Gott bleibt seinen Plänen treu

Im „Jahr des Glaubens“ ermutigt der Papst, häufiger in der Bibel zu lesen – Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz am 12. Dezember

Auf den Spuren des göttlichen Heilswirkens: Frühmorgens pilgern jeden Tag mehrere hundert gläubige Christen, Muslime und Juden auf den Moseberg, Jabal Musâ, um dort den Sonnenaufgang über dem Sinai zu erleben. Auf diesem Berg soll Moses die Zehn Gebote empfangen haben. Foto: KNA
Auf den Spuren des göttlichen Heilswirkens: Frühmorgens pilgern jeden Tag mehrere hundert gläubige Christen, Muslime und... Foto: KNA

Liebe Brüder und Schwestern!

Bei der vergangenen Katechese habe ich über die Offenbarung Gottes, seine Selbstmitteilung, sowie über Seinen Heils- und Liebesplan gesprochen. Die Offenbarung Gottes ist in die Zeit und in die Geschichte des Menschen eingefügt: eine Geschichte, die „zu dem Ort (wird), an dem wir Gottes Handeln für die Menschheit feststellen können. Er erreicht uns in dem, was für uns am Vertrautesten und leicht zu überprüfen ist, weil es sich um unsere tägliche Umgebung handelt, ohne die wir uns nicht zu begreifen vermöchten“ (Fides et ratio, 12).

Der Evangelist Markus gibt – wie wir gehört haben – in klaren und knappen Worten den Beginn der Verkündigung Jesu wieder: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe“ (Mk 1, 15). Das, was die Geschichte der Welt und des Menschen erleuchtet und ihr ihre ganze Bedeutung verleiht, leuchtet in der Grotte von Bethlehem auf; es ist das Geheimnis, das wir bald an Weihnachten betrachten werden: das Heil, das sich in Jesus Christus verwirklicht. In Jesus von Nazareth zeigt Gott sein Antlitz und fordert vom Menschen die Entscheidung, ihn anzuerkennen und ihm nachzufolgen. Die Offenbarung Gottes in der Geschichte, um eine Beziehung des Dialogs der Liebe mit dem Menschen aufzunehmen, gibt dem ganzen Weg des Menschen eine neue Bedeutung. Die Geschichte ist nicht eine einfache Aufeinanderfolge von Jahrhunderten, Jahren, Tagen, sondern die Zeit einer Gegenwart, die ihr ihre volle Bedeutung verleiht und sie für eine feste Hoffnung öffnet.

Wo können wir die einzelnen Etappen dieser Offenbarung Gottes nachlesen? Die heilige Schrift ist der bevorzugte Ort, um die Ereignisse dieses Weges zu entdecken, und ich möchte nochmals alle dazu einladen, in diesem „Jahr des Glaubens“ die Bibel häufiger in die Hand zu nehmen, um darin zu lesen und darüber nachzudenken, sowie den Lesungen in der Sonntagsmesse größere Aufmerksamkeit zu widmen; alles das stellt eine wertvolle Stärkung für unseren Glauben dar.

Wenn wir das Alte Testament lesen, können wir sehen, dass es sich beim Eingreifen Gottes in die Geschichte des Volkes, das er sich erwählt und mit dem er einen Bund geschlossen hat, nicht um Ereignisse handelt, die vorbeigehen und der Vergessenheit anheimfallen. Sie werden vielmehr „Gedächtnis“, sie stellen gemeinsam die „Heilsgeschichte“ dar, die durch die Feier der Heilsereignisse im Bewusstsein des Volkes Israel lebendig bleibt. So weist der Herr im Buch Exodus Moses mit folgenden Worten an, den großen Moment der Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten zu feiern, das jüdische Paschafest: „Diesen Tag sollt ihr als Gedenktag begehen. Feiert ihn als Fest zur Ehre des Herrn! Für die kommenden Generationen macht euch diese Feier zur festen Regel!“ (12, 14). Für das ganze Volk Israel wird das Gedenken an das, was Gott gewirkt hat, eine Art beständiges Gebot, damit das Vergehen der Zeit vom lebendigen Gedenken an die vergangenen Ereignisse geprägt wird, die somit Tag für Tag erneut die Geschichte bilden und gegenwärtig bleiben.

Im Buch Deuteronomium wendet sich Moses mit den Worten an das Volk: „Vergiss nicht die Ereignisse, die du mit eigenen Augen gesehen, und die Worte, die du gehört hast. Lass sie dein ganzes Leben lang nicht aus dem Sinn! Präge sie deinen Kindern und Kindeskindern ein!“ (4, 9). Und so sagt er auch zu uns: „Vergiss nicht die Dinge, die Gott mit uns gewirkt hat“. Der Glaube wird durch das Entdecken des immer treuen Gottes und das Gedenken an Ihn gestärkt, der die Geschichte lenkt und der das sichere und feste Fundament darstellt, auf das man sein Leben bauen kann. Auch der Lobgesang des Magnifikat, den die Jungfrau Maria zu Gott erhebt, ist ein herausragendes Beispiel dieser Heilsgeschichte, dieses Gedenkens, das das Wirken Gottes lebendig macht und lebendig bleiben lässt. Maria preist das barmherzige Wirken Gottes auf dem konkreten Weg seines Volkes, die Treue zu den Verheißungen des Bundes, die Abraham und seinen Nachkommen gemacht wurden; und alles das ist lebendiges Gedenken an Gottes beständige Gegenwart (vgl. Lk 1, 46–55).

Für Israel ist der Exodus das zentrale geschichtliche Ereignis, in dem Gott sein machtvolles Wirken offenbart. Gott befreit die Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten, damit sie in das Verheißene Land zurückkehren und Ihn als den einen wahren Herrn anbeten können. Israel macht sich nicht auf den Weg, um ein Volk wie alle anderen zu sein – damit es nationale Unabhängigkeit erhält –, sondern um Gott im Gottesdienst und im Leben zu verehren, um für Gott einen Ort zu schaffen, an dem der Mensch Ihm Gehorsam zeigt, an dem Gott in der Welt gegenwärtig ist und angebetet wird; und natürlich nicht nur für Israel, sondern um vor den anderen Völkern Zeugnis für Ihn abzulegen. Die Feier dieses Ereignisses bedeutet Seine Vergegenwärtigung und Aktualisierung, damit das Wirken Gottes niemals nachlässt. Er hält seinem Plan der Befreiung die Treue und verfolgt ihn weiter, damit der Mensch seinen Herrn erkennen und ihm dienen sowie mit Glauben und Liebe auf sein Wirken antworten kann.

Gott offenbart sich selbst also nicht nur im anfänglichen Akt der Schöpfung, sondern indem er in unsere Geschichte eintritt, in die Geschichte eines kleinen Volkes, das weder besonders zahlreich, noch besonders stark war. Und diese Offenbarung Gottes, die in der Geschichte weitergeht, gipfelt in Jesus Christus: Gott, der Logos, das schöpferische Wort, das am Anfang der Welt steht, ist in Jesus Mensch geworden und hat das wahre Antlitz Gottes gezeigt. In Jesus wird jede Verheißung erfüllt, in Ihm hat die Geschichte Gottes mit der Menschheit ihren Höhepunkt. Wenn wir die vom heiligen Lukas überlieferte Erzählung über die beiden Jünger lesen, die nach Emmaus unterwegs sind, sehen wir, wie sich deutlich herausstellt, dass die Person Christus das Alte Testament, die ganze Heilsgeschichte erhellt und den großen, einheitlichen Plan der beiden Testamente, den Weg seiner Einzigkeit zeigt. So erklärt Jesus den beiden verirrten und enttäuschten Wanderern, dass er die Erfüllung aller Verheißungen ist: „Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (24, 27). Der Evangelist gibt die Aussage der beiden Jünger wieder, nachdem sie erkannt haben, dass jener Reisegefährte der Herr war: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“ (V. 32).

Der Katechismus der Katholischen Kirche fasst die Stufen der göttlichen Offenbarung zusammen, indem er auf knappe Weise ihre Entwicklung zeigt (vgl. Nrn. 54–64): Gott hat den Menschen von Anfang an zu einer innigen Gemeinschaft mit sich eingeladen, und auch wenn der Mensch durch seinen Ungehorsam seine Freundschaft verloren hat, hat Gott ihn nicht der Macht des Todes überlassen, sondern dem Menschen immer wieder seinen Bund angeboten (vgl. Missale Romano, Euch. Gebet IV). Der Katechismus vollzieht gedanklich den Weg Gottes mit dem Menschen nach, vom Bund mit Noah nach der Sintflut bis zum Aufruf an Abraham, sein Land zu verlassen, um ihn zum Vater einer Vielzahl von Völkern zu machen. Gott formt Israel zu seinem Volk, durch den Auszug, den Sinaibund und das Geschenk – durch Moses – des Gesetzes, damit es Ihn als den einzigen, lebendigen und wahren Gott anerkenne und Ihm diene. Durch die Propheten leitet Gott sein Volk in der Hoffnung auf das Heil. Wir kennen – durch Jesaja – den „zweiten Auszug“, die Rückkehr aus dem babylonischen Exil in das eigene Land, die Neugründung des Volkes; gleichzeitig jedoch bleiben viele in der Zerstreuung, und so nimmt die Universalität dieses Glaubens ihren Anfang. Am Ende wird nicht mehr nur ein König, David, ein Sohn Davids erwartet, sondern ein „Menschensohn“, das Heil aller Völker. Es kommt zu Begegnungen zwischen den Kulturen, zunächst mit Babylon und Syrien, dann auch mit den Griechen. So sehen wir, wie der Weg Gottes größer wird, sich immer mehr auf das Geheimnis Christi, des Königs des Universums, hin erweitert. In Christus verwirklicht sich endlich die Offenbarung in ihrer Fülle: Er selbst wird einer von uns. Ich habe mich mit dem Gedenken an das Handeln Gottes in der Geschichte des Menschen befasst, um die Etappen dieses großen Liebesplans zu zeigen, der im Alten und im Neuen Testament bezeugt wird: ein einzigartiger Heilsplan, der sich an die ganze Menschheit richtet, der allmählich offenbart und durch Gottes Macht verwirklicht wird, wobei Gott immer auf die Antwort des Menschen reagiert und einen Neubeginn für einen Bund findet, wenn der Mensch sich verirrt. Das ist fundamental für den Weg des Glaubens. Wir befinden uns in der liturgischen Zeit des Advent, die uns auf die heilige Weihnacht vorbereitet.

Wie wir alle wissen, bedeutet der Begriff „Advent“, „Kommen“, „Gegenwart“, und bezeichnete in der Antike die Ankunft des Königs oder des Kaisers in einer Provinz. Für uns Christen bezeichnet der Begriff etwas Wunderbares und Ergreifendes: Gott selbst hat seinen Himmel überschritten und sich zum Menschen herabgebeugt; Er hat einen Bund mit ihm geschlossen, indem er in die Geschichte eines Volkes hereingetreten ist; Er ist der König, der zu dieser armen Provinz, der Erde, hinabgestiegen ist und uns seinen Besuch zum Geschenk gemacht hat, indem er unser Fleisch angenommen hat, indem er Mensch wurde, wie wir. Der Advent lädt uns dazu ein, den Weg dieser Gegenwart nachzuvollziehen und ruft uns immer von Neuem in Erinnerung, dass Gott sich nicht von der Welt abgewandt hat, nicht abwesend ist, uns nicht uns selbst überlassen hat, sondern dass er uns auf verschiedenen Weisen entgegenkommt, die zu erkennen wir lernen müssen. Und auch wir sind mit unserem Glauben, unserer Hoffnung und unserer Liebe jeden Tag aufgerufen, diese Gegenwart in einer häufig oberflächlichen und unachtsamen Welt wahrzunehmen und zu bezeugen und in unserem Leben das Licht erstrahlen zu lassen, das den Stall von Bethlehem erleuchtet hat. Vielen Dank,

Die Gäste aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Papst mit den Worten:

Gerne heiße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache willkommen. Die Zeit des Advents lädt uns neu ein, Gottes Handeln in der Geschichte zu betrachten, der Gedächtnislosigkeit entgegenzuwirken, wachsam zu werden für die Zeichen der Gegenwart Gottes, für sein Mitsein mit uns. Gott ist nicht weggegangen von der Geschichte, er ist da. Wir müssen nur aufmerksam sein und ihm unsererseits entgegengehen. Wir wollen seine Gegenwart von Tag zu Tag bezeugen und das Licht der Menschwerdung Gottes durch unser eigenes Leben hindurchscheinen lassen. Der Herr schenke euch allen einen gesegneten Advent.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller