Glückssucher, Gelehrter und Vorbild

Ein gelungenes Porträt des heiligen Augustinus. Von Barbara Wenz

Augustinus wird von seinen Eltern – rechts seine Mutter Monica – in die Schule gebracht. Gemälde von Niccolo di Pietro (1413–1415). Foto: IN
Augustinus wird von seinen Eltern – rechts seine Mutter Monica – in die Schule gebracht. Gemälde von Niccolo di Pietro (... Foto: IN

Für die einen ist der heilige Augustinus (354–430) von Hippo ein beeindruckender Glaubenssucher und Konvertit, der mit seinen „Confessiones“ – „Bekenntnissen“ ein einzigartiges Werk geschaffen hat, das heute noch von vielen gelesen wird. Für die anderen ist er der Erfinder der Erbsünde, der eine Theologie des willkürlich strafenden Gottes erstellt und in seinem „Gottesstaat“ das Schreckensgebilde einer totalitären Herrschaft der Christenheit skizziert habe. Doch wer war Augustinus wirklich? Was hat er uns heute noch zu sagen?

Michael Klaus Wernicke ist es gelungen, die Biografie des Augustinus nachzuzeichnen und dabei insbesondere seine innere Entwicklung vom Cicero-Kenner zum Manichäer und schließlich zum überzeugten und überzeugenden Christen darzustellen.

Ohne den Leser zu überfordern, in überschaubaren Kapiteln, geschrieben in leicht verständlicher Sprache, bringt Wernicke uns den Menschen Augustinus nahe. Einen Menschen, der im Alter von 19 Jahren Bekanntschaft mit Ciceros „Hortensius“ machte. Es handelt sich dabei um einen Dialog, der eine Ermutigung zur Philosophie darstellt, aber leider verloren gegangen ist und nur noch durch Zitate bei anderen gelehrten Autoren rekonstruiert werden kann. Der Gedanke Ciceros, dass wir alle sicherlich nur glücklich sein wollen, aber einzig die Liebe zur Weisheit dies bewirken könne, da dem Menschen alle sonstigen Güter jederzeit geraubt werden könnten, hat Augustinus zutiefst beeindruckt. Dieses Thema wird ihn nicht mehr loslassen. Doch zunächst fühlt er sich, sehr zum Leid seiner katholischen Mutter Monika, von einer Sekte angezogen, den Manichäern. Wernicke widmet dem Manichäismus ein eigenes Kapitel und es gelingt ihm, dem Leser die verwirrende gedankliche Welt dieser Sekte zu erläutern. Möglicherweise war dieser Umweg für Augustinus kein Irrweg, denn nach seiner Bekehrung und Taufe kann er sich so als ehemaliger „Insider“, dem intellektuellen Kampf gegen manichäische Ansichten umso besser widmen.

Aus der Überlieferung kennen wir den Schlüsselmoment zu Augustinus' Konversion: Er habe im Garten gesessen und plötzlich sei der Ruf „Tolle, legge!“ – „Nimm und lies!“ erschallt. Dies verstand er als Aufforderung, die Bibel in die Hand zu nehmen und darin zu lesen. Wernicke geht insbesondere auf diesen Zuruf ein und weiß darüber interessante Details, die auch dem Augustinus-Kenner neu sein dürften.

Anschaulich schildert er, wie das Leben des künftigen Heiligen in der Gemeinschaft von Freunden und Familie auf dem Landgut in Cassiciacum bei Mailand ausgesehen hat; ein Leben, das schon Strukturen der Regel aufwies, die Augustinus später schreiben sollte. Ebenso kenntnisreich skizziert Wernicke nach architektonischen und historischen Befunden die Taufe des Augustinus durch Bischof Ambrosius von Mailand am 25. April 387. Sie fand in der Kapelle „Zum heiligen Johannes an den Quellen“ statt, unter dem heutigen Mailänder Dom. Wieder zurück in Nordafrika gründet er drei Klöster nach seiner Regel, die gekennzeichnet ist durch Ausgewogenheit in Weisheit. Etwa heißt es im fünften Kapitel: „Es ist besser weniger zu bedürfen als mehr zu haben.“ Nach dieser Regel leben heute zahlreiche Orden, darunter nicht nur Augustiner-Chorherren und Augustiner-Eremiten, sondern zum Beispiel auch Dominikaner, Mercedarier und Trinitarier.

Neben dem Kampf gegen die Manichäer, Donatisten und Pelagianer ist Augustinus vor allem mit einer Sache beschäftigt: jeden Ort zu meiden, von dem er weiß, dass sich dort ein freier Bischofsstuhl befindet. Doch es nützt nichts: Im Jahre 395 wird er zum Bischof von Hippo geweiht, obwohl sein Vorgänger Valerius noch lebte.

Wo immer es geht, lässt Wernicke den großen Heiligen selbst zu Wort kommen, mit geschickt ausgewählten Zitaten eröffnet er einen Einblick in das authentische Denken und Fühlen des Augustinus. Wernicke gelingt es auf diese Weise, die ganz menschliche Seite dieses Kirchenlehrers aufzuzeigen: die eines großen Glückssuchers. Einen Mann, für den das Suchen nach dem Glauben die Suche nach Glück ist. Dieses Buch macht Appetit auf eine Weiterbeschäftigung mit Augustinus. Der angefügte Quellen- und Literaturteil will dem Leser dabei erste Orientierung geben. Ausgewiesene Augustinus-Kenner werden bei der Lektüre dagegen möglicherweise eine neue Facette des ihnen bereits vertrauten Heiligen kennen lernen.

Michael Klaus Wernicke OSA: Glücklich wollen wir mit Sicherheit sein. Augustinus' Suchen nach dem Glauben. Echter Verlag, Würzburg 2015,

ISBN 978-3-429-03821-1, EUR 12,90