Hoffnungsträger des irakischen Christentums

Nach der Wahl Louis Sakos zum neuen Patriarchen scheint die chaldäisch-katholische Kirche ihre jahrelange Lähmung und Polarisierung zu überwinden. Von Oliver Maksan

Patriarch Louis Sako kann mit starkem Rückhalt in den eigenen Reihen rechnen. Foto: KNA
Patriarch Louis Sako kann mit starkem Rückhalt in den eigenen Reihen rechnen. Foto: KNA

Rom/Bagdad (DT) Mit einer feierlichen Liturgie im Petersdom hat der neue Patriarch der chaldäischen Kirche, Louis Raphael I. Sako, gestern seine eucharistische Gemeinschaft mit dem Papst zum Ausdruck gebracht. Die Kirchengemeinschaft hatte ihm Benedikt XVI. mit einem Schreiben noch am Freitag gewährt, als der bisherige Erzbischof von Kirkuk von der in Rom tagenden Synode zum Nachfolger Emmanuel III. Delly gewählt wurde.

Für die chaldäische Kirche, die seit der amerikanisch angeführten Invasion des Irak 2003 mehr als die Hälfte ihrer Gläubigen an ihre weltweite Diaspora verloren hat, ging mit der Wahl Sakos eine lange Phase der Lähmung an der Kirchenspitze zu Ende. Diese war bedingt durch den prekären Gesundheits- und Geisteszustand des im Dezember 2003 gewählten Altpatriarchen. Rom hatte eine Intervention immer wieder abgelehnt. Ein Eingreifen in die inneren Angelegenheiten der mit Rom unierten Kirche sui iuris erschien auch aus ökumenischen Gründen nicht opportun. Mit seinem altersbedingten Rücktritt machte der 85-Jährige nun kürzlich den Weg für seine Nachfolge frei. Auf dem 64-jährigen Patriarchen Louis Raphael I. ruhen jetzt große Hoffnungen.

Dietmar Winkler, Kirchengeschichtsprofessor an der Universität Salzburg und Kenner des irakischen Christentums, bezeichnete Sako als Hoffnungsträger des orientalischen Christentums. Dieser Zeitung sagte der in der Wiener ökumenischen Stiftung Pro oriente engagierte Theologe: „Sako verfügt sowohl als Wissenschaftler als auch als Kirchenführer national wie international über eine große Reputation. Er hat dem Papst zur Nahostsynode inspiriert. Insofern kann er bei genügend Rückhalt in der eigenen Kirche sicher, ohne ihn zum Heilsbringer zu stilisieren, eine positive Rolle über den Irak hinaus spielen.“ Winkler deutete das Synodenvotum für Sako derweil als Richtungswahl. „Die Synode wollte in jedem Falle einen irakischen Bischof und niemanden etwa aus der amerikanischen Diaspora.“ Sako stehe für Reformen in der Liturgie und für einen offenen Dialog mit dem Islam. Dies sei innerkirchlich so nicht unumstritten. Hinzu kämen, so Winkler, unterschiedliche kirchenpolitische Auffassungen, wie man die christliche Präsenz im Irak am besten sichern könne. Dem Vernehmen nach sollen sich über zwei Drittel der Synodenväter für Sako ausgesprochen haben. Dieser kann deshalb mit großem Rückhalt rechnen. Beobachter erhoffen sich davon eine Überwindung der jahrelangen Polarisierung des Episkopats.

Dies hatte vor allem mit kirchenpolitischen Meinungsverschiedenheiten zu tun. An erster Stelle stand dabei die Frage, wie man sich zu den durch den Sturz Saddam Husseins entfachten Fliehkräften des Landes verhalten sollte. Während einzelne Bischöfe wie Erzbischof Baschar Warda von Ankawa-Erbil sich mit der ethnischen und religiösen Aufteilung des Irak zu arrangieren suchten, betonten andere wie Sako die nationale Einheit des Landes. Virulent war und ist diese Frage vor allem im Nordirak, wo sich die kurdische Autonomie fest etabliert hat und mehr und mehr auf ihre Unabhängigkeit von der Zentralgewalt in Bagdad hinarbeitet. Die kurdische Führung versuchte unter anderem durch finanzielle Zuwendungen, die Loyalität der Christen in der Region zu erkaufen, die dort zu großen Teilen ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet haben. Sako selbst erlebte als Erzbischof der zwischen Kurden und sunnitischen Arabern heftig umstrittenen Öl-Stadt Kirkuk die Folgen der ethnischen Konflikte des Vielvölkerstaates Irak. Immer wieder waren seine Kathedrale und Residenz Ziel von Anschlägen. Dennoch bemühte er sich, sein Haus als unparteiischen Ort des Dialogs und der Begegnung zu etablieren. Dies brachte ihm über Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg hohe Anerkennung ein. Eine deutliche Ablehnung durch Sako erfährt zudem das vor allem unter Diaspora-Chaldäern populäre Konzept einer assyrischen Enklave in der Ninive-Ebene nahe Mossul. Er lehnt sie als lebensunfähige Ghettoisierung der Christen ab. Dem erstarkenden assyrischen Nationalbewusstsein als irakischer, vorislamischer Urbevölkerung setzte Sako, obschon nicht grundsätzlich ablehnend, stets die Betonung der nationalen Einheit des Irak und eine positive Laizität entgegen, die auch christliche Iraker zu gleichwertigen Bürgern machen soll.

Nicht ohne Bedeutung für die Polarisierung des chaldäischen Episkopats waren auch landsmannschaftliche Loyalitäten. So stammten mehrere Bischöfe aus dem Heimatort des jetzt zurückgetretenen Patriarchen Emmanuel. Dies hatte immer wieder für internen Unmut und den Vorwurf der Vetternwirtschaft gesorgt.

Ökumenisch steht der neue Patriarch vor der Herausforderung, die Beziehungen zur nicht-unierten Assyrischen Schwesterkirche zu verbessern. Beide entstammen derselben ost-syrischen Tradition und näherten sich in den neunziger Jahren theologisch an. So konnten Papst Johannes Paul II. und der assyrische Patriarch Mar Dinkha IV. 1994 eine Erklärung unterschreiben, die die christologischen Differenzen ausräumte. Nachdem der Heilige Stuhl 2001 die begrenzte eucharistische Gemeinschaft zwischen beiden Kirchen zuließ, sorgte die Konversion des assyrischen Bischofs Mar Bawai Soro zusammen mit mehreren tausend Gläubigen zur chaldäischen Kirche 2008 indes für einen Eklat und belastet das zwischenkirchliche Verhältnis.

Beobachter sind sich einig, dass der neue Patriarch die praktische ökumenische und interreligiöse Zusammenarbeit zu einem Schwerpunkt machen wird. So meinte Hans Hollerweger, Präsident der in Linz ansässigen Initiative Christlicher Orient und seit Jahren Kenner des Irak und Sakos, gegenüber dieser Zeitung: „Patriarch Louis Raphael I. wird die Zusammenarbeit mit den anderen katholischen und den orthodoxen Kirchen, die derzeit fehlt, im Sinne der Nahostsynode fördern wo immer er kann. Oft habe ich in Kirkuk Begegnungen mit Imamen und Scheichs erlebt. Ich bin überzeugt, dass er diesen Weg weiterhin beschreiten wird und dass seine ehrlichen Bemühungen anerkannt werden.“