Gottes Stimme im Herzen

In Arnsberg lebt die aus Brasilien stammende Gemeinschaft Shalom christliche Nachfolge authentisch vor. Von Heinrich Wullhorst

Die bedingungslose Liebe zu Jesus treibt sie an. In der persönlichen Begegnung mit ihm finden sie Erfüllung und Heimat. Die Mitglieder der Katholischen Gemeinschaft Shalom fühlen sich von Jesus angenommen. Deshalb machen sie sich mit ihm auf den Weg, der einige von ihnen ins sauerländische Arnsberg geführt hat. Sieben Mitglieder der aus Brasilien stammenden Gemeinschaft leben inzwischen in dem beschaulichen Ort und wollen im kommenden Jahr in das ehemalige Kloster Wedinghausen einziehen. Dort werden sie den Ostflügel des Klosters bewohnen und wieder geistliches Leben in das mehr als 800 Jahre alte Gebäude zurückbringen.

Bei der Grundsteinlegung für den Umbau des Ostflügels im September 2017 betonte der Paderborner Generalvikar Alfons Hardt den missionarischen Auftrag der Christen, die „Frohe Botschaft der Liebe Gottes zu verkünden, Licht zu sein in einer Welt, die oft von Gleichgültigkeit und Egoismus verdunkelt werde“. Um dieses Wirken zu unterstützen, habe das Erzbistum Paderborn die Gemeinschaft Shalom eingeladen, dort zu wirken. Die jungen Menschen seien angetreten, „lebendiges Wort zu sein und das Evangelium durch ihr Leben zu verkünden“. Dazu hätten sie ihre brasilianische Heimat verlassen, um in Arnsberg zu wirken. Das erinnere an die Geschichte des Richard von Arnsberg, einem der ersten Prämontratenserchorherren im Kloster Wedinghausen bei Arnsberg, auch er sei als Glaubenszeuge von England aus dorthin gekommen. So wird die spirituelle Geschichte des Hauses, die im 12. Jahrhundert begann und mit der Aufhebung des Klosters während der Säkularisation im Jahre 1803 endete, fortgeschrieben.

Und diese neue Geschichte soll so jung und begeisternd sein, wie die Menschen, die sie prägen werden. Andreza, Levi und Juao sind drei der sieben Gemeinschaftsmitglieder, die derzeit noch in einem ehemaligen Schwesternhaus in Arnsberg untergebracht sind. Sie bringen das Charisma von Shalom in den 73 000-Einwohner-Ort im Hochsauerlandkreis. Die Katholische Gemeinschaft, zu der sie gehören, entsteht im Jahre 1982 im Nordosten Brasiliens. Mit der Unterstützung des damaligen Kardinals von Fortaleza, Aloisio Lorscheider, eröffnet eine Gruppe von Universitätsstudenten unter der Führung von Moyses Louro de Azevedo Filho ein katholisches Evangelisierungszentrum mit dem Namen Shalom. Von seinem 12. Lebensjahr an verspürt der spätere Shalom-Gründer keine Lust mehr, in die Kirche zu gehen. Das schwierige Verhältnis ändert sich, als Moyses Louro de Azevedo Filho als 17-Jähriger zu einem Einkehrwochenende in ein Kloster eingeladen wird. „Dort hat er die Gegenwart Gottes ganz nah gespürt“, berichtet die 36-jährige Missionarin Andreza. „Er hat in dieser Begegnung erfahren: Jesus liebt mich.“ Von diesem Moment an will er andere junge Menschen an seiner Gotteserfahrung teilhaben lassen. „Ich will die Freude und den Frieden, den ich in Jesus gefunden habe, anderen weitergeben“, beschreibt Andreza das Ziel des Gründers. Er überlegt damals mit seinen Freunden, wie es gelingen kann, andere junge Menschen zu erreichen und sie mit der frohmachenden Botschaft Gottes in Verbindung zu bringen. Dabei wächst in ihm die Idee, eine Snackbar zu eröffnen: einen Ort der Begegnung und des Gesprächs, aber eben nicht nur über Alltagsfragen, sondern vor allem auch über Gott. In kurzer Zeit gelingt es, nicht nur Jugendliche und Kinder, sondern auch ihre Familien und viele andere Personen aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft zu erreichen. Dem Gründer und seinen Freunden wird klar: „Der Herr hat uns ein spezielles Charisma geschenkt, das wir im Dienst an der Kirche leben sollen.“

Eine solche Snackbar wie einst in Fortaleza gibt es demnächst in den Gebäuden des ehemaligen Klosters Wedinghausen. „Dort wollen wir nicht theologische Inhalte verkünden, sondern Gott selbst“, beschreibt Juao (24), der sich in Arnsberg, wie seine Landsleute, wohl fühlt. In ihrem Wirken verstehen sich die jungen Leute nicht etwa als „Vorbilder“, sie wollen vielmehr Wegbegleiter sein, um anderen die Begegnung mit Gott ermöglichen. Die Art und Weise, auf die das geschehe, sei immer wieder völlig unterschiedlich. Er hat mit 16 Jahren zu der Gemeinschaft gefunden. Dabei war er damals auf einem ganz anderen Weg: „Ich wollte mein Leben genießen, ohne Verbote oder Anordnungen.“ Dann wurden ihm „in der persönlichen Begegnung mit Jesus die Augen für die Wahrheit des Glaubens geöffnet“.

Die Gemeinschaft Shalom unterscheidet verschiedene Lebensformen, die zu ihrem Charisma gehören: „Die Lebensgemeinschaften sind der Kern, das Herz von Shalom. Wie im Ordensleben lassen die Menschen, die diese Form wählen, alles zurück.“ Im Jahre 1995 haben sich die ersten jungen Leute auf diesen Weg der bedingungslosen Nachfolge begeben. Im Jahr darauf kamen weitere Personen dazu. Viele von ihnen in der weiteren Lebensform der „Bundesgemeinschaft“. Sie leben ihr Charisma im beruflichen und familiären Alltag.

Das Leben in Deutschland und die Vermittlung des Glaubens in einem säkularer werdenden Umfeld ist für die engagierten Katholiken, die den Weg von Brasilien nach Arnsberg gefunden haben, schon eine echte Herausforderung. „Wir Südamerikaner haben schon eine andere Art, unseren Glauben zu leben und zu bekennen“, beschreiben sie. „Uns trägt das Bild von einem barmherzigen und gütigen Gott, der uns liebt.“ Und diese Menschenliebe, die von Gott ausgeht, wollen sie an den Orten bekunden, an denen sie mit ihrer Gemeinschaft Shalom wirken. Deshalb engagieren sich die vorwiegend jungen Missionare in 25 Ländern. „Unsere Absicht ist es, jedem Menschen die Erfahrung mit dem auferstandenen Christus zu ermöglichen“, beschreibt Andreza. „Durch meine Begegnung mit ihm hat sich mein Leben verändert. Und ich bin sicher, dass viele Menschen das Gleiche erleben können.“ Sie selbst hat bereits mit zwölf Jahren die „Stimme Gottes tief im Herzen“ vernommen. Mit 16 kannte sie eigentlich schon ihren Weg. Dennoch absolvierte sie zunächst ihre schulische Ausbildung und ein Studium als Biologin. Trotz vielversprechender Karriereaussichten und einer guten materiellen Situation hatte sie das Gefühl „leer zu sein“. Sie spürte, dass ihr Leben für mehr geschaffen war. Mit 21 Jahren trat sie in die Gemeinschaft ein. Sie fühlt sich wohl in ihrem missionarischen Wirken. „Ich kann nicht über den Schatz schweigen, den ich im Glauben gefunden habe“, beschreibt sie ihre Motivation, am Aufbau des Reiches Gottes mitzuwirken. Deshalb müsse man zulassen, dass der Heilige Geist überall wirken könne.

Das Leben der Gemeinschaft wird auch im Hochsauerlandkreis geprägt vom Gebet und der Musik, mit der sie viele junge Menschen erreicht. So gibt es viele kulturelle Angebote, die Shalom vor Ort ins Gespräch bringen und Aufmerksamkeit verschaffen. „Die wollen wir aber gar nicht für uns, sondern für Jesus erzielen“, weiß der 22-jährige Levi. Die Musik helfe dabei, die Begeisterung für Gott zu transportieren und Begegnung zu ermöglichen. Kraft für ihren Auftrag finden die Missionare im gemeinsamen Gebet und in Gebetsgruppen, mit jüngeren und älteren Gläubigen. Da wechselt zwar manchmal die Anzahl der Mitbeter, aber es kommen auch immer wieder neue Interessenten dazu. „Die Menschen in Arnsberg wissen inzwischen, wie sie uns finden und sie wissen vor allem auch: Wir sind immer da“, erklärt Andreza.