Hoffnung auf eine Änderung der Atmosphäre

Kasper zum Nahost-Besuch – Papst-Ansprachen kennt er nicht

Rom (DT) Für Kardinal Walter Kasper, Leiter des vatikanischen Einheitsrats und zugleich Präsident der bei diesem Rat angesiedelten Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, betrifft die Reise Benedikts XVI. ins Heilige Land das ureigenste „Geschäft“. Nicht nur, dass Jerusalem wie kaum ein anderer Ort auf der Erde die ganze Vielfalt der christlichen Konfessionen zeigt und ein Auftritt des Papst dort auch ein ökumenisches Ereignis ist. Vor Journalisten in Rom wies der Kardinal auch auf die Bedeutung hin, die der Besuch für den katholisch-jüdischen Dialog haben werde.

Vor allem aber gehe es darum, die Christen zu stärken. Diese machten in Israel zwei Prozent der Bevölkerung aus. Es sei eine Minderheit und viele von ihnen, vor allem jüngere Menschen, sähen sich gezwungen, das Land zu verlassen. „Mit meinem Besuch beabsichtige ich, die Christen des Heiligen Landes, die tagtäglich nicht wenigen Schwierigkeiten begegnen, zu stärken und zu ermutigen“, hatte Papst Benedikt am Sonntag beim Gebet des „Regina coeli“ gesagt, und Kardinal Kasper unterstrich die Bedeutung dieser Wort. Die Begegnung mit der katholischen Minderheit sei das Wichtigste während der päpstlichen Pilgerreise der kommenden Tage.

Die Lage der Christen im Heiligen Land ist trostlos. Kardinal Kasper nannte zwei Beispiele. Bethlehem sei eine weitgehend christliche Stadt gewesen. Aber die Christen hätten sie verlassen. Eingezäunt zwischen Jerusalem und den palästinensischen Autonomiegebieten sei hier das wirtschaftliche Leben fast vollkommen zum Erliegen gekommen. Hoffentlich gelinge es dem Papst, „die Atmosphäre zu ändern und aus der Sackgasse herauszuführen“, sagte der Kardinal. Was die Zukunft von Juden und Palästinaarabern angehe, so bekräftigte der Präsident des Einheitsrats den Standpunkt des Vatikans, der für eine Zwei-Staaten-Lösung für Israelis und Palästinenser eintritt. Ob und wie Katholiken aus dem Gaza-Streifen zur geplanten Begegnung mit dem Papst nach Bethlehem kommen würden, wusste Kasper nicht.

Als zweites Beispiel nannte der Kardinal das Identitätsproblem der Christen in Israel. Katholische Araber in Galiläa zum Beispiel, die zum Weltjugendtag 2005 nach Köln eingeladen worden seien, hätten nicht gewusst, unter welcher Fahne sie dort auftreten sollten. Sie hätten einen jüdischen Pass, seien aber keine Juden, sondern Araber – was es ihnen unmöglich mache, die Fahne mit dem Davidsstern zu tragen. Als Israelis könnten sie aber auch nicht die palästinensische Fahne verwenden. Also hätten sie für den Weltjugendtag ihre eigene Fahne frei erfunden, erinnerte sich Kasper.

Was das Zusammenleben der Katholiken mit den anderen christlichen Konfessionen angehe, so habe sich die Lage verbessert, meinte der Kardinal, die Zeit der „Kloppereien“ in der Grabeskirche oder in Bethlehem zwischen Lateinern und Orthodoxen seien wohl vorbei. Man komme zu regelmäßigen Treffen zusammen, alle hätte die gleichen Schwierigkeiten und auch wenn sich die griechisch-orthodoxe Kirche im Heiligen Land als „Mutterkirche“ bezeichne, erwarte sie doch Hilfe von den Lateinern, die mit dem Vatikan über ein diplomatisches Instrumentarium und internationale Kontakte verfügten.

Zur Vorbereitung der Begegnungen Benedikts XVI. mit den Juden habe seine Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum einige Aufzeichnungen an den Papst geschickt. Persönlich mit ihm über die Reise gesprochen habe der Heilige Vater nicht, meinte Kardinal Kasper. Auch die Frage, ob er die Passagen in den Ansprachen des Papstes gelesen habe, die die Beziehungen der Kirche zum Judentum betreffen, musste Kasper verneinen. Der Kardinal scheint nicht zum engeren Kreise derer zu gehören, die den Besuch Benedikts XVI. im Heiligen Land vorbereitet haben.

Zum Judentum gebe es inzwischen „stabile Verhältnisse“, meinte Kasper. Bei den jüngsten Irritationen im Zusammenhang mit der Karfreitagsfürbitte und dem unseligen Fall Williamson habe er, Kasper, darauf zurückgreifen und die offenen Fragen brieflich und telefonisch klären können. Der Kardinal bedauerte allerdings, dass das Wissen um Christliches in Israel ganz schwach verbreitet sei. Vom Neuen Testament wüssten Juden kaum etwas. Da habe schon der Besuch von Johannes Paul II. viel bewirkt. Und er hoffe, dass hier auch die Pilgerfahrt des jetzigen Papstes etwas bewirken werde. Zu dem kritischen Text über Pius XII. in der „Halle der Schande“ in Yad Vashem sagte Kasper, dass die Juden heute schon wüssten, „dass sie das nicht so lassen können“. Aber dieser Bildtext sei ein Politikum geworden. Vielleicht entferne man ihn nach dem Besuch des Papstes.