„Gottes Heil kann jeden erreichen“

Der Papst ermahnt eindringlich, das Evangelium anzunehmen: Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz vom 28. September 2016

Der Gekreuzigte - Hundertwasser-Kirche in Bärnbach
Heiland für die gefallene Welt: Der Gekreuzigte. Darstellung in der „Hundertwasser-Kirche“ in Bärnbach. Foto: KNA
Der Gekreuzigte - Hundertwasser-Kirche in Bärnbach
Heiland für die gefallene Welt: Der Gekreuzigte. Darstellung in der „Hundertwasser-Kirche“ in Bärnbach. Foto: KNA

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Die Worte, die Jesus während seines Leidens spricht, finden ihren Höhepunkt in der Vergebung. Jesus vergibt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23, 34). Das sind nicht nur Worte, denn sie werden ein konkreter Akt in der Vergebung, die dem „guten Schächer“ neben Ihm angeboten wird. Der heilige Lukas berichtet von zwei Verbrechern, die mit Jesus gekreuzigt wurden und die sich mit gegensätzlichen Verhaltensweisen an Ihn wenden.

Der erste verhöhnt Ihn, wie alle Leute Ihn verhöhnten, wie die Anführer des Volkes es tun, doch dieser arme Mann sagt von der Verzweiflung getrieben: „Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns!“ (Lk 23, 39). Dieser Ruf bezeugt die Angst des Mannes vor dem Geheimnis des Todes und das tragische Bewusstsein, dass nur Gott die befreiende Antwort sein kann: daher ist es undenkbar, dass der Messias, der Gesandte Gottes, ans Kreuz geschlagen sein kann, ohne etwas zu tun, um sich zu retten. Und das haben sie nicht verstanden. Sie verstanden das Geheimnis des Opfers Christi nicht. Doch Jesus hat uns gerade dadurch gerettet, dass er bis zum Ende am Kreuz ausgehalten hat. Wir alle wissen, dass es nicht einfach ist, „am Kreuz auszuhalten“, an unseren täglichen, kleinen Kreuzen. Er hat an diesem großen Kreuz, hat dieses große Leid ausgehalten, und dort hat er uns gerettet; dort hat er uns seine Allmacht gezeigt und dort hat er uns vergeben. Dort erfüllt sich sein Liebesopfer und von dort entspringt für immer unser Heil. Indem er unschuldig zwischen zwei Verbrechern am Kreuz stirbt, bezeugt Er, dass das Heil Gottes jeden Menschen in jedem Zustand, auch im schlimmsten und schmerzhaftesten, erreichen kann. Das Heil Gottes ist für alle – niemanden ausgeschlossen. Es wird allen angeboten. Daher ist das Jubiläum eine Zeit der Gnade und der Barmherzigkeit für alle, die Guten und die Bösen, die, denen es gut geht und die, die leiden. Erinnert Euch an jenes Gleichnis, das Jesus über das Hochzeitsfest des Sohnes eines Mächtigen der Erde erzählt: Nachdem die Eingeladenen nicht kommen wollen, sagt er zu seinen Dienern: „Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein“ (Mt 22, 9). Alle sind gerufen: die Guten und die Bösen. Die Kirche ist nicht nur für die Guten oder für diejenigen, die scheinbar gut sind oder sich für gut halten; die Kirche ist für alle und vor allem auch für die Schlechten, denn die Kirche ist Barmherzigkeit. Und diese Zeit der Gnade und der Barmherzigkeit ruft uns in Erinnerung, dass nichts uns von der Liebe Christi scheiden kann (vgl. Röm 8, 39)! Denen, die im Krankenhaus an ein Bett gefesselt sind, in einem Gefängnis eingeschlossen leben, in einem Krieg gefangen sind, sage ich: schaut auf den Gekreuzigten; Gott ist bei Euch, er bleibt bei Euch am Kreuz und bietet sich allen als Erlöser an, uns allen. Euch, die Ihr so viel leidet, sage ich: Jesus wurde für Euch, für uns, für alle gekreuzigt. Lasst zu, dass die Kraft des Evangeliums in Euer Herz eindringt und Euch tröstet, dass sie Euch Hoffnung und die tiefe Gewissheit schenkt, dass niemand von Seiner Vergebung ausgeschlossen ist. Doch Ihr könntet mich fragen: „Aber sagen Sie, Pater, jemand, der Böses in seinem Leben getan hat, kann dem vergeben werden?“ – „Ja! Ja: niemand ist von der Vergebung Gottes ausgeschlossen. Er muss sich nur reumütig und mit dem Wunsch, von Ihm umarmt zu werden, Jesus nähern.“

Das war also der erste Verbrecher. Der andere ist der sogenannte „gute Schächer“. Seine Worte sind ein wunderbares Beispiel für Reue, eine prägnante Katechese, um zu lernen, Jesus um Vergebung zu bitten. Zunächst wendet er sich an seinen Gefährten: „Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen“ (Lk 23, 40). So hebt er den Ausgangspunkt für die Reue hervor: die Gottesfurcht. Nicht die Angst vor Gott, nein: die kindliche Gottesfurcht. Das ist keine Angst, sondern jener Respekt, den man Gott schuldet, weil Er Gott ist. Es ist ein kindlicher Respekt, weil Er Vater ist. Der gute Schächer weist auf die Grundhaltung hin, die zum Vertrauen auf Gott hin öffnet: das Bewusstsein Seiner Allmacht und Seiner unendlichen Güte. Es ist dieser vertrauensvolle Respekt, der hilft, Platz für Gott zu schaffen und sich Seiner Barmherzigkeit anzuvertrauen.

Dann erklärt der gute Schächer die Unschuld Jesu und bekennt offen seine Schuld: „Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan“ (Lk 23, 41). Jesus ist also dort am Kreuz, um bei den Schuldigen zu sein: Durch diese Nähe bietet er ihnen das Heil an. Das, was für die Anführer und den ersten Schächer, für die, die dort waren, und sich über Jesus lustig machten, ein Ärgernis ist, ist hingegen das Fundament seines Glaubens. Und so wird der gute Schächer Zeuge der Gnade; das Unvorstellbare ist eingetreten: Gott hat mich so sehr geliebt, dass er am Kreuz für mich gestorben ist. Der Glaube dieses Mannes ist die Frucht der Gnade Christi: Seine Augen betrachten im Gekreuzigten die Liebe Gottes zu ihm, dem armen Sünder. Es stimmt, er war ein Schächer, er war ein Dieb, er hatte sein ganzes Leben lang gestohlen. Doch schließlich, indem er bereute, was er getan hatte, und auf Jesus blickte, der so gut und barmherzig ist, ist es ihm gelungen, sich den Himmel zu „stehlen“: ein tüchtiger Dieb war das!

Der gute Schächer wendet sich schließlich direkt an Jesus und bittet ihn um seine Hilfe: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst“ (Lk 23, 42). Er nennt ihn beim Namen, „Jesus“, vertrauensvoll, und bekennt so, was dieser Name besagt: „der Herr heilt“: Das ist die Bedeutung des Namens „Jesus“. Jener Mann bittet Jesus, an ihn zu denken. Welche Zärtlichkeit steckt in diesem Wort, welche Menschlichkeit! Es ist das Bedürfnis des Menschen, nicht verlassen zu sein, das Bedürfnis, dass Gott ihm immer nahe ist. Auf diese Weise wird ein zum Tode Verurteilter Beispiel des Christen, der sich Jesus anvertraut. Ein zum Tode Verurteilter ist ein Beispiel für uns, ein Beispiel für einen Menschen, für einen Christen, der sich Jesus anvertraut; und auch Beispiel der Kirche, die in der Liturgie so oft den Herrn mit den Worten anruft: „Gedenke… Gedenke Deiner Liebe…“.

Während der gute Schächer von der Zukunft spricht: „Wenn du in dein Reich kommst“, lässt die Antwort Jesu nicht auf sich warten; er spricht von der Gegenwart: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (V. 43). In der Stunde des Kreuzes erreicht die Erlösung Christi ihren Höhepunkt; und sein Versprechen gegenüber dem guten Schächer offenbart die Erfüllung seiner Sendung: die Erlösung der Sünder. Zu Beginn seines Dienstes, in der Synagoge von Nazaret, hatte Jesus „den Gefangenen die Entlassung“ (Lk 4, 18) verkündet; in Jericho, im Haus des öffentlichen Sünders Zachäus, hatte er erklärt: „der Menschensohn – also Er – ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19, 9). Am Kreuz bestätigt der letzte Akt die Erfüllung dieses Heilsplans. Vom Anfang bis zum Ende hat Er sich als Barmherzigkeit offenbart, hat er sich als endgültige und unwiederholbare Inkarnation der Liebe des Vaters geoffenbart. Jesus ist wirklich das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters. Und der gute Schächer hat Ihn beim Namen gerufen: „Jesus“. Es ist eine kurze Anrufung, und wir alle können sie im Laufe des Tages mehrfach sagen: „Jesus“. Einfach „Jesus“. Sagt das den ganzen Tag über.

Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Papstes an die Besucher aus dem deutschen Sprachraum:

Ein herzliches Willkommen allen Pilgern deutscher Sprache, vor allem den vielen Jugendlichen. Besonders grüße ich die Seminaristen der Diözesen Graz-Seckau und Gurk-Klagenfurt sowie die Schülerinnen der Maria-Ward-Mädchenrealschule aus München. Liebe Freunde, schauen wir auf Jesus und entdecken wir immer mehr die Schönheit der Barmherzigkeit des Herrn! Gott segne euch alle.

Nach den Grüßen in verschiedenen Sprachen verlas der Heilige Vater einen Aufruf:

Meine Gedanken gehen ein weiteres Mal an das geliebte und gequälte Syrien. Es gelangen nach wie vor dramatische Nachrichten über das Schicksal der Bevölkerung von Aleppo zu mir, mit der ich mich durch das Gebet und geistliche Nähe im Leiden vereint fühle. Indem ich meinen tiefen Schmerz und meine lebhafte Sorge für das zum Ausdruck bringe, was in dieser bereits so gequälten Stadt geschieht, in der Kinder, alte Menschen, Kranke, so viele Menschen… sterben, möchte ich erneut alle dazu aufrufen, sich mit allen Kräften dafür einzusetzen, die Zivilbevölkerung zu schützen, einer zwingenden und drängenden Aufgabe. Ich appelliere an das Gewissen derjenigen, die für die Bombenangriffe verantwortlich sind: Sie werden sich vor Gott rechtfertigen müssen!

Übersetzung von Claudia Reimüller