulde Euch Christen die einzige Wahrheit, die erlöst“.

Sarah kennt sich auf nahezu allen Gebieten neuzeitlicher Denkströmungen und Phänomene exzellent aus. Wie kein anderer dringt er in den Kern der Probleme vor, mit Gegenargumenten setzt er sich überzeugend und ausführlich auseinander. Sein Urteil ist stets ausgewogen und von einer Liebe zum Nächsten beseelt, wie sie nur jemand haben kann, in dessen Geist und Leben Gott allgegenwärtig ist. Das breite Spektrum der Themen reicht von Ideologien wie den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts und dem Genderismus über die weltweite Christenverfolgung bis hin zu ganz praktischen Missständen in der heutigen Gesellschaft, wie der Migrationskrise. Neu ist auch Sarahs einfühlsame Erläuterung der kirchlichen Position in Bezug auf Homosexualität und damit verbunden die „Krise der Männlichkeit“, was sich am Verlust der Rolle des Vaters in den heutigen westlichen Gesellschaften eindrucksvoll widerspiegelt. Wenn die Kirche homosexuelle Verhaltensweisen oder die Scheidung verurteile, so Sarah, „denken viele, dass sie ihre Dominanz dem einzelnen Gewissen mit der Absicht zu herrschen und zu unterdrücken aufzuzwingen versucht. Doch die Kirche macht sich vielmehr demütig zum Hüter des Menschen, seines innersten Wesens, der Voraussetzungen seiner Freiheit und seines Glücks.“ Der Kardinal betont, dass „wir eine Person nicht auf ihre sexuelle Orientierung reduzieren können. Statt von ‚LGBT‘ zu sprechen, möchte ich lieber von Personen mit homosexuellem Verhalten oder mit einer homosexuellen Orientierung sprechen. Diese Menschen werden von Gott grundsätzlich geliebt, wie jeder Mann und jede Frau.“ Als wahre Bischöfe und Hirten „müssen wir auch denen entgegengehen, die die Legitimierung ihres Verhaltens aggressiv einfordern. Sie sind das verirrte Schaf“, das es in den Schoß der Kirche zurückzubringen gelte: „Die entscheidende Barmherzigkeit, die wir ihnen schulden, ist die Wahrheit. Keiner erwartet von der Kirche ein Wort der Nachsicht. Eine Partnerschaft zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts wird nie eine Ehe sein.“ Mit dieser Aussage werde kein Mensch verurteilt. „Sie können Zärtlichkeit und Großmut beweisen, doch sie werden nie beanspruchen können, das Proprium des ehelichen Lebens zu leben.“ Die ersten Opfer der LGBT-Ideologie seien die Menschen, die selbst eine homosexuelle Orientierung haben: „Sie werden von ihren Aktivisten dazu geführt, ihre Identität auf ihr sexuelles Verhalten zu reduzieren. So wird von ‚Communitys‘ gesprochen, als ob es sich dabei um gesonderte Menschen handle, die eine gemeinsame Kultur hätten, eine besondere Art und Weise, sich zu kleiden und zu sprechen, es wird von ausschließlich ihnen vorbehaltenen Stadtvierteln geredet und sogar von eigenen Läden und Restaurants.“ Man spreche von ihnen wie von einer ethnischen Gemeinschaft! Daher bitte er die „von der Homosexualität versuchten Gläubigen inständig, sich nicht in dieses Gefängnis der LGBT-Ideologie einsperren zu lassen. Durch die Taufe seid Ihr Söhne Gottes! Euer Platz ist wie für alle Christen innerhalb der Kirche.“ Die Männer der Kirche mahnt er zu einem ehrlichen Vorgehen: Was sie tun müssten, sei „unablässig an den göttlichen Plan zu erinnern, der in der Natur des Mannes und der Frau zum Ausdruck kommt. Dies ist integraler Bestandteil unseres Auftrags zur Evangelisierung. Wir haben nicht das Recht, jene aufzugeben, die von uns erwarten, dass wir ihnen zeigen, auf welchem Weg sie zur Heiligkeit gelangen, einschließlich im Bereich der Sexualität.“

Zur Überwindung der Krise in der Kirche und der Gesellschaft allgemein empfiehlt Kardinal Sarah die Übung der christlichen Tugenden. Die wichtigste der Kardinaltugenden sei die Klugheit. Letztlich möchte Sarah die Bischöfe angesichts der Glaubenskrise daran erinnern, dass ihre „väterliche Verantwortung auf dem Spiel steht. Kann ein Familienvater denn seine Kinder erziehen, ohne sie jemals zu bestrafen? Ich glaube, dass die Entpflichtung von dieser Maßnahme unter dem Vorwand der Barmherzigkeit oder eines angeblich reifen Glaubens die prägnanteste Erscheinungsform des Klerikalismus ist, der von Papst Franziskus so oft angeprangert wird.“