Glücklich geschieden

Staat und Kirche in Norwegen trennen sich. Von Berthold Forssman

Oslo (DT/KNA) Es ist eine Scheidung in bestem gegenseitigem Einvernehmen: Vergangene Woche billigten sämtliche im norwegischen Parlament vertretenen Parteien einen Gesetzesvorschlag, der die Trennung von evangelisch-lutherischer Kirche und Staat vorsieht. Am Montag stimmten die 169 Abgeordneten des „Stortinget“ über die dafür nötigen notwendigen Verfassungsänderungen ab. Das war nur noch reine Formsache. Damit endet eine 475 Jahre alte Liaison. Bemerkenswert dabei ist, dass die Kirche diesen Schritt befürwortet; sie war sogar die treibende Kraft.

Was auf den ersten Blick wie eine Beschneidung von Rechten der bisherigen Staatskirche aussieht und womöglich an eine Verdrängung der Religion aus dem öffentlichen Raum denken lassen könnte, ist in Wirklichkeit eine Win-Win-Situation. Künftig sind die unterschiedlichen Religionen und Konfessionen in Norwegen gleichgestellt. Damit büßt die evangelisch-lutherische Kirche zwar ihre bislang privilegierte Stellung ein; das wird aber aus ihrer Sicht durch einen Zugewinn an Autonomie mehr als aufgewogen.

In Zukunft werden kirchliche Anliegen nicht mehr im Parlament behandelt, sondern können in Eigenregie gelöst werden. Bisher war die Kirche, die knapp 85 Prozent aller Norweger zu ihren Mitgliedern zählt, eng mit staatlichen Institutionen verflochten: Die Verfassung in ihrer alten Form schrieb beispielsweise vor, dass mindestens die Hälfte der Regierungsmitglieder der Staatskirche angehören. Kirchenoberhaupt war der König von Norwegen, und er war verpflichtet, sich zum evangelisch-lutherischen Glauben zu bekennen und diesen zu schützen. Zwar herrschte in Norwegen auch zuvor Religionsfreiheit, doch wer sich zur evangelisch-lutherischen Religion bekannte, musste nach dem Grundgesetz seine Kinder in diesem Glauben aufziehen. Immer wieder sorgte die Besetzung von kirchlichen Ämtern für Auseinandersetzungen: Da Bischöfe und Pröbste Beamte waren, war der Staat für ihre Ernennung zuständig. Umgekehrt hatten Pfarrer staatliche Aufgaben: Weil die Kirche das Recht hatte, zivilrechtlich gültige Trauungen vorzunehmen, mussten Geistliche Verwaltungsaufgaben übernehmen, die jetzt den Standesämtern zufallen. Neben dem Mehr an Selbstständigkeit erhofft sich die Kirche auch eine Stärkung ihrer Glaubwürdigkeit – und damit neuen gesellschaftlichen Einfluss.

Äußerte sich die Kirche früher zu politischen Fragen, wurde dies mit Skepsis betrachtet. So wies etwa das Öl- und Energieministerium die Kirchenkritik an einem Ölförderprojekt des norwegischen Staatskonzerns „Statoil“ in Kanada seinerzeit umgehend zurück. Demnächst können sich Lutheraner als Volkskirche zu Wort melden, ohne dass ihnen als Staatskirche Einseitigkeit unterstellt wird. Kirchen wie Menschenrechtsgruppen weisen zudem darauf hin, dass sich die Verquickung von Religion und Politik in muslimischen Ländern schlecht bemängeln lässt, solange in Norwegen ein ähnliches System gilt. Staatliche Vertreter ergänzen, dass das Eintreten für Menschenrechte und humanitäre Hilfe im Ausland manchmal leichter ist, wenn Norwegen nicht mit einem bestimmten religiösen Bekenntnis assoziiert wird. Die Unzufriedenheit mit dem bisherigen Status quo zog sich quer durch die Gesellschaft. Schon vor Jahrzehnten begann die Debatte über eine Trennung von Altar und Regierungsbank. Inzwischen ist durch die Zuwanderung auch die religiöse Landschaft bunter und vielfältiger geworden. 2008 begann konkret die Vorbereitung der notwendigen gesetzlichen Änderungen. Von Anfang an trug den Prozess eine breite Mehrheit aus sämtlichen Parteien. Norwegen ist das zweite skandinavische Land, das Staat und Religion stärker auseinanderhält. Schweden vollzog diesen Schritt im Jahr 2000. Inzwischen hat die Debatte auch das protestantische Dänemark erfasst. Allerdings sind hier die Aussichten geringer, dass es in Kürze so weit kommen könnte: Laut Manu Sareen, Minister für Kirchenangelegenheiten und Gleichstellungsfragen, steht das Thema vorerst nicht auf der Agenda.