Goldene Rose unterm Schirm

Kardinal Joachim Meisner überbringt die päpstliche Auszeichnung an Altötting

Altötting (DT) Hunderte Pilger, die zum Patrozinium der Gnadenkapelle am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel nach Altötting gekommen sind und der Verleihung der „Goldenen Rose“ beiwohnen wollen, spannen ihre Schirme auf, drängen sich vor der Gnadenkapelle, wo der Passauer Bischof Wilhelm Schraml die Statio halten wird. Von weitem sieht es aus, als würde die Menge unter einem kollektiven Riesenschirm Schutz vor dem Regen suchen. Mittendrin steht der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU). Er posiert mit seiner Frau vor den Fotografen, lächelt sein verschmitztes Lächeln, schaut nach rechts und nach links, damit auch alle ihn mal von vorne ablichten können.

Dann gilt das Interesse der Journalisten dem Gnadenbild der Kapelle, einer schwarzen Gottesmutter, die in feierlicher Prozession zur Basilika St. Anna getragen wird. Voran gehen Vertreter verschiedener Vereine und Gruppierungen mit ihren Fahnen, die sie später zur Wandlung während der Messe als Zeichen der Ehrfurcht senken werden; Fahnen von Feuerwehr, Bundeswehr, der Gemeinschaft Emmanuel, der Legio Mariens. Es folgen Priester – alle unter Schirmen, die entsprechend der Vatikanflagge weiß-gelb sind –, der Altbischof von Passau, Franz Xaver Eder, Bischof Schraml sowie der päpstliche Legat Kardinal Joachim Meisner, der die Auszeichnung „Goldene Rose“ an Schraml überreichen soll. Hinter dem Klerus laufen Gläubigen teilweise schweigend, teilweise ein Marienlied singend und unter Schirmen versteckt zur Basilika.

Dort ist längst nicht Platz für alle Pilger, die sich fein herausgeputzt haben. Für die Politiker, darunter auch der Bürgermeister von Brixen, Albert Pürgstaller, und andere Prominente, sind die ersten Bänke reserviert. Beckstein sitzt in der ersten Reihe. Viele Gläubige sitzen an der Empore, andere suchen einen Platz in der Seitenkapelle, manche haben eigene Klappstühle mitgebracht. Viele müssen stehen. Zwei Stunden lang. So lange dauert das Pontifikalamt, dem Kardinal Meisner vorsteht.

Vor dem Altar steht ein großer Gladiolenstrauß, links auf dem Altar wird das Gnadenbild aufgestellt, von der Decke hängt je eine gelbe und eine weiße Schlaufe wie eine Riesengardine über dem Altar. Die Farbe Weiß-Gelb unterstreicht die Verbundenheit mit dem Vatikan und die Tatsache, dass es sich bei der Goldenen Rose um eine päpstliche Auszeichnung handelt. Papst Benedikt hatte bereits am 1. Juli ein Dekret auf Latein verfasst, in dem er seine Verbundenheit zu Altötting betont. Die Rose solle „Zeichen und sichtbares Zeugnis“ der besonderen Wertschätzung des Papstes sein und das Ansehen des Heiligtums mehren. „Deshalb übergeben und schenken Wir mit großer innerer Anteilnahme kraft dieser Urkunde die aus Gold gefertigte Rose“, steht auf der Pergamentrolle geschrieben, die Kardinal Meisner langsam ausrollt und dann dem Administratoren der Heiligen Kapelle, Prälat Ludwig Limbrunner, überreicht, der die deutsche Übersetzung vorliest.

Die Rose symbolisiert Christus. Das Gold steht für Auferstehung, die Dornen für die Passion. Die kunstvolle Blüte unterstreicht den Glanz der Auferstehung und soll die Trauer über das Leiden Christi mildern. Meisner erhebt sich, nimmt die Rose aus einer Art kleinem weißen Schrein und übergibt sie an Bischof Schraml. Einige recken die Hälse, viele applaudieren und singen dann gemeinsam das Lied „Segne du Maria“, das zu einem lauten Gesang anschwillt und die ganze Basilika erfüllt. Die Rose war und ist für alle Empfänger immer auch eine Mahnung und Verpflichtung. Daran erinnert Meisner – in der Basilika sitzt er mit den anderen Priestern unter dem Gemälde, das das Rosenkranzgesätz „Der dich o Jungfrau in den Himmel aufgenommen hat“ zeigt. „Besonders für Euch Bayern ist es ein Gebot der Stunde“, sagt er. Und wie immer, wenn ihm etwas wichtig ist, geht er dabei in die Knie, hebt die Arme, faltet die Stirn und spricht mit Nachdruck: „Das wäre eine gute Antwort der bayerischen Christen auf die Verleihung der Goldenen Rose: Wir bemühen uns um einen ,unverschämten‘ Glauben, wir beten täglich den Rosenkranz, und wir verteidigen den Papst.“

Mit der Papstrose wurde zum ersten Mal ein deutsches Marienheiligtum geehrt – nach Tschenstochau, Loreto, Knock in Irland und Lourdes und anderen Gnadenorten. In Altötting „ist Maria den Bayern eine Bayerin und den Deutschen eine Deutsche“, sagt Meisner, als er von Kindergeschrei unterbrochen wird. „Naja,... ich bin noch nicht fertig.“ Sagt's, schmunzelt und erntet Gelächter.

Der Ministerpräsident lächelt. Er feiert die Messe schweigend mit, hört dem Kölner Kardinal aber gebannt zu – wie alle anderen auch, hält er seine Augen unentwegt auf Meisner gerichtet. Beckstein ist protestantisch bekennender Christ, dem der Glaube der katholischen Kirche wichtig ist, wie er selbst des öfteren unterstrichen hat. „Gerade als evangelischer Christ freue ich mich über die starke katholische Volkskirche in Bayern, deren tiefe Wurzeln in Altötting greifbar werden“, so Beckstein wörtlich. Mit der Rose erhalte das Zentrum des katholischen Glaubens in Bayern eine „außerordentliche Auszeichnung“. Vor der Rose hatte Papst Benedikt bereits seinen Bischofsring dem Wallfahrtsort überlassen, der am Zepter der Muttergottes-Statue angebracht ist, erinnert Meisner, der in seiner Predigt das Leben Marias als Vorbild für die Christen hinhält. Auch darum, weil sie sich nicht als Dame von Nazareth sehe, nicht als Herrin über Leben und Tod – womit er auf Abtreibung und Euthanasie als die „Symbole europäischer Lebensverhältnisse“ zu sprechen kommt –, sondern als die Magd des Herrn. Maria sei es, die uns ihren Sohn übergibt; in seiner Fülle mit Gottheit und Menschheit. Der Mensch komme von Gott und gehe zu Gott, spricht Meisner in die Stille hinein, die sich erst nach seinem letzten Satz in Applaus auflöst: „Wer keine Herkunft hat, hat auch keine Zukunft... Diese Zukunft dürfen wir heute feiern am Fest der Aufnahme der allerseligsten Jungfrau Maria in den Himmel...Maria in ihrer Vollendung ist die Einladung Gottes an uns. Nehmen wir sie an.“

Viele nehmen sie an diesem Tag an. Die Massen, die der Messe beiwohnen, strömen später aus allen Türen der Basilika und bewegen sich langsam unter ihren Schirmen wie eine Riesenwelle Richtung Gnadenkapelle, wo die Rose nun neben dem Gnadenbild in einem Silberschrein zu sehen ist. Dort knien sich manche kurz hin, andere machen nur ein Kreuzzeichen oder schauen sich die Rose noch einmal an. Wie der Ministerpräsident.