Harmonie mit Missklang

Die Osterfeiern in Jerusalem verliefen friedlich – Begonnen haben sie indes mit Störungen jüdischer Fanatiker. Von Oliver Maksan

Trotz frühlingshaftem Wetter schienen die Pilger und Römer den ansonsten zu Ostern gut besuchten Petersdom und den Vatikan etwas zu meiden: Der Petersplatz war gefüllt wie bei einer gewöhnlichen Generalaudienz. Foto: dpa
Trotz frühlingshaftem Wetter schienen die Pilger und Römer den ansonsten zu Ostern gut besuchten Petersdom und den Vatik... Foto: dpa

Jerusalem (DT) Das Leiden Jesu damals, das Leiden seiner Jünger heute: Jerusalems Lateinischer Patriarch Fuad Twal zog diese Linie während des Osterhochamts in der Jerusalemer Grabeskirche. In seiner Predigt am Sonntagmorgen betonte er, dass auch heute noch in vielen Ländern Männer und Frauen wegen ihrer Zugehörigkeit zu Christus als Märtyrer stürben. Besonders erinnerte er an den Nahen und Mittleren Osten, vor allem den Jemen, wo Anfang März Islamisten vier Ordensfrauen und acht ihrer Mitarbeiter ermordeten. „Hoffen wir stark und fest und beten wir unablässig, dass endlich der Friede im Heiligen Land, im Nahen Osten und in der ganzen Welt einkehren möge“, so Twal. Die Anwesenheit des belgischen Generalkonsuls von Jerusalem verlieh der feierlichen, direkt vor der Grabesädikula zelebrierten Messe zusätzliche Aktualität. Anteilnehmend kondolierte das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche im Heiligen Land dem diplomatischen Vertreter des vom islamistischen Terror schwer gezeichneten Königreiches. Twal, der angesichts seines Alters – im Oktober wurde er 75 – möglicherweise zum letzten Mal die Osterfeierlichkeiten leitete, erklärte sich derweil solidarisch mit allen leidenden Christen in der Welt. „Für Euch, die Ihr die Osterfreude noch nicht leben könnt, erheben wir unsere Gebete, damit die Auferstehungsfreude Eure Wunden heile und Eure bedrückten Herzen tröste.“

Palästinensische Christen hatten zuvor gezeigt, dass ihnen der Karfreitag emotional näher ist als der Ostersonntag. Am Karfreitag zogen Christen aus Bethlehems Nachbarstadt Beit Dschalla von Har Gilo nach Gilo, den beiden israelischen Siedlungen im Süden Jerusalems. Sie wollten so auf die Ungerechtigkeiten der israelischen Besatzung aufmerksam machen. Besonders die Landenteignungen für den Bau der israelischen Sperranlage im Cremisantal treiben die Christen des Ortes um. Doch der Kreuzweg verlief friedlich – so wie die Osterfeiern trotz der angespannten Gesamtlage mit der nicht abreißenden Kette palästinensischer Attentate und der israelischen Reaktion darauf friedlich abgelaufen waren. In geringerer Anzahl als sonst waren ausländische Pilger gekommen – der christliche Pilgertourismus hat sich seit dem Gazakrieg vom Sommer 2014 nicht mehr richtig erholen können. Dennoch strömten am Karfreitag große Pilgergruppen in die Grabeskirche, die am Vormittag den Kreuzweg Jesu auf der Via Dolorosa gegangen waren. Unter ihnen waren auch Christen aus Gazas katholischer Pfarrei. Israel hatte in diesem Jahr auch unter 35-Jährigen die Einreise erlaubt – eine Altersgruppe, der es ansonsten fast unmöglich ist, die entsprechende Genehmigung zu erhalten.

Weil die orthodoxen Christen in diesem Jahr Ostern erst am 1. Mai feiern, entfiel das liturgische Gedränge, das die Grabeskirche prägt, wenn die Termine zusammenfallen oder nahe beieinander liegen. Entsprechend des Status quo zelebrierten die beiden Häupter der westlichen Katholiken – Patriarch Twal und Franziskanercustos Pizzaballa – die Riten. Twal stand den Liturgien des österlichen Triduums vor, während der in Kürze aus dem Amt scheidende Custos das Stundengebet der Franziskanerbrüder leitete, das seinen Höhepunkt mit der österlichen Gebetsvigil vor dem heiligen Grab am frühen Sonntagmorgen fand. Lateinischer Choral und Orgelbrausen erfüllten das Gotteshaus.

Begonnen hatten die Kar- und Osterfeier derweil mit einem Missklang – im wahrsten Sinne des Wortes. Wie jedes Jahr zogen die Franziskaner am Gründonnerstagnachmittag in langer Prozession zum Abendmahlssaal auf dem Zionsberg am Rande der Jerusalemer Altstadt. Dort, im Obergemach, wird der Einsetzung der Eucharistie und des Pfingstfestes gedacht. Im Rahmen eines Wortgottesdienstes wird alljährlich die Fußwaschung vollzogen, die Jesus an derselben Stelle an seinen Jüngern vorgenommen hatte. Kaum hatte der Custos indes das Kreuzzeichen gemacht und mit der Feier begonnen, setzte ein sirenenartiges Geräusch ein. Es endete erst mit dem Gottesdienst. Schnell war klar, dass es sich dabei um den Klang eines Schofarhorns handelte, wie es im jüdischen Gottesdienst verwendet wird. Die über einen Lautsprecher übertragenen Geräusche des Horns wechselten sich ab mit jüdischen Liedern. Die anwesende Polizei erklärte auf Frage dieser Zeitung, dass man nichts gegen die Störer aus der benachbarten Talmudschule unternehmen könne. Diese hätten sich eingeschlossen. Ein Angehöriger der „Diaspora-Jeschiva“ betonte gegenüber dieser Zeitung nach der Feier, dass man nichts gegen Christen habe. Das jüdische Volk bete für alle Menschen. Christen hätten aber kein Recht, den Ort, wo König David begraben liege, in eine Kirche umzuwandeln.

Der Abendmahlssaal liegt in einer der religiös sensibelsten und explosivsten Gegenden der Heiligen Stadt. Die Mitglieder der im selben Gebäudekomplex wie der Abendmahlssaal gelegenen Talmudschule fürchten, dass der Raum in eine Kirche umgewandelt werde. Weil sie Christen als Götzendiener betrachten, sei ihnen entsprechend des jüdischen Religionsgesetzes dann kein Gebet mehr am einen Stock tiefer liegenden Davidsgrab möglich, argumentieren sie. Regelmäßig – besonders massiv an Pfingsten vergangenen Jahres – kommt es zu Protesten aufgebrachter Juden gegen eine christliche Nutzung des Saales.

Tatsächlich verhandeln Israel und der Vatikan seit Jahren über den künftigen Status des Raumes. Die katholische Kirche hat mittlerweile auf ihre auf das vierzehnten Jahrhundert zurückgehenden Eigentumsansprüche verzichtet und verlangt nurmehr ein wesentlich erweitertes Nutzungsrecht – Messfeiern eingeschlossen. Bislang sind diese verboten. Die Messfeiern Johannes Pauls II. im Jahr 2000 und von Papst Franziskus im Mai 2014 sind seltene Ausnahmen von dieser Regel.