Grenzüberschreitungen

Eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift veranschaulicht das Dilemma der Christen. Von Barbara Stühlmeyer

Reading the Word of God the Bible the Holy Book
Das wichtigste Buch der Welt inspiriert immer wieder auch Künstler. Foto: IN
Reading the Word of God the Bible the Holy Book
Das wichtigste Buch der Welt inspiriert immer wieder auch Künstler. Foto: IN

Künstler sind heute vor allem frei. Das heißt nicht, dass sie keine Grundsätze haben. Nur festnageln lassen wollen sie sich darauf nicht. Spürbar wird diese Spannung in dem vorliegenden Band, in dem 77 ausgewählte Künstler sich mit der Botschaft der Bibel auseinandersetzen. Wie immer, wenn zeitgenössische Kunst auf Kirche trifft, ist zu erwarten, dass man sowohl auf Anregendes, als auch auf Empörendes und Bedenkenswertes stößt. Der Bruch einer über Jahrhunderte ausgezeichnet funktionierenden Verbindung setzt mit der Aufklärung ein, die den Ausgang nicht nur des Menschen im Allgemeinen, sondern ganz besonders des Künstlers aus einer Situation allzu freiwillig akzeptierter Bevormundung, wie man die wegweisende Bindung an eine Religion von da an nannte, einläutet. Seitdem ist Kunst nicht nur gekonnt, sondern auch von dem Bedürfnis getrieben, die eigene Botschaft in den Vordergrund zu stellen. Was dabei herauskommt, kann man auf dem Titelbild des Kunstbandes sehen. Er zeigt zwei übereinandergelegte IPhone-Fotos, die die Hände eines Künstlers zeigen, die jene Geste des Miteinander Verbundenseins nachahmen, die Adam und sein Schöpfer, einander die Hände entgegenstreckend, an der Decke der Sixtinischen Kapelle zeigen. Mit einem entscheidenden Unterschied, denn sie sind eben nicht Teil eines Bildes, sondern getrennt, eben so, wie der Künstler offenbar die Situation von Schöpfer und Geschöpf wahrnimmt.

Im „Foyer“ überschriebenen einleitenden Essay des Kunstbandes wird hierzu treffend formuliert: „Die doppelt anmaßende Arbeit ist eine spielerische Neukreation von Michelangelos ,Erschaffung Adams‘. Ein subtiles Spiel des Turner-Prize-Trägers Mark Wallinger mit Geschichte, Medium, Mythos und Künstlermythos. Es ist die Selbstvergewisserung im Handy-Snapshot. Was Rene Descartes noch dem Denken zugemutet hat, ist nun zum Klick mutiert: Ich klicke, also bin ich. Ego.“ Was sich dahinter verbirgt ist purer Atheismus. Der in sich selbst eingesperrte Mensch vermag nur noch sein eigenes armes Ich abzulichten, die Perspektive der Transzendenz ist für ihn anscheinend nicht mehr wahrnehmbar. Das ist traurig, aber erhellend und bedenkenswert. Insofern lohnt sich der Blick auf die Kunst immer, denn auch dann, wenn man sich, wie in diesem Bande des Öfteren, ärgert, hilft die Betrachtung dessen, was entsteht, wenn künstlerisch talentierte oder sogar hochbegabte Menschen sich von außen mit etwas auseinandersetzen, das uns, den Glaubenden, innerlicher ist als wir selbst, bei der heute so notwendigen Unterscheidung der Geister.

Ob etwas Kunst ist oder nicht, darüber kann man im Einzelfall trefflich streiten. In diesem Buch aber findet sich manches, das unabhängig davon, ob man es als Kunst oder als Cartoon einstuft, im Bezugsrahmen des Christentums gewagt und gemalt wird, was man sich mit einer muslimischen Thematik keineswegs trauen würde. Dies gilt beispielsweise für Siegfried Anzingers Bild „Die Auferstehung I“, das im Museum für Gegenwartskunst des Benediktinerstiftes Admont zu sehen ist. Der Katalog titelt hierzu: „Vorhang auf: ,Auferstehung‘ lässt der Künstler entstehen, indem man sich eine Explosion im Kreuzesschaft denken muss.“ Schon diese Zuschreibung ist entlarvend. Denn es ist Jesus Christus, der gestorben und von den Toten erstanden ist, nicht der Künstler, der Auferstehung entstehen lässt. Und auch was auf dem Bild zu sehen ist, irritiert. Der Gekreuzigte ist oberhalb der Hüften in menschlicher Gestalt abgebildet, darunter ist eine im Abflug befindliche Ente zu sehen, beide – oder soll die Ente Teil des in Auferstehung befindlichen Gekreuzigten sein? – schweben gemeinsam mit dem infolge der erwähnten Explosion entzweigesprengten Längsbalkens des Kreuzes in der Luft und werden von einem sichtlich in seiner Lektüre gestörten, verärgert blickenden Kleriker, der lässig unter dem Kreuz lag, beäugt. Hätte man den Propheten Mohammed in vergleichbar respektloser Weise abgebildet, würde eine Explosion – zumindest eine verbaler Art – erwartbar sein und man hätte das Bild in vorauseilendem Gehorsam und aus Respekt vor dem Glauben der durch diese Darstellung mit Sicherheit irritierten Muslime entfernt. Dass so etwas im christlichen Kontext nicht geschieht, hängt wesentlich damit zusammen, dass die Christen ihren Glauben nicht ernst nehmen und deshalb nicht schützen.

Die Beschäftigung mit den 77 Zugriffen auf die Vulgata – auch dieser Begriff kann dabei helfen, zu klären, was für uns als Christen akzeptable Darstellungen des Heiligen sind und wo klar zu sagen ist: Das ist Gotteslästerung. Thematisch ist der Band in folgende Themenbereiche untergliedert: Dem Vorwort folgt ein Essay, das sich mit der bildlichen Darstellung biblischer Inhalte, Textkritik und dem spannungsvollen Verhältnis von Glauben und Wissen auseinandersetzt. Logos & Chaos thematisiert die Bereiche Schöpfung, Schrift und Gottesnamen. SchönerHeit setzt das Hohelied der Liebe in teils verstörend heidnischen Darstellungen ins Bild. In Essentials – Nachdenken über die zentrale message (sic) findet sich neben irritierendem und schlicht unpassendem auch die schöne Idee, zu fragen, welche Seite der Heiligen Schrift man jemandem zeigen würde, dem man Zeugnis von seinem Glauben geben will. In Fundamentalists & politics wird es bei den Themen Religionsfrieden, Monotheismus und Gewalt in tendenziöser Weise religionspolitisch.

Fazit: Wer diesen Band studiert, lernt eine Menge über den Stand der Auseinandersetzung von zeitgenössischen Künstlern mit biblischen Themen und darüber, wie notwendig Neuevangelisierung ist.

Johannes Rauchenberger: Vulgata: 77 Zugriffe auf die Bibel. Schöningh, Paderborn, 319 Seiten, ISBN 978-3-506-78859-7, EUR 69,–