Heimischwerden in der Kirche

Eine neue Biografie beleuchtet die prägenden Jahre der Konvertitin Edith Stein in Speyer. Von Monika Metternich

Edith Stein im Kreis mit Schülerinnen des Speyerer Lehrerinnenseminars. Foto: KNA
Edith Stein im Kreis mit Schülerinnen des Speyerer Lehrerinnenseminars. Foto: KNA

Eine schallend lachende Edith Stein? Die meisten Fotografien zeigen eine ernste, in sich gekehrte Frau. Umso verblüffender lesen sich die Zeitzeugenberichte ihrer Schülerinnen, die Edith Stein während ihrer acht Jahre dauernden Zeit als Seminarleiterin in Speyer unterrichtete. „Da konnte Fräulein Doktor nicht mehr an sich halten und platzte vor Lachen nur so heraus.“ In einer Unterrichtsstunde über Lyrik hatte Edith Stein mit ihren Schülerinnen ein zeitgenössisches Gedicht denkwürdig beurteilt: „Allein durch ihr Lachen hatte Edith Stein eine Lektion über schlechte Dichtung erteilt.“

Zahlreiche erstaunliche und unbekannte Erinnerungen wie diese enthält das kürzlich im Media Maria Verlag erschienene Buch „Edith Stein – Ihre Jahre in Speyer“, in dem Maria Adele Herrmann OP auf der Basis von Aussagen von Zeitzeugen und Schülerinnen Edith Steins ein einfühlsames Bild ihrer Jahre bei den Dominikanerinnen zur heiligen Magdalena in Speyer zeichnet.

„Eine erfüllte Zeit“ waren diese Jahre, deren unmittelbare Vorgeschichte ihre Konversion in Bergzabern war, wo Edith Stein Dekan Eugen Breitling nach der Lektüre eines Buches über Teresa von Avila um die Taufe bat, die dieser ihr am 1. Januar 1922 spendete. Breitling fühlte, dass die „Konvertitin, die weit über mir steht und an theologischem Wissen mich beschämt“, einen geeigneten Seelenführer benötigte – und fand diesen in dem Speyrer Prälaten Joseph Schwind, dem er seinen intellektuellen Täufling empfahl. Edith Steins Wunsch, einem Orden beizutreten, lehnte Schwindt so bald nach der Konversion ab. Er empfahl indes eine Zwischenlösung: Die Tätigkeit als Lehrkraft an den Schulen des Magdalenenklosters – und gleichzeitig die Möglichkeit zur Teilnahme am klösterlichen Gebet und Leben der Speyrer Dominikanerinnen. Eine katholische Umgebung und vor allem „die Möglichkeit, katholisches Ordensleben, zu dem es sie ja hinzog, aus nächster Nähe kennenzulernen“, wurden in Edith Steins Speyrer Jahren so zur „Zeit ihres ersten Hineinwachsens in Christus“ und „ihres Heimischwerdens im neuen Bund und in der Kirche“.

Ihr Alltag als Seminarlehrerin und ihr Hineinwachsen in die christliche Spiritualität, wie sie anhand vielfältiger Zeugnisse von Schwester Herrmann OP zusammengetragen wurden, vermögen „die Sphäre ferner Intellektualität, Geistigkeit und Heiligkeit, der Edith Stein unbestreitbar zugehört, zu durchstoßen und sie zu zeigen in der Sphäre schlichten Menschseins, in der sie in Speyer leben wollte und lebte“. Ebenso erfährt der Leser von ihrer geistlichen Begleitung durch Prälat Schwindt. Schwindt sprach in seiner Wohnung am Speyrer Domplatz mit der hochbegabten Husserl-Schülerin über katholische Philosophie und Theologie. Hier lernte Edith Stein auch den Religionsphilosophen Erich Przywara SJ kennen, eine Begegnung, die für ihren weiteren Weg als katholische Philosophin von entscheidender Bedeutung war. Przywara gewann Edith Stein für eine Übersetzung der Werke John Henry Newmans, die er im Nachhinein als „eine wundervolle Übertragung“ bewertete. Vorzüglich eignet sich das Buch für eine Entdeckungstour auf den Spuren der Heiligen. Der Dom, in dem Edith Stein das Sakrament der Firmung empfing, in dem sie 1928 den Besuch des Nuntius Eugenius Pacelli und späteren Papstes Pius XII. erlebte und wo sie bei den Feiern zum 900jährigen Jubiläum der Grundsteinlegung 1930 selbst aktiv mitwirkte. Im Schatten des mächtigen Salierdomes das Magdalenenkloster, das Edith Stein für acht Jahre zur Heimat wurde und in dessen Klosterkirche Edith Stein bis heute ganz präsent wirkt: „Es zeigte sich, dass ihre Schülerinnen sie beim Beten beobachteten. Um dem zu entgehen, erbat und erhielt sie einen Betstuhl an einem verborgenen Platz, links neben dem Muttergottesaltar. Diesen Betstuhl findet man dort auch heute noch.“ Ferner die Landesbibliothek, von der Edith Stein einer der Schwestern halb scherzhaft sagte: „Theoretisch gehe ich fast täglich an den Rhein, praktisch aber in die Landesbibliothek“ und von deren Besuchen noch zwei Entleihscheine mit ihrer Unterschrift zeugen. Ganz nah rückt Edith Stein dem Leser bei einem literarischen Spaziergang durch die Stadt Speyer, in der sie acht prägende Jahre verbrachte.

Interessant ist auch die Schilderung ihrer pädagogischen Tätigkeit in Speyer. Hatte Edith Stein während ihrer Tätigkeit als Assistentin bei Husserl die Möglichkeit des Schuldienstes noch als „Schreckgespenst“ bezeichnet, so widmete sich die junge Philosophin nach ihrer Taufe aus freien Stücken einem Dienst, den eine ihrer Biografinnen als „gar zu bescheidenen Posten“ für sie bezeichnete. Auch wenn „ein Lehrerinnenseminar keine Universität und eine Schulklasse kein Hörsaal“ war, so erzog Edith Stein doch die katholischen Pädagoginnen von morgen: „Bleibt eurer eigenen Art zu lehren treu. Versucht nicht, nach euch fremden Methoden zu unterrichten. Jeder bewahre seine Eigenart. Nur so wird sein Unterricht am erfolgreichsten“, gab sie einer ihrer Absolventinnenklassen mit auf den Weg.

Wie stark Edith Stein ihre Schülerinnen insbesondere im Hinblick auf die folgenden „finsteren Jahre“ prägte, wird aus vielen Zeugnissen, die in diesem Buch zusammengetragen wurden, deutlich: „Eine Lehrerin, die schwer um Charakterstärke ringen musste (Drittes Reich!), zeigte mir ein großes Bild von Fräulein Dr. Stein, das sie in ihrer Wohnung an der Wand anbrachte, um immer wieder an die verehrte Lehrerin erinnert zu werden.“ Dass es eine ihrer Speyrer Schülerinnen war, welche auf dem Schifferstädter Bahnhof eine letzte Botschaft Edith Steins empfing, die diese ihr aus dem Verschlag eines Transportzuges auf dem Weg ins Vernichtungslager Auschwitz zurief, schließt den Kreis: „Grüßen Sie die Schwestern in St. Magdalena – ich bin auf der Fahrt nach Osten.“ Ein bewegendes Buch mit einer Fülle unbekannter Details aus dem Leben Edith Steins legt Schwester. Maria Adele Herrmann OP vor – es ist unbedingt zu empfehlen.

Maria Adele Herrmann OP: Edith Stein. Ihre Jahre in Speyer. Media Maria Verlag Illertissen 2012, ISBN 978-3-9814444-5-2, EUR 17,95