Horchposten in Rom

Wie Forschung und Politik das Leben im Campo Santo zur Zeit des Risorgimento prägten. Von Urs Buhlmann

Marienfresko
Geschichtsträchtig: der Campo Santo in Rom. Foto: KNA
Marienfresko
Geschichtsträchtig: der Campo Santo in Rom. Foto: KNA

Zu den Aktivposten deutscher Kirchengeschichtsschreibung gehört ohne Zweifel das beim Campo Santo Teutonico nahe St. Peter angesiedelte Römische Institut der Görres-Gesellschaft. Nicht nur in der christlichen Altertumsforschung und Archäologie – ein traditioneller Schwerpunkt –, sondern auch zu den deutsch-römischen Beziehungen sind die Camposantiner und die mit ihnen befreundeten Forscher unermüdlich tätig. Das zeigt ein prallvoller, erhellender Sammelband über den Campo Santo in der Zeit zwischen dem Ende des Kirchenstaats und dem Ersten Weltkrieg.

Immer wieder taucht der Name eines Mannes auf, der das Haus nicht nur über 40 Jahre als Rektor bis zu seinem Tod 1917 leitete, sondern zugleich ein profilierter Altertumsforscher wie energischer Vertreter kaiserlich-deutscher Interessen war. Der Band ist dem aus Emmerich stammenden Prälat Anton de Waal (1837–1917) zwar nicht gewidmet, doch wer sich für den Einfluss des Deutschtums in Rom interessiert, und wer wissen will, wie der deutsche Katholizismus im Vatikan gesehen wurde, kommt an ihm nicht vorbei.

Man lernt zunächst, dass die Deutschsprachigen in Rom vor dem Eintritt Italiens in den Krieg 1915 mit 3 000 von 520 000 Römern eine gar nicht so kleine, in Handel und Gewerbe sogar führende Gruppe stellten, von den Wissenschaftlern und Künstlern einmal abgesehen. Stefan Heid, Chef des Görres-Instituts und lange Vizerektor des Kollegs, zeichnet den Weg de Waals als Forscher, Wissenschaftsorganisator, National-Seelsorger und Sozialarbeiter nach. Persönlich anspruchslos und von herber Art, stellte er hohe Anforderungen an sich und die, die mit ihm zusammenlebten. Für die deutsche Gemeinde führte er den Vereinskatholizismus ein, den er aus seiner niederrheinischen Heimat kannte, hoch und nieder einbindend und auch sozial-caritativ wirksam. Dem Kolleg verpasste er, wie er 1905 nach Berlin schrieb, mehr und mehr einen „reichsdeutschen Charakter“. Das war auch Abgrenzung zum gleichfalls in der Ewigen Stadt ansässigen, mehr österreichisch geprägten Priesterkolleg der Anima an der Piazza Navona, zu dem der Campo immer noch ein wenig in Konkurrenz steht. Die Anima war und ist ökonomisch besser fundiert als der Campo Santo, so dass dessen Rektor zwangsläufig Spendensammler sein muss. Anton de Waal versuchte sich deshalb recht erfolgreich als Autor von Sachbüchern und Belletristik. Sein „Rompilger“ wurde jahrzehntelang aufgelegt, die vier Päpste, unter denen er in Rom lebte, waren Gegenstand von Biographien, sogar Theaterstücke entflossen seiner Feder.

All das sollte die tiefe Verbundenheit mit dem Papsttum fördern, die ihm Anliegen war. Sie zog sich durch alles, was er unternahm. Karl-Joseph Hummel hält fest: „Die Kirchlichkeit der Forschung war für de Waal unaufgebbar.“ Für seine Generation von zu Preußen gewordenen Rheinländern war es aber selbstverständlich, diese Kirchlichkeit mit einem Patriotismus zu vereinen, der ihn 1915 ein Buch „Soldatenvorbilder aus altchristlicher Zeit“ vorlegen ließ, zur moralischen Festigung der katholischen Feldgrauen. Doch findet es Rainald Becker schwierig zu bestimmen, ob der Campo Santo im 19. Jahrhundert „deutsch, großdeutsch oder reichsdeutsch“ gewesen sei. Bei Bedarf wurde, unter Verweis auf die auf Karl den Großen zurückgehende Gründungsgeschichte, auch die österreichische Karte ausgespielt. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs hielt Anton de Waal es allerdings für angezeigt, den Doppeladler unterhalb des Dachkreuzes zu entfernen. Man darf nicht vergessen, dass es noch keinen Vatikanstaat gab und Repressionen durch italienische Behörden denkbar waren.

Zu allen Zeiten waren auch Nicht-Deutsche, so sie denn einen Bezug zum Heiligen Römischen Reich aufzeigen konnten, Gäste im Haus. Johan Ickx informiert über das spannungsreiche Verhältnis zu Belgien, Maurice van Stiphout über niederländische Bewohner des Campo. Da konnte es passieren, dass der Historiker P. Heinrich Denifle auf dem Weg zum Arbeitsplatz im Vatikanarchiv am Campo anklopfte und in Tiroler Akzent fragte, ob es „geschmuggelte Holländer“ gäbe. Gemeint waren die Zigarren aus den Niederlanden, die immer auf Vorrat waren.

So wie die Politik in den Alltag der deutschen Gemeinde am Tiber hineinwirkte, so natürlich auch innerkirchliche Entwicklungen. Der Modernismus-Streit ist zu nennen, der die Kirche fast 100 Jahre zwischen dem Pontifikat von Pius IX. und dem letzten Konzil beschäftigte. Zwar kein ausschließlich deutsches Phänomen, kämpften doch deutsche Forscher und Priester quasi in der ersten Reihe mit, von denen viele einen Bezug zum Kolleg hatten. Dominik Burkard stellt sie in einem vorzüglichen Beitrag vor, mit biographischem Anhang zu den 50 wichtigsten Protagonisten. Anton de Waal, allzeit Verteidiger des Papsttums, hat manchen von denen, die mit den römischen Glaubenswächtern in Konflikt gerieten, zu helfen versucht. Das mag bei einem so klaren Ultramontanen erstaunen.

Es war de Waal aber bewusst, dass die antikatholische Polemik in Deutschland den Katholiken vorwarf, gar nicht unabhängig-wissenschaftlich arbeiten zu können oder zu wollen. So sprang der Rektor wiederholt in die Bresche, wenn er von der Qualität eines Beitrags überzeugt war, auch wenn dessen Autor inkriminiert wurde. De Waal: „Die Pflege der Wissenschaft ist heute mehr denn je Pflicht des Klerus, wenn er seiner großen und hohen Aufgabe entsprechen soll.“ Dem zu dienen tritt der Campo Santo auch im 21. Jahrhundert an, jetzt auch wieder mit dem Doppeladler am Turmkreuz.

Stefan Heid/Karl-Joseph Hummel (Hg.): Päpstlichkeit und Patriotismus – Der Campo Santo Teutonico: Ort der Deutschen in Rom zwischen Risorgimento und Erstem Weltkrieg (1870–1918). Verlag Herder, Freiburg-Brsg./Basel/Wien, 2018, 816 Seiten, ISBN 978-3-451-38130-0, EUR 70,–