„Gott führt uns“

Pilgeransturm in Maria Vesperbild zum Pontifikalamt mit Erzbischof Georg Gänswein Von Regina Einig

Den Morgenstern beleuchtete Kurienerzbischof Georg Gänswein im marianischen Sinn des Wortes. Foto: Bernhard Weizenegger
Den Morgenstern beleuchtete Kurienerzbischof Georg Gänswein im marianischen Sinn des Wortes. Foto: Bernhard Weizenegger

Ziemetshausen (DT) Kräuterduft erfüllt das übervolle Kirchenschiff in Maria Vesperbild. Nach altem Brauch hat Wallfahrtsdirektor Prälat Wilhelm Imkamp zu Beginn des Pilgeramtes die Buschen gesegnet. In seiner Predigt rückt er die Not der syrischen Christen in den Fokus und schlägt geschickt den Bogen von den Tagesnachrichten zum Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Ein gebürtiger Syrer, Papst Sergius I., führte das Fest Ende des siebten Jahrhunderts in Rom ein. Prälat Imkamp erinnert die Wallfahrer an ihre Bestimmung: „Der Mensch ist eine Einheit von Seele und Leib. Maria ist in strahlender Schönheit in den Himmel aufgenommen worden.“ Sie führe zu Jesus. „Das Heil kommt von einer Frau“, unterstrich Imkamp und ermutigte die Wallfahrer, sich der Gottesmutter anzuvertrauen.

Dass die Mutter Jesu das Vertrauen in ihren Beistand nicht enttäuscht, ist wenige Stunden später am Himmel zu beobachten. Auf den Wolkenbruch am Nachmittag folgt ein kleines abendliches Wunder. Dreißig Minuten vor Beginn des Pontifikalamtes schließt der Himmel seine Schleusen. Unter lichtblauem Himmel zieht Kurienerzbischof Georg Gänswein von der Wallfahrtskirche zur Fátimagrotte, wo er von tausenden Gläubigen erwartet wird. Internationaler denn je präsentiert sich die Pilgerschar. Gläubige aus Rumänien und Österreich verstärken die Reihen der deutschen Wallfahrer, die aus allen Teilen der Republik gekommen sind. Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, einheimische Bläser, Trachten und traditionelle Marienlieder sorgen für Lokalkolorit. Das Bistum Augsburg ist durch Generalvikar Harald Heinrich vertreten, aus Köln ist der emeritierte Domkapitular Winfried Auel angereist. Neben einer Gruppe Grabesritter und vielen jungen Priestern und Seminaristen sind auch erstmals Vertreter mehrerer Studentenverbindungen vor Ort. Die Festmesse mit dem Präfekten des Päpstlichen Hauses entschädigt für die Anfahrt durch das Unwetter. Der Gast aus Rom hält eine klare, sehr marianisch akzentuierte Predigt.

Von der vatikanischen Sternwarte in Castel Gandolfo, wo zwei Jesuiten einst einen neuen Planeten am Himmel entdeckten, zieht der Erzbischof die Linien zur Theologie aus. Dort ereigne sich ähnliches wie in der Sternenkunde. Durch genauere Beobachtung des Himmels mit immer schärferen optischen Instrumenten gelinge den Astronomen die Entdeckung eines neuen Sternes. Auch am „Himmel der göttlichen Offenbarung wird von Zeit zu Zeit ein neuer Stern entdeckt, aber nicht geschaffen“, so Erzbischof Gänswein. Der Aufgang des Morgensterns, wie Maria in der Lauretanischen Litanei angerufen wird, sei von den Theologen im neunzehnten Jahrhundert beobachtet worden. Dabei hätten sie entdeckt, dass er an Leuchtkraft und Helligkeit von Anfang an völlig fleckenlos gewesen sei. Maria sei vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an die Gnadenvolle gewesen. Am 8. Dezember 1854 habe Papst Pius IX. die Entdeckung der Theologen bestätigt. Im folgenden Jahrhundert hätten sich die Theologen nicht mehr mit dem Sternenaufgang, sondern mit dem Untergang befasst. Immer klarer sei erkannt worden, „dass dieser Morgenstern keinen Untergang kennt“. Zum strahlenden Anfang in der Unbefleckten Empfängnis komme auch ein hell leuchtendes Ende, ein Heimgang Mariens ohne Verwesung und eine Verherrlichung der Muttergottes an Seele und Leib. „Maria hat den Tod in seiner beschämendsten Form – in der Verwesung – nicht verkosten müssen, sondern hat mit ihrem Sohn den vollen Sieg über Sünde und die Folgen der Sünde errungen, zu denen vor allem der Tod gehört.“ Was Theologen im Lauf der Zeit immer deutlicher am Himmel der göttlichen Offenbarung erkannten sei weder eine Sinnestäuschung noch ein Wunschbild überhitzter Marienfrömmigkeit des gläubigen Volkes gewesen, sondern die Wahrheit, die ihre Bestätigung gefunden habe, als Papst Pius XII. 1950 feierlich als Dogma verkündete: Maria ist am Ende ihres Lebens mit Seele und Leib in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden. Erzbischof Gänswein wörtlich: „Das war nicht so sehr Ausnahme, sondern Vorausnahme dessen, was allen einmal zuteil werden soll, wenn wir uns wie Maria bewähren in der Treue gegenüber Gottes Geboten und in der Liebe zu Gott.“ Die Hoffnung auf ein anderes Leben sei nicht trügerisch, sondern finde Erfüllung, weil mit dem Tod nicht alles aus sei. Der „Frauentag“ könne insbesondere Frauen und Müttern Mut geben: Ihr ganzer Dienst im Alltag sei dem Leben gewidmet. Gläubige Frauen und Mütter, so der Erzbischof, wüssten, dass ihr Dienst am Leben nicht umsonst sei und dass sie sich nicht selbst überlassen seien, denn „Gott führt uns“.

Der Gast aus Rom trifft den richtigen Ton. Nach der Predigt ist nur das leise Rascheln der Baumkronen zu hören. Sehr gesammelt ziehen die Pilger nach der Eucharistiefeier in Lichterprozession über den Schlossberg. Viele junge Familien mit Kindern sind darunter. Eine sehr blasse junge Frau zieht lächelnd ein farbiges Tuch fester um ihren Kopf. Keine einzige Haarsträhne lugt darunter hervor, aber ihre Augen leuchten. „Ich bin dankbar“, sagt sie leise und reiht sich mit ihren zwei kleinen Kindern in die Prozession ein.

Nach dem Schlusssegen suchen viele Wallfahrer das Gespräch mit dem Festprediger. Erzbischof Gänswein ist freundlich und volksnah und nimmt geduldig Briefe und Autogrammwünsche entgegen. Immer wieder erkundigen sich die Menschen nach Papst Benedikt. Dem emeritierten Papst gehe es dem Alter entsprechend gut, der Kopf sei hell und der Geist sei völlig wach, lautet die Auskunft. Während Erzbischof Gänswein von Ehrengästen und Medienvertretern umringt wird, finden sich in der Wallfahrtskirche und an der mit einem aufwändigen Blumenteppich geschmückten Fátimagrotte noch Beter ein. Andere treffen alte und neue Bekannte. Viele gehören zu den Stammpilgern, wie Bayerns ehemaliger Landwirtschaftsminister Josef Miller (CSU), der schon als Kind von seinen Eltern mit nach Maria Vesperbild genommen wurde und in der Wallfahrtskirche geheiratet hat. Ihm hat die Predigt gefallen: „Erzbischof Gänswein ist genau auf das Thema eingegangen und er hat es sehr einprägsam dargestellt“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Andere feiern Mariä Himmelfahrt zum ersten Mal in Maria Vesperbild. Ein Ehepaar aus Balingen in Baden-Württemberg ist darunter und zeigt sich hochzufrieden. Auch der Würzburger Pfarrvikar Christian Stadtmüller spart nicht mit Lob: „Mich hat sehr beeindruckt, wie viele Menschen hierherkommen. Ich freue mich auch für Erzbischof Gänswein.“ Als an der Mariengrotte das Fátimalied angestimmt wurde, sei ihm „das Herz aufgegangen“, bekennt Stadtmüller, der sich für das Fátima-Apostolat in seinem Bistum engagiert.

„Beeindruckend, was es für eine bewegende Kraft ist, hier an dem Fest teilzunehmen“, so das Fazit des Lehramtsstudenten Philipp Köner von der katholischen Studentenverbindung KDStV Alcimonia zu Eichstätt. Mit drei anderen Mitgliedern der Verbindung nutzt er die Semesterferien zur Wallfahrt. Vor Ort fällt ihm vor allem der Altersdurchschnitt der Pilger positiv auf. Zu den jungen Gläubigen gehört Melanie Klauter aus Augsburg, die mit ihrer Mutter Claudia gekommen ist. „Immer wieder schön!“ sagen die beiden Frauen mit lachenden Gesichtern.

Sven Merten, Priesteramtskandidat aus St. Georgen in Frankfurt, gefällt die Volksfrömmigkeit in Maria Vesperbild. „Wir kommen immer wieder gern hierher. Wenn man auf dem Weg ist, Priester zu werden, ist es schön, auch diese Seite des katholischen Glaubens einmal kennenzulernen.“ Zumal, wenn man aus einer Gegend stammt, in der Maria Himmelfahrt kein Feiertag mehr ist. Der vierzehnjährige Ministrant Stefan aus dem Bistum Fulda lebt in der Diaspora und findet es schön, in Maria Vesperbild „Menschen mit denselben Interessen zu treffen, die einen unterstützen“. Dass sich Ehrenamt und Volksfrömmigkeit in Maria Vesperbild harmonisch paaren, zeigt der abendliche Empfang für Helfer und Ehrengäste. Josefine Seirer, die Haushälterin des Wallfahrtsdirektors, hat ein Buffet gezaubert, das wie geschaffen dazu ist, um den Glauben an die verheißene Erlösung des Leibes zu stärken. Zum Dessert noch ein Besuch an der von zahllosen Kerzen erleuchteten Fátimagrotte. Der Duft des Blumenteppichs und der geweihten Kräuter begleitet die Pilger auf ihrem Heimweg.