„Hervorragende Brückenbauer“

Orientalische Christen bieten ein unausgeschöpftes Potenzial: Ein Gespräch mit Simon Jacob vom Zentralrat der Orientalischen Christen in Deutschland. Von Barbara Wenz

Simon Jacob, ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der orientalischen Christen in Deutschland. Foto: ZOCD
Simon Jacob, ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der orientalischen Christen in Deutschland. Foto: ZOCD

Simon Jacob ist Gründungsmitglied des „Zentralrats der orientalischen Christen in Deutschland“ (ZOCD) und war bis vor kurzem auch dessen Vorsitzender. Bei der Generalversammlung vom 5. Juli 2015 hat Mike Malke ihn in diesem Amt abgelöst, Jacob hat eine neue Herausforderung als „Friedensbotschafter“ übernommen. Seit der Gründung im März 2013 hat der ZOCD eine breite Öffentlichkeit erreichen und die Interessen der gut 200 000 in Deutschland lebenden orientalischen Christen aus verschiedenen Ländern in Politik und Gesellschaft transportieren können.

Herr Jacob, wie kam es zur Idee der Gründung des Zentralrats?

Vor fünf Jahren lud die Konrad Adenauer Stiftung Kirchenvertreter nach Berlin ein. Es wurde der Wunsch geäußert, insbesondere auch Laien hinzuziehen, die die Situation aus der Sichtweise der Diaspora wiedergeben konnten. Schnell wurde allen klar, dass wir auch im Besonderen das Augenmerk auf den damals aufflammenden Arabischen Frühling richten mussten, welcher für die Christen im Nahen Osten, und in diesem Fall auch für die eigenen Verwandten in den Regionen, eher in einen Arabischen Winter münden würde. Daraus resultierend stellte sich die Frage nach einer politischen Stimme, welche im medialen und gesellschaftlichen Rahmen für die orientalischen Christen in Deutschland, aber auch im Nahen Osten, eine Plattform bietet. Während dieser Gespräche entstand die Gründungsidee des Zentralrates Orientalischer Christen.

Welches sind die thematischen Schwerpunkte in der Arbeit des ZOCD? Wie organisiert er sich?

Der Zentralrat ist eine Laienorganisation, die mit dem Klerus eng zusammenarbeitet, ebenso wie mit politischen Institutionen, um sich auf möglichst vielen Ebenen austauschen zu können. Er ist und bleibt dabei verankert im orientalischen Christentum mit dessen vielfältigen Kirchen und Riten. Der Zentralrat, der noch recht jung ist, finanziert sich komplett über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Im letzten Jahr gewährte uns die Evangelische Landeskirche in Bayern eine Unterstützung in Höhe von 20 000 Euro, für die wir sehr dankbar sind. Obwohl die politische Landschaft unsere Kenntnisse intensiv annimmt, wir werden sehr oft zu Vorträgen und Diskussionsrunden eingeladen, hat man uns auf dieser Ebene bisher noch keinerlei Unterstützung zukommen lassen. Bis vor einigen Monaten haben ausschließlich ehrenamtliche Mitglieder alle Aktivitäten übernommen. Nun können wir uns endlich auch eine Teilzeitkraft leisten.

Welchen Stellenwert hat hier die Arbeit mit Flüchtlingen?

Unser Schwerpunkt war und ist besonders die Flüchtlingsarbeit, ein Thema, das – leider – im Laufe der letzten zwei Jahre zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Wir beziehen diesen Fokus auch in unsere Öffentlichkeitsarbeit und medialen Aktivitäten ein. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, auf die Situation der Christen und anderer Minderheiten im Nahen Osten hinzuweisen. Ohne zu übertreiben kann man sagen, dass das Christentum, aber auch das Jezi-dentum, kurz vor der totalen Vernichtung im Nahen Osten stehen. Damit einhergehend verliert auch der christliche Glaube in der westlichen Welt seine Wurzeln.

In der persönlichen Rückschau auf die letzten beiden Jahre seit Gründung des ZOCD: Was waren für Sie die größten Erfolge? Was hat Sie am meisten beeindruckt auf Ihren Reisen zu den Christen in Irak und Syrien?

Noch vor Jahren war den öffentlich-rechtlichen Medien das Thema sehr unangenehm. Wenige Journalisten hatten den Mut, darüber zu sprechen. Deshalb waren für mich unsere Reportagen mit der ARD, dem ZDF und weiteren Medien, welche ohne unsere aktive Unterstützung so nicht zustande gekommen wären, ein großer Erfolg.

In diesem Zusammenhang bin ich auch den Journalisten, die mitgewirkt haben, mehr als dankbar. Ebenfalls, neben unzähligen Vorträgen und Reisen in den Nahen Osten, alles ehrenamtlicher Natur, sind zwei Konferenzen zu erwähnen, die wir gemeinsam mit der Hanns-Seidel-Stiftung in Bayern durchgeführt haben. Diese Institution hatte es sich auf die Fahnen geschrieben, im politischen Rahmen für die Verfolgten dieser Welt einzustehen. Besondere Highlights waren die Besuche im Deutschen Bundestag, zwei Treffen mit dem Bundespräsidenten und weiteren hochkarätigen Politikern. Bemerkenswert stachen hier einige Politiker der CDU/CSU hervor, die sich nicht davor scheuten, die Problematik beim Namen zu nennen, wie zum Beispiel Herr Kauder, Herr Singhammer oder auch der Integrationsbeauftragte in Bayern, Martin Neumeyer, der mit mir bereits die Türkei und den Nordirak bereiste.

Was haben Sie in der Arbeit für den ZOCD als Niederlage empfunden? Wo ist Potenzial?

Gerne würden wir noch viel mehr Kirchen von unserer Arbeit überzeugen. Anfangs gestaltete es sich schwierig, aufgrund der tiefen Fragmentierung innerhalb der orientalischen Riten, alle an einen Tisch zu bringen. Doch inzwischen lösen sich die Blockadehaltungen immer mehr auf. Der Klerus sieht einen Gewinn in unserer Arbeit. Wie anfangs erwähnt, hätten wir uns auch mehr finanzielle Unterstützung seitens der Politik gewünscht. Manchmal war ich doch sehr frustriert darüber, dass man zwar unsere Kenntnisse gerne in Anspruch nahm, aber nicht bereit war, uns darüber hinaus zu unterstützen. So leisteten wir etwa eine immense Flüchtlingsarbeit mit einem minimalen Budget. Diese Arbeit ist insgesamt wichtig für eine funktionierende Gesellschaft. Und die Pflichten werden nicht weniger. Vielleicht können wir zukünftig die Politik stärker von unseren Qualitäten überzeugen. Weitere Möglichkeiten für unsere Arbeit sehen wir in der noch engeren Vernetzung zwischen Politik, Gesellschaft und Kirchen hier in Deutschland – aber auch als Bindeglied in den Nahen Osten. Die meisten der orientalischen Christen sind in Deutschland perfekt integriert, gut ausgebildet, sprechen mehrere Sprachen und sind bikulturell aufgewachsen, mithin also hervorragende Brückenbauer, vor allem auch zwischen den Religionen, deren Potenzial bisher kaum ausgeschöpft wurde.

Sie haben mit dem Amt des „Friedensbotschafters“ der ZOCD eine neue Herausforderung angenommen und dazu das Projekt „Peacemaker“ („Friedensbringer“) initiiert. Welches Konzept steht dahinter?

Das Projekt „Peacemaker“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch die Ergründung der christlichen Vergangenheit, dem Dialog mit den Menschen in der Gegenwart und dem Bestreben der Zukunft durch einen philosophischen Konsens einen neuen Akzent zu geben, um genau das zu finden, was eine vernunftbegabte Gesellschaft ausmacht: Eine Gesellschaft, die genug von Krieg und Terror hat und sich dem Codex der Toleranz, des Respekts und des Friedens verschrieben hat. Terrororganisationen wie der „Islamische Staat“ möchten uns im Glauben lassen, dass alle Bürger dieser Region ihre Ansichten teilen. Darauf abzielend, einen Keil in alle Gesellschaften zu treiben. Und im Besonderen in die westliche Gesellschaft, welche aus Angst und Unwissenheit Menschen in die Hände von Dogmatikern und Randgruppen drängt. Das kann für eine funktionierende Demokratie nicht gesund sein. Es wird höchste Zeit, dem etwas entgegenzusetzen.

Das denken viele Menschen in Deutschland und anderswo. Doch wie genau könnte das aussehen?

Unsere mehrmonatige Reise, die „Youth Peacemaker Tour“, startet im September in der Türkei, setzt sich dann fort in Georgien, Armenien, dem Iran, den Emiraten, führt uns durch den Irak, Syrien, Jordanien, Ägypten, Libanon und endet in der heiligen Stadt Jerusalem. Dabei werden wir, sofern möglich, tagtäglich über Blogs, Videos, Bilder und Artikel den Menschen in den jeweiligen Regionen eine Stimme geben. Der Dialog mit den einfachen Bürgern steht dabei im Mittelpunkt. Als Gesellschaft können wir es uns nicht leisten, die mediale Hoheit über das Internet denen zu überlassen, die dieses nutzen, um den Eindruck zu vermitteln, der Nahe Osten bestehe nur aus Gewalt und Terror. Die meisten Bürger dieser Region sind friedliebende Menschen und möchten einfach nur eine Arbeit, Sicherheit und eine sichere Zukunft für ihre Kinder haben.

Wie finanziert man ein solches Projekt?

Das Project Peacemaker finanziert sich ausschließlich aus Spendengeldern und durch Mithilfe einiger Sponsoren. Bisher haben wir noch nicht die nötige Summe von etwa 30 000 Euro zusammen, um das Projekt komplett finanzieren zu können. Doch ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen werden: Wir sind es gewohnt, mit minimalem Einsatz einen maximalen Ertrag zu erzielen. Das habe ich während meiner Wirtschaftsausbildung in einem bayerischen, mittelständischen Unternehmen gelernt. Zudem habe ich meinen hochbezahlten Manager-Posten in einem internationalen Großkonzern aufgegeben, um dieses Projekt, welches nicht nur mir am Herzen liegt, auch tatsächlich realisieren zu können.

Während Sie sich intensiv für den Frieden zwischen allen Ethnien und Religionen in Nahost einsetzen, kämpfen Ihre christlichen Brüder als Milizen gegen den „Islamischen Staat“ – es geht dabei um das nackte Überleben. Ist das nicht ein gedanklicher Spagat? Und wie meistern Sie ihn?

Es ist mehr als ein gedanklicher Spagat. Auf der einen Seite geht es um ein Thema, um das Theologen, Politiker und Medien bisher einen weiten Bogen gemacht haben. Nämlich um das Gewaltpotenzial im Islam, wenn dieser nach strikt orthodoxer Sichtweise ausgelegt und gelebt wird. Damit verbunden sind die allgemein gültigen Menschenrechte, die Minderheiten in einer Mehrheit nicht gewährt werden. Ich habe viele Länder des Nahen Ostens bereist. In kaum einem Land in dem die Scharia sunnitischer Prägung als Rechtsgrundlage diente, existierte eine Rechtsauffassung nach westlichem Standard. Dagegen bieten säkular geprägte Staaten wie die Türkei, die in den letzten Jahren Fortschritte gemacht hat oder vor allem Syrien, wie man es vor dem Krieg kannte, eine große Chance, allen Menschen das Recht zu geben, frei der eigenen Religion nachgehen zu können. Bei diesem Thema muss man auch ganz klar sagen, dass es nicht die wenigen verbliebenen Christen sind, die unter der Situation am meisten zu leiden haben, auch wenn sie besonders schwer betroffen sind, sondern in der Mehrheit Muslime, die sich nicht den orthodoxen und rückwärtsgewandten Ansichten der Extremisten beugen wollen. Momentan bilden Kurden die stärkste Fraktion gegen den „Islamischen Staat“. Die meisten sind Muslime. Bedauerlicherweise wird diese Ethnie gerade in Nordsyrien von der Türkei bekämpft, obwohl es die Kurden waren, die gemeinsam mit Christen („Suryoye“, das heißt Assyrer, Chaldäer, Aramäer) und arabischen Sunniten, den IS bisher weitestgehend davon abgehalten haben, bis an die türkische Grenze zu gelangen.

Wie beurteilen Sie die islamische Welt in Nahost derzeit?

Der Iran, den ich während der „Peacemaker-Tour“ besuchen werde, scheint innerhalb des schiitischen Islams eine sehr flexible Auslegung zu haben mit dem Resultat, dass gerade dort das Christentum, mit seinen alteingesessenen Kirchen, in Harmonie mit allen Religionen zusammenlebt. Wenn allerdings Prediger beim Freitagsgebet gegen Christen, Jeziden, liberale Sunniten und besonders gegen Schiiten hetzen, darf man sich nicht wundern, wenn es alle paar Wochen in Bagdad oder anderen von Spannungen heimgesuchten Regionen Bombenanschläge gibt. Ist ein Mensch, der zum Beispiel nicht der sunnitischen Mehrheit (Umma) angehört, nun gleichberechtigt oder nicht? Sind die Friedenssuren im Koran nur für Muslime gültig oder auch für Nichtmuslime? Darf ich den Islam verlassen, ohne den Tod fürchten zu müssen? Alles wichtige und berechtigte Fragen, wie ich meine, die eine theologische Interpretation benötigen. Dies auf höchster Ebene und nicht in Form von Hassbotschaften, die teilweise von kaum ausgebildeten Predigern über das Internet verbreitet werden.

Betrachten wir die Situation nun aus dem gesellschaftlichen Blickwinkel, kommt man nicht um die Beobachtung herum, dass die muslimische Gesellschaft im Nahen Osten bereits viel weiter ist, als wir in Europa zu glauben vermögen. Der arabische Frühling ging zunächst von einer jungen Generation aus, die die Freiheiten der sozialen Medien nutzte, um sich im Hintergrund zu organisieren. Der freiheitliche Gedanke, den Facebook, Twitter und Youtube verströmten, ist nicht verschwunden. Eine junge Generation nimmt die Religion als spirituellen Aspekt wahr, welcher zutage kommt, wenn dieser auch gebraucht wird. Die meisten Menschen sind in der Moderne angekommen. Unvorstellbar, dass jemand sein Smartphone aus der Hand gibt, weil es „haram“ ist. Also ein Produkt westlicher Errungenschaften. Und genau hier liegt die Chance eines gemeinsamen und friedlichen Zusammenlebens. Befreit vom Korsett einer orthodox-religiösen Sichtweise, kann sich eine Gesellschaft vollends entfalten und entwickeln. Vielleicht nicht nach ähnlich demokratischen Maßstäben wie bei uns. Aber die Chance ist nicht gering. Persönlich bin ich der festen Überzeugung, dass wir dem Zusammenleben der Religionen und Ethnien im Nahen Osten die Chance geben sollten, die sie auch verdient haben. Dies ist aber nur möglich, wenn man Ängste und extremistische Ideologien aus den Köpfen einer jungen Generation bekommt. Ihnen Aussicht auf eine andere Perspektive bietet. Und genau darauf zielt das „Project Peacemaker“ ab.