Hoffnungsträger und Projektionsfläche

Ein Themenabend über Papst Franziskus in der Konrad-Adenauer-Stiftung. Von Claudia Kock

Der Papst ganz im biblischen Element: Franziskus im November bei einer Begegnung mit Kranken, die von dem italienischen Pilgerreisenveranstalter UNITALIS organisiert wurde. Foto: dpa
Der Papst ganz im biblischen Element: Franziskus im November bei einer Begegnung mit Kranken, die von dem italienischen ... Foto: dpa

Berlin/Hamburg (DT) „Vom ersten Augenblick an überraschte der neue Papst mit Zeichen, Gesten und einem neuen Stil die Kirche und die Welt. Stichworte wie Barmherzigkeit, Armut, Aufbruch an neue Grenzen und seine Aufforderung an die Kirche, nicht nur auf sich selbst und ihre Probleme zu schauen, prägten die ersten Monate seines Pontifikats. Lassen sie auch auf ein neues Programm dieses Papstes schließen?“ Unter diesem Leitwort veranstaltete die Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin einen Themenabend zu Papst Franziskus. Er war gut besucht, trotz des Sturmtiefs mit dem „ausgerechnet jesuitischen“ Namen Xaver – wie Bernd Löhmann, Chefredakteur der stiftungseigenen Zeitschrift „Die Politische Meinung“, bei der Begrüßung schmunzelnd bemerkte –, an diesem Abend durch die Straßen der Hauptstadt fegte und viele Interessierte an der Teilnahme hinderte.

Papst Franziskus, so der Jesuit Hermann Breulmann, der den Abend moderierte, stifte „kreative Verwirrung“ in der Welt. Mit seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“, so Breulmann, habe der Papst, der sich selbst als „naiv und gleichzeitig gewitzt“ charakterisiere, jetzt eine erste Programmatik vorgelegt.

„Mit Franziskus ist das Zweite Vatikanum im Vatikan angekommen“, sagte Rainer Bucher vom Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie der Universität Graz in einem Horizontaufriss zum Auftakt der Diskussionsrunde. Das Konzil habe dem Papst einen neuen Ort zugewiesen: nicht mehr Exklusion, sondern Inklusion auf der Grundlage des Heilswillens Gottes für alle Menschen sei dabei entscheidend. Die Kirche sei kein Selbstzweck, und auch der Papst sei es nicht. Alles und alle in der Kirche seien dafür da, das zu tun, wofür es Kirche gibt. Was das sei, habe das Zweite Vatikanische Konzil sehr schön formuliert: „Die Kirche ist das allumfassende Sakrament des Heils, welches das Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen zugleich offenbart und verwirklicht.“ Seit dem Konzil sei es nicht mehr möglich, dass die Kirche „in die Welt hineinspricht, sich aber gleichzeitig über sie erhaben fühlt“. Es „fordert die Kirche auf, sich der heutigen Welt auszusetzen, um überhaupt in der eigenen Tradition die Wahrheiten entdecken zu können, die einer bedrängten Menschheit weiterhelfen“.

Johannes XXIII. und Johannes Paul II. hätten die Kirche in der Welt als Menschenrechtsgröße positioniert, während Benedikt XVI. versucht habe, die Kirche trotz der Neigung der modernen Welt, alles zu relativieren, auf ihren Glauben hin zu konzentrieren.

Franziskus dagegen verkörpere den Vorrang der Orthopraxie vor der Orthodoxie und damit die pastorale Umkehr, die das Konzil bedeute. Es gehe darum, dass die Kirche jeden Menschen mit Barmherzigkeit anschaut – und sei er noch so weit entfernt von den kirchlichen Normen. Das bedeute die „Verpflichtung der Kirche, sich an den Rändern und Grenzen ihrer Welt zu entdecken, weil sie außerhalb ihrer selbst die Aufgaben findet, über die sie zu sich selbst kommt“. Franziskus erwecke „die Hoffnung, etwas zu sagen zu haben, das diese Welt über ihren ökonomisch und kulturell zunehmend hegemonialen Kapitalismus hinausführt und dabei nicht zurückführt in die Absurdität eines kirchlichen und gesellschaftlichen Konservativismus, der meint, man könne die Leere und die Unbarmherzigkeit einer kapitalistischen Kultur mit einer Rückkehr zu vormodernen Vorschreibungen und Identitätsmustern auffüllen“. Niemand wisse, ob es ihm gelinge, sein Programm durchzuhalten. „Wenn er jesuitische Strategieintelligenz und franziskanische Optionalität verbindet, hat er eine Chance“, sagte Bucher abschließend.

Dieser Papst, so Heinz Bude, Makrosoziologie an der Universität Kassel und Direktor am Hamburger Institut für Sozialforschung, gebe uns ein Gegenüber: die Armen. Er fordere uns heraus zu verstehen, wer in unserer Gesellschaft die Armen sind. Nicht die Frage nach dem Mindestlohn sei die Herausforderung, sondern die Frage, wer die Armen sind. Das Erstaunliche daran sei, dass die Gesellschaft scheinbar gerade auf diese Herausforderung gewartet habe, wie der große Konsens, den Franziskus erhalte, zeige.

Als Hoffnungsträger, wandte die Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Petra Bahr, ein, laufe Franziskus jedoch Gefahr, zur Projektionsfläche zu werden. Viele würden sich gerade nicht persönlich herausgefordert fühlen, sondern würden eher sagen: „Wie gut, dass wir einen solchen Papst haben“ – der zum Beispiel nach Lampedusa geht – und sich dann bequem zurücklehnen. Sie habe den Verdacht, dass die Begeisterung für Franziskus gerade deshalb so stark sei, weil viele Menschen sich von eigener Verantwortung entlastet sähen. Auch kennen ihn die meisten Menschen nicht als Person, sondern nur als mediales Bild. Als Protestantin, so Bahr, fände sie es sympathisch, dass Franziskus „morgens erstmal in die Küche schlappt, um mit seinen Brüdern zu frühstücken. Aber er ist eben noch nicht in meine Küche geschlappt“.

Franziskus vermittle ihr, so Bahr, einen Zugang zur katholischen Kirche jenseits seines Amtes. An Benedikts Texten habe sie sich intellektuell abarbeiten können, während man bei Franziskus die Frage heraushöre: „Was würde Jesus tun?“ Der „Pietist im Sauerland“ könne ebenso etwas in ihm wiedererkennen wie der „Christ im Nahen Osten“. Bei ihm sei kein „Reformprojekt im Anmarsch“, sondern sein Denken sei von der Bibel her bestimmt.

„Es wäre furchtbar“, so Bude, „wenn der Papst in einen Empörungskitsch hineinlaufen würde“. Stichwort Prostitutionsdebatte: Franziskus würde hier nicht in erster Linie danach fragen, ob es Frauen gebe, die ohne äußeren Zwang diesem Gewerbe nachgehen, sondern würde vielmehr fragen: „Wo ist der Schmerz?“

„Gottes Symbole in Nähe zum Menschen zu verwandeln“ sei das, was Franziskus tue, sagte der aus dem Münsterland stammende Bischof von Chosica (Lima), Norbert Strotmann MSC. Man denke nur an seine Umarmung des durch Geschwüre entstellten Mannes. Dieser direkte Zugang zu den Menschen sei sehr typisch für Lateinamerika, wo im Übrigen 43 Prozent aller Katholiken lebten. Er warne davor, Franziskus auf die Erwartungen deutscher Theologen festzulegen. Dringend notwendig sei eine Reform im Machtapparat der Kurie. Franziskus brauche keine feierlich gewandeten Kurialen, sondern „Think Tanks“, die ihm zur Seite stehen. Zu wünschen sei, dass er nicht nachlasse, „mit der Direktheit von Gott zu sprechen wie er es tut. Und er tut es nicht in fundamentalistischer Form. Insofern haben wir einen Papst, der auf die Protestanten zugeht“.