Heikle Aufnahme: Konvertiten aus dem Islam

Jährlich werden in der katholischen Kirche in Frankreich etwa 300 Muslime getauft. Von Anne-Benedicte Hoffner

Erzbischof Georges Pontier von Marseille sorgt sich um die Begleitung muslimischer Konvertiten nach der Taufe. Foto: KNA
Erzbischof Georges Pontier von Marseille sorgt sich um die Begleitung muslimischer Konvertiten nach der Taufe. Foto: KNA

Katechumenatshelfer sind sich des Risikos der Zurückweisung durch die Familie und des langen Weges bewusst, den man zurücklegen muss, um den christlichen Glauben kennenzulernen. Sie stellen sich um und bieten einen oftmals verlängerten Kurs an, bisweilen unter Wahrung der Geheimhaltung.

In seiner Jugend ist Kamel Jesus „begegnet“, als er den Koran las. „Wenn der Koran wirklich die Wahrheit sagt“ – so wurde ihm bewusst – „durfte er kein Mensch wie die anderen sein“, erzählt Pater Xavier Chavane, Pfarrer der Gemeinde von Les Mureaux (Yvelines), westlich von Paris gelegen. „Ganz unbefangen“ hat sich der junge Mann der katholischen Kirche genähert, so dass er mit 22 Jahren einen Katechumenenkurs aufnahm und zwei Jahre später die Taufe erbat.

Doch auf diesem Weg gab es auch Fußangeln: Im muslimischen Glauben aufgewachsen, wusste Kamel, dass er diese Neuigkeit nicht mit seiner Familie teilen konnte, die ihn unweigerlich „zurückgewiesen“ hätte. Wie es bei etlichen der 300 Muslime geschieht, die es jedes Jahr bis zur Taufe schaffen, war es sein „Glück“, weit entfernt von seiner Familie zu wohnen.

Auch heute noch ist die Aufnahme von Personen aus dem Islam durch die Kirche eine heikle Angelegenheit. Denn abgesehen von äußerst vereinzelten Stellungnahmen hält die muslimische Gemeinschaft noch immer daran fest, ihren Mitgliedern das Recht auf einen Wechsel der Religion zu verweigern. „Selbst der Begriff ,Konversion‘ ist spezifisch christlich. Aus muslimischer Sicht wird der Übertritt als Glaubensabfall betrachtet“, betont Pater Henry Fautrad, Pfarrer in den südlichen Stadtvierteln von Le Mans sowie Diözesanbeauftragter für die Beziehungen mit dem Islam. Anfang Juli hat er in Orsay (Département Essonne) an der Schulung teilgenommen, die alljährlich von der Abteilung für die Beziehungen mit dem Islam (SRI) der französischen Bischofskonferenz veranstaltet wird.

Der Entschluss

Nur eine beschränkte, aber relativ konstante Anzahl von Muslimen überwindet die Hindernisse und entscheidet sich dennoch für einen Übertritt in die katholische Kirche. Auch wenn es früher geschehen konnte, dass diese Gesuche mit einer gewissen Zurückhaltung aufgenommen wurden, fordert die Kirche die Begleiter auf, sie „mit Umsicht und Augenmaß“ zu behandeln, weist die Taufbewerber jedoch zugleich darauf hin, dass sie nach der Vorgehensweise der nationalen Abteilung des Katechumenats „bei diesem Schritt nichts zu befürchten“ hätten. Den Begleitern werden lediglich einige „Punkte“ vorgeschlagen, auf die sie zu „achten“ hätten. Unter anderem sollte man sich unbedingt über das Risiko eines schmerzhaften Bruches mit der Familie und dem angestammten Milieu im Klaren sein.

Der Beauftragte für die Beziehungen mit dem Islam in Évreux, Pater Jean-François Berjonneau, hatte die Gelegenheit, einen ehemaligen Strafgefangenen bis zur Taufe zu begleiten, der „von seinen Glaubensbrüdern derart bedroht wurde“, dass man ihn in eine andere Einrichtung verlegen musste. Der Priester hat ihn dennoch nicht davon abgebracht, seinen Weg weiter zu verfolgen, denn er war „wie die anderen Geistlichen beeindruckt von der Entschlossenheit“ dieses Mannes, „der seinem muslimischen Glauben nicht untreu wurde, sondern überzeugt war, im Christentum etwas Neues entdeckt zu haben“.

Die Begleitung nach der Taufe

Hier und da finden sich praktische Lösungen: In Le Mans kann das Katechumenat wie auch die Feier der Sakramente in einem anderen Stadtviertel organisiert werden, um Gefährdungen und Bedrohungen zu vermeiden. „Auch denken wir in unserem Bistum darüber nach, ein christliches Aufnahmeregister zu führen, das nicht den Gemeinden untersteht“, und demzufolge den Übertritt beschränkt, wie Pater Fautrad berichtet.

Um dennoch diesem häufigen Bruch mit den sozialen Beziehungen des Konvertiten Rechnung zu tragen, hat Georges Pontier, der Erzbischof von Marseille, die mit den Beziehungen mit dem Islam beauftragte Beratungsgruppe gebeten, sich Gedanken über eine besondere Begleitung nach der Taufe zu machen. Schwester Colette Hamza ist mit jeder der betroffenen Personen ins Gespräch gekommen, doch sie fragt sich: „Sollte man sie nun in ihrer für sie typischen Situation belassen, oder ihnen dabei helfen, mit der Gesamtheit der Gemeinschaft zusammenzuwachsen?“

Jedenfalls kommt diese Forderung mit aller Macht seitens der Vereinigungen von Konvertiten aus dem Islam, wie von Notre Dame de Kabylie. Und sie appelliert an Pater Xavier Chavane, der davon überzeugt ist, dass „die Kirche in Frankreich bei der Aufnahme von Taufbewerbern noch Fortschritte im Allgemeinen, ganz besonders aber bei denen aus dem Islam, machen muss“.

Sprungschanzen zum christlichen Glauben

Doch die Kirche übt diese Aufnahme von Taufbewerbern auch auf einer eher theologischen Ebene auf ganz besondere Weise ein. Zwischen dem Islam und dem Christentum unterscheiden sich nicht nur die Aussagen über Gott, sondern auch über die heiligen Schriften, über den Nächsten und sogar über die Gemeinschaft. „Oftmals befindet sich der Muslim bei seinen Riten, die einen demonstrativen Charakter haben, in einem Verhältnis der Unterordnung gegenüber Gott. Der Übergang zur katholischen Religion ist da nicht einfach. Er kann das Gefühl haben, sich selbst ausgeliefert zu haben“, beobachtet Pater Maurice Bez, Pfarrer in Besançon. Für Pater Fautrad in Le Mans ist es sogar „eine gewisse Anthropologie, die es nun gilt, für eine andere aufzugeben“.

Daher ist der Weg weit, um bis zur Taufe zu gelangen, manchmal dauert er bis zu drei Jahre. Für manche unter ihnen ist das eine „Prüfung“, wie Pater Chavane einräumt. Doch diese Zeit gibt den Taufbewerbern auch die Möglichkeit, ihre Motivationen zu überdenken und reifen zu lassen, die anfangs mitunter vage sind – wie etwa bei den wenigen Konvertiten „sans-papiers“ (Ausländer ohne Aufenthaltspapiere), die bei ihrem Vorgehen von der Organisation Secours Catholique, der französischen Caritas, unterstützt werden.

Diese Zeit könne ihnen auf ihrem Weg dorthin schließlich dabei helfen, „nicht nur Hindernisse, sondern auch Sprungschanzen“ zum christlichen Glauben aufzuspüren, wie Pater Piere Hinzelin unterstreicht. Er ist „Hilfspfarrer“ in einer beliebten Gemeinde in Nancy: „Es geht weder darum, Analogien herzustellen noch darum zu sagen, wir hätten alle denselben Gott, sondern darum, ein Gelände ausfindig zu machen, das Gott bereits bearbeitet hat.“

In beide Richtungen ist die Anzahl der Konversionen schwer zu beziffern. Zu den mehr als 300 Taufen ehemaliger Muslime, die in die katholische Kirche aufgenommen werden (eine Zahl, die angesichts der übermittelten unzuverlässigen Daten sowie der Geheimhaltung mancher Taufen eine Schätzung bleibt), müssen noch die Konversionen innerhalb der protestantischen Kirchen, insbesondere der evangelikalen Gruppierungen addiert werden. Diese Konversionen sollen jährlich mehrere Tausende betragen, doch sind diese Zahlen nur schwer zu überprüfen. In die umgekehrte Richtung konvertieren, der Pariser Boulevardzeitung Le Parisien (vom 18. Oktober 2012) zufolge, täglich zehn Franzosen zum Islam. Doch die Aufstellung der Moscheen ist ebenfalls wenig stimmig, und auch diese Schätzungen sind mit Vorsicht zu genießen.

Aus dem Französischen übersetzt

von Katrin Krips-Schmidt

Mit freundlicher Genehmigung der französischen Tageszeitung La Croix