Heute kommt die Welt, um in Damaskus Paulus zu hören

Der melkitische Patriarch Gregorios III. Laham lobt im „Tagespost“-Interview die modellhafte Religionsfreiheit in Syrien

Welche Bedeutung hat das Paulus-Jahr für Syrien?

Wir danken dem Heiligen Vater für dieses Festjahr. Es sind drei große Stätten, die in besonderer Weise mit Paulus zu tun haben: sein Geburtsort Tarsus, Rom als Stadt seines Martyriums, aber vor allem Damaskus, seine größte Heimat, weil er hier den Herrn gesehen hat. Diese seine Erfahrung der Begegnung mit Jesus hat Paulus in allen seinen Briefen immer und immer wieder erwähnt. Damaskus hat Paulus berühmt gemacht, und umgekehrt hat Paulus auch Damaskus berühmt gemacht. Deshalb hatten wir uns vorgenommen, in diesem Jubiläumsjahr als Dank vieles zu machen.

Welche öffentlichen Aktivitäten hat die Kirche in Damaskus zum Paulus-Jahr entfaltet?

Wir haben eine Feier der Frühkommunion mit 1 800 Kindern aus allen Pfarreien, die ihre Liebe zu Jesus und zu Paulus zeigten, gemacht. Es gab eine Begegnung der Laien-Bruderschaften, die ihre Liebe zu Paulus zeigen wollten. Und nun gab es dieses Triduum, zu dem wir die Vertreter von 30 Bischofskonferenzen eingeladen haben, um aller Welt Syrien zu zeigen. Vertreter aus Europa, Amerika, Asien und Afrika waren dabei. Wir wollten zeigen, dass diese Vielfalt der Kulturen und der Sprachen aus der Zeit des Paulus bis heute in der Vielfalt der christlichen Konfessionen und Riten hier zuhause ist. Wir wollten unseren christlichen und muslimischen Mitbrüdern zeigen, dass wir eine Kultur haben. Diese Kulturen, die wir seit weit mehr als tausend Jahren in unseren Gesängen pflegen, müssen weiterleben. Heute besteht die große Herausforderung darin, dass wir den Glauben an die Jugend weitergeben. In Syrien und der ganzen arabischen Welt sind 70 Prozent der Bevölkerung Jugendliche. Wir müssen als Christen zeigen, dass wir die Kraft haben, den Glauben an die Muslime weiterzugeben: Nicht in dem Sinne, dass wir sie bekehren, denn das ist die Sache Gottes, sondern indem wir zeigen, dass wir sie lieben und dass wir Gott lieben und ehren. Wir glauben an einen Gott. Das ist es, was uns eint! Unsere Feiern waren eine Manifestation dessen, was der Präsident Syriens gesagt hat, als er den Heiligen Vater Johannes Paul II. im Jahr 2001 empfangen hat: „Syrien ist der Geburtsort des Christentums. Palästina ist der Geburtsort Jesu, aber Syrien ist der Geburtsort des Christentums.“

Alle christlichen Konfessionen verehren den heiligen Paulus. Sind die Konfessionen Syriens durch dieses Paulus-Jahr noch näher zusammengerückt?

Es gab bei der Festveranstaltung am Samstag in der Oper die Lieder der christlichen Chöre. Sie haben uns Patriarchen aufgerufen, das Osterfest zusammen zu feiern und noch mehr zu tun, damit wir ein gemeinsames Glaubenszeugnis geben. Am Sonntag besuchten wir auf Einladung des Ministeriums für die Religiösen Angelegenheiten die Omajjaden-Moschee und gingen gemeinsam – Kardinäle, Bischöfe und Scheichs – zum Grab des heiligen Johannes des Täufers. Und am Montag empfing uns der Präsident Syriens. Bei einer zweitägigen Konferenz konnten die Vertreter der Konfessionen Syriens über ihre Kirchen sprechen. Nie haben in einem Land Staat und Kirche zusammen so viel gemacht, wie Damaskus im Paulus-Jahr. Wir sind stolz und dankbar für Paulus. Er hat in der ganzen Welt von Damaskus gesprochen, und heute kommt die ganze Welt, um in Damaskus Paulus zu hören.

Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen ist in Syrien besser als in den meisten anderen islamisch dominierten Ländern. Könnte Syrien hier beispielgebend wirken für andere Staaten der Region?

Zunächst möchte ich betonen, dass wir melkitischen Katholiken ein Modell sind: selbstständig als Orientalen und zugleich in Einheit mit Rom. Das ist schon ein Modell! Modellhaft ist auch das Zusammenleben von Christen und Muslimen. Der Staat ist laikal, aber gläubig. Er lässt den Gläubigen freie Bewegung im Beten, Singen und Feiern, auch im Dozieren und in der Veröffentlichung unserer Bücher. Wir erfreuen uns in Syrien einer ganz großen, einmaligen und modellhaften Freiheit der Religionen und des Glaubens. Dafür danken wir Gott und unserem Präsidenten.