„Höchste Besorgnis“

Polens Bischöfe warnen in einem Hirtenbrief zum Fest der Heiligen Familie vor den Gefahren der Gender-Ideologie. Von Stefan Meetschen

Will ich Frau sein oder doch lieber Mann? Die Gender-Ideologie reduziert das Geschlecht von Menschen auf eine fragwürdige Entscheidung. Foto: dpa
Will ich Frau sein oder doch lieber Mann? Die Gender-Ideologie reduziert das Geschlecht von Menschen auf eine fragwürdig... Foto: dpa

Zakopane/Warschau (DT) Mit scharfen Worten haben die polnischen Bischöfe in einem Hirtenbrief aus Anlass des Festtages der Heiligen Familie vor dem zerstörerischen Einfluss der Gender-Ideologie auf die Gesellschaft gewarnt. In dem Schreiben, das in sämtlichen Kathedralen und Pfarreien des Landes während der Sonntagsmessen verlesen wurde, heißt es: „Wie die Geschichte der Menschheit zeigt, ist die Geringschätzung des Schöpfers immer gefährlich und eine Bedrohung für die glückliche Zukunft des Menschen und der Welt. Deshalb muss es höchste Besorgnis auslösen, dass es Versuche gibt, den Begriff der Ehe und der Familie umzudefinieren und aufzuzwingen, wie dies heutzutage besonders von den Anhängern der Gender-Ideologie geschieht und von den Medien unterstützt wird.“

Die Gender-Ideologie, so die polnischen Bischöfe weiter, sei „das Resultat eines seit Jahrzehnten stattfindenden ideell-kulturellen Wandels, welcher tief verwurzelt im Marxismus und Neomarxismus“ sei und welcher von „feministischen Bewegungen und der sexuellen Revolution“ getragen werde. Die Gender-Ideologie basiere auf Grundsätzen, welche „völlig konträr zur Realität“ seien und sich nicht mit dem „integralen Verständnis der Natur des Menschen“ vereinbaren ließen.

Ferner warnen die Bischöfe in ihrem Schreiben vor dem „tief destruktiven Charakter“ der Gender-Ideologie gegenüber der Person und den menschlichen Beziehungen, bis hin zum gesamtgesellschaftlichen Leben. Sie beklagen eine manipulative Verbreitung, denn: Seit einigen Monaten sei „ohne Wissen der Gesellschaft und ohne Genehmigung des polnischen Volkes“ diese Ideologie in „verschiedene Strukturen des sozialen Lebens, wie Erziehung, das Gesundheitssystem, kulturelle Aktivitäten, Ausbildungszentren und Nicht-Regierungsorganisationen“ eingeführt worden. Zum Abschluss des Briefes betonen die polnischen Bischöfe ausdrücklich, dass ihre Kritik keine Diskriminierung oder „Abwertung“ von Personen mit homosexuellen Neigungen sei, man müsse jedoch mit „Nachdruck unterstreichen“, dass praktizierte Homosexualität „tief ungeordnet“ sei und man die Ehe, also die Gemeinschaft von Mann und Frau, keinesfalls mit homosexuellen Beziehungen gleichsetzen dürfe. Außerdem betonen die polnischen Bischöfe, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen habe, also nicht als ein Wesen, wie von Gender-Ideologen unterstellt, das sein Geschlecht selbst wählen, ändern oder sozial konstruieren könne.

Der Brief der Bischöfe stieß bei zahlreichen katholischen Institutionen Polens, wie etwa dem Forum der polnischen Frauen, auf Zustimmung. Lediglich von der als liberal geltenden katholischen Zeitung „Tygodnik Powszechny“ in Krakau wurde Kritik geäußert, ob Gender tatsächlich der Grund sei für „die Krise der Familie“.

Im südpolnischen Wintersportort Zakopane verlas der Metropolit von Krakau, Kardinal Stanis³aw Dziwisz, den Brief persönlich in der dortigen Stadtkirche, die der Heiligen Familie geweiht ist. Dazu bemerkte der frühere Sekretär von Johannes Paul II., dessen Aussagen zur Familie im Brief zitiert werden: „Es gab Versuche, zu verhindern, dass die Priester des Landes diesen Brief lesen, deshalb habe ich mich entschieden, diesen Brief hier in dieser Kirche zu lesen.“ Das Schreiben, so Kardinal Dziwisz weiter, entstamme der bischöflichen „Verantwortung für die Familie und das Gut der Nation“.

Laut des Sekretärs der Polnischen Bischofskonferenz, Wojciech Polak, existieren zwei verschiedene Fassungen des Briefes. Der öffentlich in den Gemeinden vorgetragene Brief sei allgemeiner verfasst, im Unterschied zu einer Fassung, die für Priester und Religionslehrer bestimmt sei.

Vorübergehend befand sich die längere Brieffassung auf der Homepage der Katholischen Nachrichtenagentur Polens (KAI). Wie Polak zugab, sei ihm nicht bekannt, wie diese Fassung dort hingelangt sei.

Das Thema Gender bewegt die polnische Kirche nicht nur als Reaktion auf die massive Verbreitung dieser Ideologie in den Medien.

Immer wieder kam es in jüngster Zeit an polnischen Universitäten zu Ausschreitungen gegen Geistliche, welche auf Gender als eine Bedrohung für das christliche Menschenbild hinweisen wollten. Die Bevollmächtigte der Regierung für Gleichstellung, Agnieszka Koz³owska-Rajewicz, hatte wenige Tage vor der Veröffentlichung des Briefes die Bischöfe gewarnt, dass sie im Fall der Gender-Ideologie nicht wüssten, wovon sie sprechen würden. Dabei hatten viele Mitglieder der Bischofskonferenz sich durch Gastvorträge ausgewiesener internationaler Experten auf dem Feld der Gender-Ideologie, wie beispielsweise der deutschen Autorin Gabriele Kuby („Die globale sexuelle Revolution“), die auf Einladung des Warschauer Metropoliten Kardinal Kazimierz Nycz Vorträge hielt, ein detailliertes Bild gemacht vom Hintergrund und Inhalt der Gender-Ideologie, weshalb die Bischöfe in ihrem Schreiben offensichtlich ganz gezielt auf die im Zusammenhang mit Gender ansonsten üblichen Begriffe wie „Mainstreaming“, Studien oder Theorien verzichten.

Der Brief der polnischen Bischöfe ist bereits die dritte öffentliche Stellungnahme gegen Gender durch Bischöfe in Europa. Anfang des Monats hatten die Bischöfe der Slowakei gegen die Aufwertung homosexueller Partnerschaften Stellung genommen und die Gender-Ideologie als Auswuchs einer „Kultur des Todes“ verurteilt. Zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember hatte der Schweizer Bischof Vitus Huonder in seiner Diözese Chur ein Schreiben verlesen lassen, das vor der Verwischung der natürlichen Unterschiede der Geschlechter warnt und insbesondere auf die „staatliche Vereinnahmung“ von Kindern zugunsten des Genderismus und die politische Infragestellung von Ehe und Familie hinweist.