Hoffnungen auf eine junge Kirchenmusiker-Generation

Liturgische Bildung nach dem Herzen der Konzilsväter: Das „Institut für Gregorianik“ an der Folkwang Hochschule Essen versteht sich auch als Schule der Spiritualität

In der Benediktinerabtei in Essen-Werden entstand um das Jahr 900 eine der frühesten Quellen der Gregorianik, die „musica et scholica enchiriadis“, das erste Lehrbuch für mehrstimmige Musik. Auch weitere frühere Handschriften zur Kirchenmusik, heute zum Bestand der Landesbibliothek in Düsseldorf gehörend, wurden in den Jahren von 880 bis 910 in der Abtei verfasst. Werden – ein Ort, der die Tradition der Gregorianik bis heute lebendig erhält: Seit Jahrzehnten singt die Musikschola an der Propsteikirche St. Ludgerus, Nachfolgerin der einstigen Abteikirche, an jedem Sonntagvormittag ein Choralhochamt – mit großer Resonanz.

Seit kurzem wird die musik- und kulturgeschichtliche Bedeutung dieses Ortes zusätzlich hervorgehoben: Denn in den Räumlichkeiten des 1803 aufgehobenen Klosters Werden befindet sich seit Anfang April das neue „Institut für Gregorianik“ an der Folkwang Hochschule Essen. „Wir fühlen uns der reichen Tradition dieses Ortes sehr verbunden. Die Steine hier reden und singen mit uns zusammen!“, sagt der Leiter des Instituts, Stefan Klöckner. Der Musikwissenschaftler und Theologe hat zurzeit die einzige Vollzeitprofessur für Gregorianik und Liturgie in Deutschland. Gegründet wurde dieses Institut, um die verschiedenen Aktivitäten im Bereich Gregorianik an der Folkwang Hochschule bündeln zu können. Dazu gehört insbesondere die Koordination der jährlich stattfindenden Sommerkurse Gregorianik. Seit 2002 schon gibt es diese Kurse mit jeweils 60 bis 70 Teilnehmern aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz, aus Belgien und den Niederlanden, in jüngster Zeit auch verstärkt aus Osteuropa und sogar aus Übersee, Japan und Korea. Unter den Teilnehmern der Sommerkurse sind viele Studierende, aber auch Priester mit besonderem Interesse an der Thematik. Das Essener Institut soll auf europäischer Ebene eine herausgehobene Rolle bei der Erforschung der Gregorianik übernehmen: Es hat die Geschäftsführung der „Gregorianischen EUREGIO“ – ein Kooperationsprojekt der Folkwang Hochschule Essen, der Katholischen Hochschule in Löwen, Belgien, und dem Königlichen Konservatorium in Den Haag.

Die Erforschung der Gregorianik hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Verschiedene Illustrationen des Mittelalters zeigen Papst Gregor den Großen, schreibend, die Melodien kirchlicher Choräle durch Inspiration des Heiligen Geistes in Gestalt einer Taube empfangend. Über lange Zeit galt Gregor der Große als direkter Autor der ersten Gregorianischen Choräle. Diese Auffassung, entstanden im 10. und 11. Jahrhundert, ist jedoch aus heutiger Sicht historisch nicht zu halten. Vielmehr entstand der Gregorianische Choral in seinem Kern in der Zeit zwischen 760 und 790 im Fränkischen Reich – durch Verschmelzung altrömischer und fränkischer, sprich: altgallikanischer, Traditionen. Darin sind sich die Forscher, Historiker und Musikwissenschaftler inzwischen weitgehend einig.

Impulsgebend bei der Entstehung der Gregorianik war die sogenannte „karolingische Renovatio“, vor allem unter Karl dem Großen. Ihr Ziel: eine grundlegende Erneuerung des römischen Reichsgedankens. Die Renovatio umfasste aber auch das Bildungswesen, auch die Kirche, zielte auf die Übernahme der römischen Liturgie mit der damals Völker und Kulturen verbindenden Sprache Latein für das Fränkische Reich. Dabei kam es zu Vermischungen: Durch Aufeinandertreffen zweier Formen liturgischen Gesangs – der fränkischen, sogenannten altgallikanischen, Tradition und der altrömischen Tradition – bildete sich der Gregorianische Choral heraus.

Eine wesentliche Rolle bei der raschen Verbreitung und Verschriftlichung der zunächst nur mündlich tradierten liturgischen Gesänge spielten die Benediktinerklöster, das kulturelle Rückgrat der karolingischen „Renovatio“. Den Klöstern kam das Verdienst zu, die „Spiritualität des erklingenden Wortes“ durch das Stundengebet stetig weitergepflegt und schriftlich niedergelegt zu haben. Wichtigster und bis heute prominentester Ort zur Überlieferung der Gregorianik war die Schreibschule von St. Gallen: Dort wurde die älteste vollständig erhaltene Dokumentation zur Gregorianik, das berühmte Cantatorium, geschrieben. Aber auch die Abtei Werden war ein wichtiger Ort.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Choral mehr und mehr aus der Liturgie verdrängt und melodisch verstümmelt. Erst im 19. Jahrhundert kam es nach und nach zur Wiederentdeckung. Gefördert wurde dies vor allen durch die französische Abtei Solesmes. Die umfangreichen Forschungsarbeiten in der dortigen Klosterbibliothek waren Grundlage des 1908 herausgegebenen „Graduale Romanum“ – als der ersten vollständigen Dokumentation der reichen Tradition liturgischen Gesangs anhand mittelalterlicher Quellen.

Als bis heute gültiges kirchenmusikalischen Grundgesetz gilt jedoch das Motu propio zur Kirchenmusik, das Pius X. im November 1903 veröffentlichte. Er hob darin hervor, es sei wesentlich, das Volk an den Gesängen der Liturgie zu beteiligen. Der Begriff der „tätigen Teilnahme“, der „actuosa participatio“ am Gottesdienst wird zum ersten Mal im Motu propio des Jahres 1903 gebraucht. Auch das Zweite Vatikanum unterstrich die Bedeutung des Gregorianischen Chorals: In der Feier des Gottesdienstes solle der Choral den ersten Platz einnehmen. Das Konzil hob dabei in besonderer Weise die positive Wirkung der Musik auf den Menschen hervor und in diesem Kontext den Stellenwert des Gregorianischen Gesangs als dem der römischen Liturgie zutiefst eigenen Gesang. Auch Johannes Paul II. und in jüngster Zeit Benedikt XVI. haben immer wieder die spirituelle Kraft des Chorals hervorgehoben. So äußerte Johannes Paul II. im Jahr 2003 – anlässlich des 100. Jahrestages der Veröffentlichung des Motu propio zur Kirchenmusik: „Der Gregorianische Gesang ist bis heute ein Element der Einheit in der römischen Liturgie!“

Tendenzen der letzten Jahre zur Kommerzialisierung und Vermarktung der Gregorianik haben den spirituellen Charakter der Choräle möglicherweise etwas zurückgedrängt. Es gilt heute, den Gregorianischen Gesang als „Schule der Spiritualität“ wieder zu entdecken und in der Feier des Gottesdienstes neu zu verankern, das heißt, die Tradition der Gregorianik fortzuführen und lebendig zu erhalten. Das, betont Stefan Klöckner, sei wesentliches Ziel des neuen Instituts an der Folkwang Hochschule Essen. „Was ich beobachten kann, gibt es da eine positiv stimmende Entwicklung, die darauf abzielt, dass sehr behutsam, aber zugleich doch sehr stringent Gregorianische Gesänge in der Liturgie wieder eingepflanzt, neu implementiert werden, weil eine junge Kirchenmusiker-Generation sehr vorurteilsfrei und ohne ideologische Verengung diese Gesänge neu entdeckt und sich aneignet – in ihrer Lebendigkeit, aber auch in ihrer Existenzialität. Das macht mir Mut für die Zukunft, dass die Gregorianik auch in den Gemeinden den Stellenwert zurückerhält, der ihr gebührt.“