Hören, Singen und Glauben

Wie die Schola "lux aeterna" den gregorianischen Choral als Türöffner zur katholischen Tradition erlebte. Von Barbara Stühlmeyer

Bergpredigt
Der gregorianische Choral ist tief spirituell und besitzt auch heute noch eine enorme Anziehungskraft. Foto: KNA

Die Stimmung in der Kirche ist gesammelt. „Requiem aeternam dona eis, Domine: et lux perpetua luceat eis – die ewige Ruhe gibt ihnen, Herr, und das ewige Licht leuchte ihnen.“ Die Schola singt konzentriert, mit einer Stimme und zugleich mit jener Selbstverständlichkeit, die verrät, dass sie den Introitus, den sie singen, mit dem Herzen kennen.

Das war nicht immer so, denn die Sängerinnen und Sänger der Liechtensteiner Schola lux aeterna sind nicht mit dem Requiem aufgewachsen. Sie haben es unter der Leitung von Krystian Skoczowski einstudiert. Die Idee für dieses Projekt, das eine gleichsam von innen her leuchtende Lebens- und Glaubensgeschichte ist, kam Norma Beck, einer der Sängerinnen, als sie bei Krystian Skoczowski im Rahmen der alljährlich stattfindenden Musikkurswochen in Arosa einen Workshop zum Thema gregorianischer Choral besuchte. Die Art, in der der Kirchenmusiker der Gruppe die alten liturgischen Gesänge vermittelte, weckte bei Norma eine Erinnerung an ihre Kindheit in der Zeit zwischen dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der Liturgiereform. Später ging es ihr wie vielen anderen auch: Sie verlor mit dem Erwachsenwerden die Verbindung zu Kirche und Glauben. Doch – und auch hier gleicht Norma Becks Geschichte der zahlreicher anderer Menschen – die Sinnfrage blieb. Deshalb suchte sie eine Zeit lang an weit entfernten Orten nach dem, was einst so nah gewesen war und fand erst nach vielen Jahren wieder zur Kirche zurück.

Doch es war trotzdem nicht dasselbe. Etwas fehlte. Etwas, das sie in einem Gregorianikkurs mitten zwischen Workshops für Waldhorn, Akkordeon und Mundharmonika auf einmal wiederentdeckte. Sie sprach Krystian Skoczowski an und begeisterte ihn für ihre Idee. Keine schwere Aufgabe, denn Skoczowski ist ein Kirchenmusiker, der den gregorianischen Choral besonders liebt. 1968 in Hanau geboren, studierte er Kirchenmusik, Denkmalschutz und Musikwissenschaft. Er unterrichtet an der Universität zu Köln und am Institut für Kirchenmusik im Bistum Mainz, für das er auch als Orgelsachverständiger tätig ist. Als Kantor wirkt er an der Pfarrkirche St. Elisabeth in Hanau-Kesselstadt.

Kennengelernt hat Skoczowksi den gregorianischen Choral wie fast jeder Kirchenmusiker im Studium. Unterrichtet wurden die Prinzipien der gregorianischen Semiologie, die großen Wert auf das Wort-Ton-Verhältnis und die ursprüngliche rhythmische Bedeutung der Neumenzeichen legt, in denen die Gesänge in den ältesten Handschriften notiert worden sind. Diese Prinzipien werden inzwischen überall an den Hochschulen gelehrt. Diejenigen, die ihr Leben der Erforschung des Chorals gewidmet haben, freut das, denn es war nicht leicht, sich gegen die vorher praktizierte, äqualistische Methode durchzusetzen. Weil sie von der Richtigkeit dessen, was sie bei ihren Forschungsarbeiten herausgefunden haben, überzeugt sind, lassen sie nun, da sie selbst die Lehrenden sind, keine anderen Methoden mehr zu.

Für Skoczowski war das zunächst kein Problem, er kannte es ja nicht anders. Bis er eines Tages in den Klöstern Marienstatt im Westerwald und Clervaux (Luxemburg) Mönche den Choral singen hörte, wie er es bis dahin nicht erlebt hatte. Was ihn besonders ansprach: Hier brachten Menschen nicht Forschungsergebnisse, sondern ihren Glauben zum Klingen. Dass sie dabei anders sangen, als er es gelernt hatte, fiel nicht ins Gewicht. Im Gegenteil, es machte ihn neugierig und er begann, sich für die alte Form, Gregorianik zu singen, zu interessieren. Er erkannte, dass man unabhängig von der Interpretationsschule zu einem Klang finden kann, der gleichzeitig künstlerisch-musikalisch überzeugt und dem Glauben einen Ausdruck gibt.

Seitdem ist der Kirchenmusiker, was den Choral angeht, in beiden Welten zuhause. Er kann gemäß der Solesmenser Schule oder semiologisch basiert singen und unterrichten. Aber mit dieser musikalischen Weite des Herzens ist er zugleich zwischen allen Stühlen gelandet. Denn leider sind die Gräben zwischen denen, die einer der beiden Methoden anhängen, sehr tief. Wer einem Semiologen anvertraut, dass er gemäß der Schule von Solesmes singt, gilt schnell als gregorianischer Häretiker. Und auch diejenigen, für die das Graduale Romanum die allein gültige Ausgabe des Chorals ist, reagieren empfindlich, wenn jemand die Töne anders setzt, als sie es für richtig halten. Es ist im Grunde ähnlich wie mit der Feier der Heiligen Messe. Auch hier fällt es vielen schwer, zu akzeptieren, dass es einen alten und einen neuen Ritus gibt, und dass es sehr wohl möglich ist, beide zu feiern, und dass es sogar eine Menge Sinn machen würde, beide zu erlernen – sowohl für Priesteramtskandidaten als auch für Kirchenmusikstudenten.

Für die Schola „lux aeterna“ aber wurde Krystian Skoczowskis Ansatz zum Erfolgsmodell. Sie fanden in ihm einen Leiter, der ihnen auf eine unkonventionelle und leicht nachvollziehbare Weise ein Repertoire, das gregorianische Requiem, nahebrachte, das eine Wirkung in ihnen entfaltete. Schließlich handelt es sich hier um eine inspirierende Glaubensgeschichte. Denn die Mitglieder der Schola waren ursprünglich überwiegend Außenstehende, Fernstehende, Suchende. Doch die Einstudierung des Requiem und ihr Dienst als Sängerinnen und Sänger in der Liturgie hat sie spürbar verändert. Skoczowski schreibt dies der Kraft der alten Gesänge zu. „Ein Jahr lang haben wir uns im Abstand einiger Wochen immer wieder getroffen und uns ganz auf das Erlernen der Gesänge der Totenmesse konzentriert. Die einzige Abwechslung war die Missa de angelis. Das führte zu einer Konzentration in jeglicher Hinsicht, auch wenn die Sängerinnen und Sänger religiös sehr unterschiedlich orientiert sind. Es hat viele Vorurteile gegenüber der katholischen Tradition relativiert“, betont Skoczowski. Gerade das älteste musikalische Repertoire der Kirche verfügt über eine besonders öffnende Kraft.

Tatsächlich wirkt die einstimmige Gregorianik enorm zentrierend. „Der Choral bewirkt, dass die Sänger zu einer Stimme finden“, erklärt der Kantor. Die Erfahrung, dass die alten Gesänge Menschen ihren Glauben neu entdecken lassen, macht er bei seinen Kursen häufiger. Interessanterweise sind besonders weltliche Institutionen wie die Musikkurse in Arosa oder evangelische Bildungshäuser offen für die besondere Verbindung von Musik und Spiritualität, die Skoczowski in seinen Kursen anbietet. Hier hat man auch kein Problem damit, dass die erlernten Gesänge gleich im gemeinsamen Stundengebet, also dort, wo sie hingehören, praktiziert werden. Und man ist offen dafür, dass dieser Kirchenmusiker sich mit der gesamten Bandbreite der Tradition auskennt und sie praktiziert. Die Geschichte von Norma Beck, Krystian Skoczowski und der Schola Lux aeterna zeigt: Neuevangelisation hat viele Gesichter und manchmal ist es gerade das klingende Gotteslob, das die verschlossenen Türen öffnet.