Heiliger Erzengel Michael: Schutzpatron Deutschlands

Mythos und Geschichte über den heiligen Erzengel Michael, den Schutzpatron Deutschlands. Von Claudia Kock

Heiliger Erzengel Michael
Jetzt wird aufgeräumt: Auch bei Guido Renis berühmtem Gemälde vom Erzengel Michael wird klar – Engel ist nicht gleich Engel. Foto: IN

„Ich hab die Erde gesehen, eingehüllt in Finsternis und umgeben von einem Abgrund. Ich habe Legionen von Dämonen daraus hervorkommen sehen, die sich über die ganze Erde verteilten, um die Werke der Kirche zu zerstören und die Kirche selbst anzugreifen, die ich dem Ende nahe sah. Da erschien der Heilige Michael und stürzte die bösen Geister in den Abgrund zurück. Ich sah den Heiligen Erzengel Michael eingreifen, nicht in jenem Augenblick, sondern viel später, sobald die Menschen ihre eifrigen Gebete zum Erzengel verstärken.“

Vision und Gebet über den heiligen Erzengel Michael

Mit diesen Worten beschrieb Papst Leo XIII. eine Vision, die er am 13. Oktober 1884 nach der Feier der Heiligen Messe hatte. Einige Minuten lang verharrte er reglos und stumm. Dann eilte er in sein Arbeitszimmer, wo er ein Gebet zum heiligen Erzengel Michael niederschrieb, das er eine halbe Stunde später dem Sekretär der Ritenkongregation übergab, mit dem Auftrag, es an alle Bischöfe der Welt zu senden. Es sollte zukünftig am Ende jeder Heiligen Messe gebetet werden:

„Heiliger Erzengel Michael, du Fürst der himmlischen Heerscharen, schirme uns im Kampf gegen die Bosheiten und die Arglist des Teufels, sei du unser Schutz. Gott gebiete ihm, so bitten wir flehentlich. Du aber, Fürst der himmlischen Heerscharen, stürze den Satan und die anderen bösen Geister, die zum Verderben der Seelen die Welt durchschweifen, in der Kraft Gottes hinab in die Hölle. Amen.“

Durch die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils verschwand dieses Gebet aus der täglichen Eucharistiefeier, aber Papst Johannes Paul II. mahnte 1994, „es nicht zu vergessen und es zu beten, um Hilfe zu erlangen im Kampf gegen die Mächte der Finsternis und gegen die Gesinnung dieser Welt“.

Der Engel mit dem „lodernden Flammenschwert“

In der Heiligen Schrift begleitet der Erzengel Michael den Weg der Menschheit vom Anfang bis zum Ende. Er ist der Engel mit dem „lodernden Flammenschwert“, der seit der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies den Baum des Lebens bewacht und der mehrmals in die Geschichte eingriff, etwa indem er Abraham daran hinderte, seinen Sohn Isaak zu töten, oder beim Auszug aus Ägypten das Tote Meer teilte. Die Offenbarung des Johannes prophezeit, dass er am Ende der Zeiten den Antichrist besiegen und den Satan in den ewigen Abgrund stürzen wird.

Ein Bild über die letzten Dinge sagt mehr als viele Worte: Der Erzengel Michael mit der Seelenwaage. Foto: reg

Die Verehrung des Erzengels Michael ist im Osten seit dem 4. Jahrhundert bezeugt. Ende des fünfte Jahrhunderts wurde ihm in Rom eine Kirche geweiht, nachdem er auf dem Gargano, einem Berg auf der „Stiefelspore“ Italiens, erschienen sein soll. Dort befindet sich ein noch heute viel besuchtes Heiligtum; im Mittelalter war es eine wichtige Etappe für Pilger und Kreuzfahrer auf dem Weg ins Heilige Land.

Auch die Engelsburg am Tiber verdankt dem Erzengel Michael ihren Namen: Als im Jahr 590 in Rom die Pest wütete, erschien der Erzengel hier dem Papst Gregor dem Großen und verkündigte ihm das Ende der todbringenden Seuche.

Der Seelenführer ins Paradies

Der Frankenkönig Ludwig der Fromme bestimmte im Jahr 813 den 29. September zum „Michaelstag“. Grund dafür waren heidnische Festivitäten, die in der ersten Herbstwoche dem Wotan gewidmet waren. Michael sollte ein christliches Gegengewicht bilden vor allem gegen die Funktion des Wotan als Totengott, denn der Erzengel gilt als Seelenführer, der die Verstorbenen ins Paradies geleitet: „Der Bannerträger Sankt Michael führe die Seelen in das heilige Licht“ heißt es im Totenoffizium. Kirchen mit dem Patrozinium „St. Michaelis“ sind daher häufig aus Friedhofskapellen hervorgegangen.

Schutzpatron von Deutschland

Nachdem Otto der Große im Jahr 955 unter dem Banner des heiligen Michael in der Schlacht auf dem Lechfeld gesiegt hatte, stellte er das Heilige Römische Reich unter den Schutz des Erzengels. Bis heute ist er Schutzpatron sowohl Deutschlands als auch der katholischen Kirche.

Am 5. Juli 2013 segnete Papst Franziskus in Anwesenheit des emeritierten Papstes Benedikt XVI. eine neue Statue des Erzengels im Vatikanstaat und weihte diesen gleichzeitig – neben dem heiligen Joseph – dem Erzengel Michael. In seiner Ansprache bei diesem Anlass machte der Papst deutlich, dass die Verehrung des Erzengels auch für den heutigen Menschen nichts von ihrer Aktualität verloren hat:

„Michael – der Name bedeutet: ,Wer ist wie Gott?‘ – ist der Streiter für den Primat Gottes, für seine Transzendenz und Macht. Michael kämpft dafür, die göttliche Gerechtigkeit wieder herzustellen; er verteidigt das Volk Gottes vor seinen Feinden, vor allem aber vor seinem Erzfeind, dem Teufel. Und der heilige Michael siegt, da durch ihn Gott selbst handelt. […] Auch wenn der Teufel immer versucht, das Antlitz des Erzengels und das Gesicht des Menschen zu zerkratzen, ist Gott doch stärker; der Sieg gehört ihm und sein Heil wird jedem Mensch angeboten.“

Video: Gebet zum Erzengel Michael