Harmonischer Besuch Medwedjews im Vatikan

Eine Begegnung zwischen Papst und Moskauer Patriarch ist jedoch noch nicht nähergerückt. Von Guido Horst

Der Papst empfing den russischen Präsidenten in seiner Privatbibliothek. Foto: dpa
Der Papst empfing den russischen Präsidenten in seiner Privatbibliothek. Foto: dpa

Rom (DT) Es ist immer etwas Besonderes, wenn der russische Staatspräsident im Vatikan mit dem Papst zusammentrifft. Am Donnerstagmittag war es wieder so weit. Dimitrij Medwedjew, begleitet von seiner Frau Swetlana und einer zehnköpfigen Delegation – darunter Außenminister Sergej Lawrow –, wurde im Damasushof von einer Ehrenformation der Päpstlichen Schweizergarde empfangen und in den zweiten Stock des Apostolischen Palastes geführt. Über zwanzig Jahre ist es her, dass Michael Gorbatschow diesen Weg zu seiner ersten historischen Begegnung mit Johannes Paul II. gegangen ist. Aber immer noch ist der erste Mann in Moskau ein spezieller Gast. Und so begrüßte Benedikt XVI. den Präsidenten in seiner Bibliothek mit den Worten: „Dies ist eine sehr wichtige Begegnung.“

Nach dem Austausch der Geschenke sprachen der Papst und Medwedjew 35 Minuten lang unter vier Augen, es war das zweite Mal, dass sie zusammenkamen. Bereits im Dezember 2009 war der Präsident in den Vatikan gekommen, der Heilige Stuhl und Russland hatten daraufhin volle diplomatische Beziehungen aufgenommen.

Liest man das im Staatssekretariat verfasste Kommunique, das das Presseamt des Vatikans im Anschluss an die Begegnung herausgab, so ergibt sich ein Bild von fast vollkommener Harmonie. Die vatikanische Diplomatie bezeichnete die Unterredung als herzlich, es sei um bilaterale Fragen sowie internationale Themen, insbesondere um den Nahen Osten gegangen und Papst Benedikt und Medwedjew hätten sich zufrieden über die guten gegenseitigen Beziehungen geäußert. Beide seien gewillt, ihre diplomatischen Beziehungen weiter zu verstärken. Und das gelte auch für die „Förderung spezifisch humaner und christlicher Werte“ in Kultur und Gesellschaft. Zugleich hätten beide den positiven Beitrag hervorgehoben, den der interreligiöse Dialog für die Gesellschaft leisten könne. Im Anschluss an die Audienz beim Papst trafen Medwedjew und Lawrow mit Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und dem vatikanischen „Außenminister“ Erzbischof Dominique Mamberti zusammen.

Medwedjew kann sich solch weitreichende Freundlichkeiten leisten, weil die katholische Kirche in Russland ein völliger Fremdkörper ist und deswegen öffentlich kaum wahrgenommen wird. Das russische Religionsgesetz erkennt den Katholizismus – anders als Orthodoxie, Judentum, Islam und Buddhismus – auch nicht als offiziell in der Föderation zugelassene Religionsgemeinschaft an. Für die russische Staatsführung dürfte es deshalb weniger wichtig sein, gute Kontakte zum Papst als dem geistlichen Oberhaupt der in Russland lebenden Katholiken zu pflegen, sondern vielmehr zu dem wichtigsten Sprecher und Repräsentanten der internationalen Christenheit.

Medwedjew hat Benedikt XVI. nicht nach Russland eingeladen. Auf römischer Seite ist der Besuch des ersten Manns in Moskau trotzdem immer auch eine Gelegenheit, über die Beziehungen zur russisch-orthodoxen Kirche nachzudenken. Immer noch steht eine Begegnung zwischen dem Patriarchen von Moskau und dem römischen Papst aus. Wie die Katholische Nachrichten-Agentur gestern unter Berufung auf den russischen Pressedienst Interfax meldete, hat die russisch-orthodoxe Kirche den Besuch Medwedjews im Vatikan begrüßt. Man sei „zufrieden über das Zustandekommen des Treffens inmitten der positiven Dynamik in den Beziehungen zwischen der russisch-orthodoxen Kirche und der römisch-katholischen Kirche“, soll der stellvertretende Außenamtschef des Moskauer Patriarchates, Erzpriester Nikolai Balaschow, erklärt haben. Doch im Vatikan hält man sich mit den Wertungen über mögliche Fortschritte in der Beziehung zum Moskauer Patriarchen zurück. Im kommenden März wird der Präsident des vatikanischen Ökumene-Rats, Kardinal Kurt Koch, seine erste Reise nach Moskau machen. Bis dahin wird man mit Spekulationen darüber warten müssen, ob es zwischen den beiden Schwesterkirchen eine „positive Dynamik“ gibt und eine erste historische Begegnung zwischen Papst und Moskauer Patriarch nähergerückt ist.