„Gott hat mich gerettet“

Ein Gespräch mit der syrisch-orthodoxen Ordensschwester Hatune Dogan über praktische Nächstenliebe im Nahen Osten. Von Katrin Krips-Schmidt

Schwester Hatune
Schwester Hatune will traumatisierten Mädchen und Frauen wieder zu einem normalen Leben verhelfen. Foto: IN

Die syrisch-orthodoxe Ordensschwester Hatune Dogan betreibt mit ihrer Hilfsorganisation „Helfende Hände für die Armen“ (Hatune Foundation) mit Sitz in Warburg seit 26 Jahren zahlreiche Hilfsprojekte in 35 Ländern. Sie engagiert sich unter anderem für traumatisierte Mädchen im Nahen Osten, die sich in den Händen von IS-Terroristen befanden. Die vielsprachige Ordensfrau deren Lebensmotto das Schriftwort „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25, 40) wurde 2010 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Schwester Hatune, Sie selbst sind mit fünfzehn Jahren mit Ihrer Familie aus der Türkei nach Deutschland geflohen. Mit 18 Jahren sind Sie in den Orden von „St. Ephraim der Syrer“ eingetreten. Wie war die Situation für Ihre Familie in der Türkei vor der Flucht?

Ich bin in der Südosttürkei geboren und aufgewachsen. Am Ende meines vierzehnten Lebensjahres mussten wir plötzlich innerhalb einer Woche alles verlassen, weil mein Vater eine Morddrohung erhielt. Man wollte seinen Leib in Stücke so groß wie seine Ohrläppchen zerkleinern. Warum? Weil die Nachbarn – sechs islamische kurdische fanatische Männer – eines Nachts mit dem Trecker kamen und alle Weintrauben aus unserem Weinberg rauben wollten. Die Moslems glauben in dieser Gegend, dass die Christen oder auch Andersgläubige für sie dort geboren seien, um für sie Nahrung zu schaffen. Und aus diesem Grund ist es für sie weder Sünde noch ein Gesetzesbruch, wenn sie, nach deren Vorstellung den „Ungläubigen“ oder auch Frauen, Dinge stehlen. Das ist alles normal für sie. Und so mussten wir an unseren Produkten, Wassermelonen oder Weintrauben undsosweiter Wache halten. Bei uns ist Mundraub übrigens bis drei, vier Kilo erlaubt. Diese Männer aber kamen mit dem Trecker. Sie kamen mit Waffen, aber Papa war nicht bewaffnet.

Bei Ihnen ist Mundraub erlaubt?

Bei uns Christen – wir waren Großbauern – ist das ganz normal. Wir sagen dazu „Segen“: Es ist Segen aus dem Feld ausgegangen. Bei großen Mengen ist das aber nicht in Ordnung.

Wie ist es dann weitergegangen?

Wir haben da unten sehr gelitten. Unsere Mädchen mussten sich draußen verhüllen, damit die Moslems sie nicht sehen. Nur am Sonntag waren wir als Christen frei. Unser Dorf war ein rein christliches Dorf zwischen fünf muslimischen Dörfern. Alle fünf haben uns unterdrückt, bis es nicht mehr ging. Ein Beispiel: Als mein Vater die Männer angezeigt hat, die unsere Weintrauben gestohlen hatten, haben die Behörden nicht die Täter bestraft, sondern die Weintrauben ins Gefängnis gebracht. Nach vierzehn Tagen fragte mein Vater: „Was soll das? Es ist schade um die schönen Weintrauben, die hätte man ja essen können.“ Nein, hat man ihm geantwortet. Die Trauben seien schuld. Als mein Vater die Bestrafung der Diebe verlangte sagte man ihm ins Gesicht: „Nein, wegen dir als Christ wird ein Gläubiger nie bestraft.“

Warum tun Sie das?

Ich kümmere mich darum, weil ich seit dreißig Jahren in Deutschland und jetzt Deutsche bin. Ich kenne aber die Erfahrungen dieser Mädchen, weil man versucht hatte, mich vom sechsten bis zum vierzehnten Lebensjahr selbst zu vergewaltigen. Ich bin Gottseidank nicht vergewaltigt worden, aber es ist in der Türkei viermal versucht worden. Ich kenne also die Gefühle dieser Mädchen. Gott hat mich in der letzten Sekunde noch gerettet. Ich hatte gehört, dass – noch vor der IS – Mädchen entführt und missbraucht wurden, daher musste ich dort hin. Vor der IS hat unsere Stiftung einundzwanzig Mädchen gerettet. Ich habe mit 218 irakischen Christinnen gesprochen, alle haben an meiner Schulter geweint, die jüngste war mit fünfeinhalb Jahren missbraucht worden. Bei dreizehn von ihnen habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass ihnen die Schamlippen, bei dreien die Brust und bei zweien das Gesicht zerschnitten worden waren. Dann kam die Geschichte mit IS und der Missbrauch geschah in großen Dimensionen. Ich arbeite für alle Mädchen, die entführt und missbraucht wurden. Für arme Mädchen in Indien haben wir 23 Schulen. Egal, wo es auf der Welt Probleme und Kriege gibt, sind es die Frauen und die Mädchen, die als erste leiden. Und deshalb setze ich mich für die Christen und Jesiden dort ein – ein Shia-Mädchen (eine Muslima, A.d.R.) war auch darunter. Sie leiden zwar auch, aber muslimische Mädchen werden nicht vergewaltigt, missbraucht und verkauft. Ich setze mich für Jesiden und Christen ein, das heißt: ich versuche, ihnen nach der Befreiung zu helfen, damit sie Schutz, Nahrung und Unterkunft haben sowie psychotherapeutisch und medizinisch behandelt werden.

Ist denn überhaupt eine Heilung möglich? Machen die Mädchen Fortschritte bei der Verarbeitung ihrer Traumata?

Sie ganz zu heilen wird schwierig sein. Sie haben so viele extreme Erlebnisse hinter sich. Man kann aber wenigstens durch eine lange Therapie versuchen, dass sie erleichtert als normale Menschen leben können. Es gibt Mädchen, die acht Monate in den Händen der IS waren – und die nun Angst davor haben, wenn es Nacht wird.

Ist das Frauenbild des Islam eine der Ursachen für die Verletzungen, die den Mädchen und Frauen zugefügt werden?

Das sowieso. Die Frau hat im Islam überhaupt keine Rechte. Der Mann darf sie nach dem Koran, nach der Scharia schlagen. Die Frau ist wie ein Feld, das man mit seinem Samen besät, egal, wann man will. Die Frau ist eine Maschine – sie ist für die Kinder und für die Lust des Mannes geschaffen worden, nichts weiter.

Wie stehen Sie zum Islam?

Ich selbst habe nichts gegen Muslime als Personen. Es sind Geschöpfe Gottes. Aber ich habe etwas gegen ihre Gesetze, die die Menschen und ihre Freiheit kaputtmachen. Das muss geändert werden, sonst gibt es keine Freiheit auf der Welt. Die Schriften – der Koran, die Scharia, die Hadithe – sind das Problem. Ich helfe auch Moslems bei meinem karitativen Dienst. Ich mache überhaupt keinen Unterschied, wenn eine Frau leidet, egal, welcher Religion sie angehört.

Wie kommen Sie selbst damit zurecht, wenn Sie von diesen Grausamkeiten hören und sich mit ihnen tagtäglich befassen? Wie können Sie das ertragen?

Ich glaube an die Tat. Jeder kann sich darüber auf meiner Webseite informieren: deutsch.hatunefoundation.com/start/. Ich habe ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Ich glaube an die Tat“. Man muss etwas tun und gegensteuern. Es nützt nichts, traurig in einer Ecke zu sitzen. Die Menschen in Not brauchen Hilfe. Ich setze mich mit meinen mehr als fünftausend ehrenamtlichen Mitarbeitern weltweit dafür ein. Und was die Traumata angeht: Ich habe genug gelitten, und ich versuche, diese Leiden dieser Menschen auch mitzutragen, und ich versuche sie zu lindern.