Gott hat seine Hand im Spiel

650 Jugendliche kommen zum Taizé-Treffen nach Graz. Von Moritz Windegger OFM

Teilnehmer des Taizé-Treffens in Graz beten vor einer Ikone. Foto: Katholische Kirche Steiermark
Teilnehmer des Taizé-Treffens in Graz beten vor einer Ikone. Foto: Katholische Kirche Steiermark

Sie sind da. Spürbar, aber dezent. Drei Tage lang durchkämmen hunderte Jugendliche und junge Menschen aus Mittel- und Osteuropa die steierische Landeshauptstadt Graz. Sie singen, beten und diskutieren in Dutzenden Workshops. Es ist langes Wochenende und zum Taizé-Treffen finden sich rund 650 katholische, orthodoxe und evangelische Teilnehmer ein. Dabei hat die zweitgrößte Stadt der Alpenrepublik grad andere Sorgen: Am österreichischen Nationalfeiertag, dem 26. Oktober, zieht eine große Leistungsschau des Bundesheeres unzählige Besucher in die Innenstadt. Und kaum ist diese abgebaut, beginnen schon die Vorbereitungen für den nächsten Großevent: Zu Beginn der neuen Woche werden die Verkehrs- und Umweltminister der Europäischen Union zwei Tage lang über die Zeitumstellung beraten. Das alles macht den jungen und junggebliebenen Anhängern der ökumenischen Bewegung von Frere Roger Schutz (1915–2005) nichts aus. Ob gepanzerte Fahrzeuge, Absperrungen oder Sorgen um die Zeitumstellung: Immer wieder sieht man Menschen mit dem kleinen Taizé-Rucksack. Sie eilen von Kirche zu Workshop oder singen und beten. Die Bevölkerung spürt, dass sie da sind. Wie ein Sauerteig durchmischen sie die Stadt.

„Taizé“, das heißt zunächst unkompliziertes und unbeschränktes Willkommen-Sein. „Egal wo und bei welcher Gelegenheit: Wir erkennen uns immer gegenseitig wieder“, sagt Elias. Er ist 19, stammt aus Tirol und studiert Theologie in Wien. Im Grazer Franziskanerkloster haben die Organisatoren ihren Infopoint eingerichtet. Hier kommen die Besucher an, werden auf die Gastgemeinden aufgeteilt und schreiben sich für Workshops ein.

„Wir hatten über ein Jahr Vorbereitungsarbeit“, erklärt Bruder Bernard von der Taizé-Gemeinschaft. Er und zwei weitere Brüder sind für das Grazer Treffen verantwortlich. Gemeinsam mit der hiesigen Organisatoren-Gruppe ziehen sie einen Apparat auf, der den Ansturm bewältigt. Und auch mit Unvorhergesehenem fertig wird. Eine ukrainische Pilgergruppe ist fast zwei Tage lang unterwegs. Weil sie an der Grenze neun Stunden warten mussten, kommen sie erst spätabends an. Der Stimmung in Graz tut auch so etwas keinen Abbruch. „Als wir von der Innenstadt abends in die Pfarrei St. Leonhard gefahren sind, hat der Pfarrer an der Bushaltestelle schon gewartet. Das ist rührend“, erzählt Ancilla. Sie ist mit einer Gruppe Südtiroler nach Graz gekommen. Dieser Pfarrer heißt Hans Schrei und war selbst in früheren Jahren begeisterter Taizé-Pilger. „Er hat sofort jede Hilfe zugesagt“, erzählen die Organisatoren. Feinfühlig hat das Team um Lucia Stockner von der „Jungen Kirche“ im Bistum Graz-Seckau das Taizé-Programm in die Stadt eingestreut.

Und der Teig ist aufgegangen: Zehn Gemeinden in Graz nehmen Pilger auf. Und es ist nicht nur eine Konfession von Gastgebern, sondern eine evangelische, orthodoxe und katholische Mischung. „Ich hoffe, dass die Jugendlichen etwas von dem hier Erlebten mit nach Hause mitnehmen werden“, erklärt die quirlige Mittzwanzigerin Stockner. Durchwegs tippt sie auf ihrem Smartphone. Die Organisation stimmt, weil die Kommunikation reibungslos läuft.

„Taizé“ ereignet sich vornehmlich über die Musik. Weltbekannt sind die Melodien und Gesänge, mit denen die jungen Leute die Gebete gestalten. Zweimal am Tag kommen die Teilnehmer dazu im Grazer Dom zusammen. Weil die Gebete für alle offen sind, platzt die Kathedrale aus allen Nähten. Offensichtlich zieht es auch die Stadtbevölkerung zur Besinnung.

„Glaube ist kein Zustand. Glaube ist der Versuch, auf dem eigenen Weg Christus in Auge zu behalten“, ruft Niederösterreichs evangelischer Superintendent Lars Müller-Marienburg beim Mittagsgebet den Jugendlichen zu. Unter seinen Zuhörern sitzt auch Salzburgs Erzbischof Franz Lackner. „Taizé ist für mich grenzenloses Gebet“, erklärt er später. Überhaupt zeigen die großen Kirchen, wie wichtig ihnen abseits jeder theologischen Debatte das Grazer Treffen ist: Neben Lackner und Müller-Marienburg ist auch der Innsbrucker Oberhirte Herrmann Glettler gekommen. In seiner ehemaligen Pfarre St. Andrä, einem multikulturellen Brennpunkt, hält er einen Workshop. Mit den ukrainischen Pilgern ist außerdem der Lemberger Weihbischof Volodymyr Hrutsa gekommen. Und dass am Samstagabend auch Altbischof Egon Kapellari (82) über eine Stunde lang in der Kathedrale mitbetet, ringt gleich mehreren Jugendlichen staunende Bewunderung ab.

Sein Nachfolger, Bischof Wilhelm Krautwaschl, serviert am Samstag eine herausfordernde Katechese: „Trauen wir Gott noch zu, dass er seine Hand im Spiel unseres Lebens hat?“, fragt Krautwaschl. Dieses Vertrauen, das von Israel auch trotz Enttäuschungen gefordert wird, mache unsere Zukunft erst möglich. „Egal was jedem von uns widerfährt, jeder von uns hat eine Zukunft. Weil es Gott gibt“, sagt der Bischof. Was Kirche tun könne, um verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen, fragt ihn die Tagespost danach. „Das kann man nicht machen“, sagt Wilhelm Krautwaschl: „Vertrauen ist eine Haltung, die im Menschen wachsen muss.“ In der Kathedrale erklingt dabei „Behüte mich, Gott, ich vertraue Dir“.

„Taizé“ ist auch Austausch. In Workshops gehen die Jugendlichen Fragen zu Glaube und Leben nach, schreiben Texte, besichtigen Orgeln, die städtische Gefängnisseelsorge und das Styria-Medienzentrum. Oder sie üben das Opernsingen, Kerzenziehen und den Volkstanz. Manchem fällt die Auswahl aus dem Programm schwer. Und nicht nur bereichern die jungen Menschen die Stadt, offensichtlich gibt sie den Taizé-Pilgern auch etwas zurück: Graz ist eben doch mehr als nur eine Landeshauptstadt. „Der Gefängnisseelsorger hat gesagt, er glaube nicht, dass in einer durchschnittlichen Gemeinde so viel über Gott gesprochen wird, wie bei ihm im Gefängnis. Das hat mich ziemlich beeindruckt“, erzählt eine junge Frau.

„Wir bekommen durchwegs positive Rückmeldungen zum Programm“, sagt Tamara Strohmayer von der „Jungen Kirche“ am letzten Tag. Dankbar ist auch Bruder Bernard: „Es ist eine Freude, wenn sich so viele Menschen über Länder- und Konfessionsgrenzen hinweg gemeinsam auf den Weg machen. Durch gegenseitiges Vertrauen werden sie – vielleicht ohne es zu wissen – zu Zeugen der Freude am Evangelium“. „Taizé“ – Das ist ein großes Stück Sauerteig in der Welt.