„Gottes Schöpfung bewahren“

Am Sonntag wird die Misereor-Fastenaktion in Münster eröffnet

Münster (DT) „Stellen Sie sich vor, Sie müssten spät abends zu einer Beerdigung. Warum spät abends? Weil sich der Beerdigungstermin nicht nach dem Terminkalender des Pfarrers richtet, sondern nach dem Stand von Ebbe und Flut. Bei Flut aber ist der Münsteraner Friedhof verschwunden – es ragen nur noch die Kreuze aus dem Wasser...“ Dieses Szenario entwarf Misereor-Hauptgeschäftsführer Josef Sayer während der Pressekonferenz zur Eröffnung der diesjährigen Misereor-Fastenaktion im Bistum Münster.

Bittere Realität: Klimawandel

„Für Münster ist eine Überflutung des Friedhofs zurzeit wenigstens noch eine düstere Zukunftsvision“, sagte Sayer. „In anderen Regionen der Welt aber ist der Klimawandel bereits bittere Realität.“ Die Folgen seien verheerend: Ansteigen der Meeresspiegel, permanente Überflutungen, Zerstörung von Lebensgrundlagen. „Und während in den Schaltzentralen der Macht nach wie vor über technische und ökonomische Detailfragen debattiert wird, geht anderswo die Welt unter.“

Der Misereor-Hauptgeschäftsführer stand noch unter dem Eindruck einer Projektreise in die Pazifikregion, wo steigende Fluten manche Inseln dauernd unter Wasser setzen und inzwischen sogar das Grundwasser versalzen ist. Die Folgen sind Krankheiten, erhöhte Sterblichkeit bei Kleinkindern. „Und wenn ich das unmittelbar mitbekomme und zugleich das Geschacher bei der Klimakonferenz in Kopenhagen erleben musste, dann packt mich Wut. Denn die Menschen im Süden tragen am wenigsten zum weltweiten CO2-Ausstoß und damit zur Klimaveränderung bei. Sie sind aber die ersten, die darunter leiden müssen.“ – „Der Klimawandel ist längst Teil unseres Lebens“, zitierte Sayer aus einem Gespräch mit Petero Mataca, dem Erzbischof von Suva, Hauptstadt der Fidschi-Inseln.

Am Sonntag wird in der Diözese Münster die Misereor-Fastenkampagne eröffnet. Traditionell ist der fünfte Fastensonntag „Misereor-Sonntag“. In jedem Jahr ruft das Bischöfliche Werk die Gläubigen dazu auf, im Rahmen einer Kollekte ihr Fastenopfer für die Arbeit in den Ländern des Südens zu bringen. Misereor gilt weltweit als das größte kirchliche Entwicklungswerk. Mit dem Leitwort der diesjährigen Aktion „Gottes Schöpfung bewahren, damit alle leben können“ weist das Hilfswerk eindringlich auf die akute Bedrohung der Schöpfung hin. Zahlreiche Gäste, Bischöfe, Priester, Ordensleute, aus Afrika, lateinamerikanischen Ländern, aus Indien und Vietnam werden beim Eröffnungsgottesdienst im Paulus-Dom zu Münster zugegen sein. Sie bringen bei diesem – live in der ARD übertragenen – Gottesdienst die „Stimme des Südens“ zu Gehör.

Im Anschluss gehen die Misereor-Gäste „auf Tour“, reisen durch verschiedene deutsche Diözesen, um in den Pfarreien und besonders auch an Schulen aus erster Hand über die Situation in ihren Heimatländern zu berichten. Denn ein entscheidender Aspekt der Misereor-Fastenaktion ist die Aufklärung hierzulande über weltweite Entwicklungszusammenhänge. Für Misereor ist diese Art von kirchlicher Bildungsarbeit eine wichtige Säule – gerade während der Fastenzeit. So lädt das katholische Hilfswerk in diesem Jahr zu einem „Coffee-Shop“ ein: Gegen eine freiwillige Spende schenken Misereor-Mitarbeiter an verschiedenen Orten, in Fußgängerzonen, Betrieben, Schulen und Vereinen, fair gehandelten Kaffee aus. Sie nutzen dabei die Gelegenheit zu Diskussionen über entwicklungspolitische Themen. Misereor will so eine zunehmend breitere Öffentlichkeit erreichen.

Zahlreiche Pfarrgemeinden in Deutschland entschließen sich auch zu eigenen Initiativen während der Fastenaktion: So organisieren sie am fünften Fastensonntag Solidaritätsmärsche, laden zum Fastenessen oder zu Eine-Welt-Märkten ein, um auf das Anliegen der Misereor-Projektarbeit in Afrika, Asien und Lateinamerika hinzuweisen. Die Einnahmen aus diesen Aktionen fließen in die Misereor-Fastenkollekte mit ein. Im vergangenen Jahr wurden durch die Kollekte gut 19 Millionen Euro eingenommen, das entspricht einem Drittel der Gesamteinnahmen Misereors aus Spendenmitteln.

Einen entscheidenden Beitrag zur Sensibilisierung für Entwicklungsprobleme und zur Erhöhung der Spendenbereitschaft leisten jedoch die Misereor-Gäste mit ihren Erfahrungsberichten. So berichtete der Bischof von Manaus, Brasilien, Dom Luiz Soares, bei der Eröffnungspressekonferenz über die Zerstörung des Waldes in seiner Heimat, der Amazonasregion. Er schilderte die Rücksichtslosigkeit, mit der Indios oder Kleinbauern von ihrem Land vertrieben werden, um riesige Anbauflächen etwa für die Rinderzucht zu gewinnen.

Dom Luiz berichtete aber auch von Zeichen der Hoffnung: Mit Unterstützung der Bischöflichen Kommission für die Landpastoral („Commissao Pastoral da Terra“) ist es Kleinbauern in der Region Pará gelungen, sich gegen Landvertreibungen zu wehren und kleine Kooperativen zu gründen. „Unsere Ortskirche engagiert sich sehr beim Aufbau kleiner bäuerlicher Gemeinschaften. Diese Art von Organisation ist die beste Abwehr gegen Übergriffe durch Großgrundbesitzer oder Konzerne.“ Leider seien beim Kampf gegen Umweltzerstörung, für einen gerechteren und zugleich schonenderen Umgang mit den Naturressourcen immer wieder Todesopfer zu beklagen: Gewerkschaftler, auch Priester und Ordensleute. Der Kampf gehe jedoch weiter, betonte Soares, stellvertretender Vorsitzender der Brasilianischen Bischofskonferenz CNBB, der als Bischofsmotto das Wort „Dienen und nicht bedient werden“ hat.

Familien rücken zusammen

Einen besonderen Blick richtet Misereor in diesem Jahr auch auf Haiti. Bereits unmittelbar nach dem verheerenden Erdbeben hatte das Hilfswerk kurzfristige Nothilfe bereitgestellt, aber auch Zusagen für die mittel- und längerfristige Wiederaufbauhilfen gegeben. Als Berichterstatter lud Misereor den Pfarrer Pere Wilnes Tilus ein. Bei der Pressekonferenz in Münster schilderte Tilus, wie noch immer mehr als 460 000 Menschen, nur notdürftig versorgt, in Zeltstädten rund um Port-au-Prince leben.„Viele obdachlos Gewordene sind aber auch spontan von Verwandten und Freunden aufgenommen worden. Die Familien rücken einfach zusammen. In manchen Häusern leben heute viermal so viele Menschen wie vor dem Erdbeben.“ Entscheidend für die Zukunft des Landes, so der Pfarrer, sei die Beteiligung wirklich aller Bevölkerungsgruppen beim Wiederaufbau. „Vor allem die Zusicherung längerfristiger Unterstützung durch kirchliche Hilfswerke wie Misereor ist für Haiti ein ermutigendes Signal.“ So begann die Pressekonferenz zur Eröffnung der Fastenaktion mit einem eher düsteren Bild von der Bedrohung unseres Planeten – und sie endete mit einem hoffnungsvollen Ausblick auf das, was menschliche Solidarität vermag.