„Globalisierung katholisch leben“

Adveniat im Jubiläumsjahr 2011. Von Anja Kordik

Essen (DT) „Ein halber Erdteil vertraut auf Dich“ – unter diesem Leitwort riefen die deutschen Bischöfe 1961 erstmals in der Weihnachtszeit zu einer „besonderen Kollekte für die seelsorglichen Bedürfnisse in Lateinamerika“ auf. Dies war die Geburtsstunde der Bischöflichen Aktion Adveniat. Erster Vorsitzender der „Bischöflichen Kommission für Lateinamerika“ war der damalige Bischof von Essen und spätere Kardinal Franz Hengsbach. Und so ist die Ruhrgebietsstadt bis heute Sitz der Adveniat-Geschäftsstelle.

Das Jahr 2011 steht für Adveniat im Zeichen seines 50-jährigen Bestehens – bei einer Pressekonferenz in Essen in dieser Woche wurde deshalb nicht nur der Bericht für das Geschäftsjahr 2009/2010 vorgestellt, sondern die Gelegenheit wurde genutzt, rückblickend und vorwärtsblickend, eine Gesamtbilanz der Arbeit von Adveniat vorzunehmen.

In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich nicht nur die Gesellschaft in Deutschland, sondern haben sich auch die Gesellschaften Lateinamerikas fundamental verändert. Transformationsprozesse gerade im ökonomischen Bereich führen besonders in großen Staaten wie Brasilien und Mexiko, aber auch kleineren Ländern wie Peru zu verstärkter wirtschaftlicher Prosperität – während aber gleichzeitig die Zahl der Armen wächst. Die Verteilungsungerechtigkeit in Lateinamerika ist und bleibt eine besondere Herausforderung für das kirchliche Hilfswerk.

Adveniat-Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka unterstrich bei der Pressekonferenz in Essen: „Lateinamerika ist eben nicht nur der Kontinent eines sich beschleunigenden Wirtschaftswachstums. Lateinamerika bleibt auch ein Kontinent der Armen, ein Kontinent, der, wie wir im vergangenen Jahr in Haiti und Chile und zu Beginn dieses Jahres in Brasilien gesehen haben, immer wieder von Katastrophen heimgesucht wird. Auch da hat die Kirche eine wesentliche Aufgabe: ihr Netzwerk zur Verfügung zu stellen für eine längerfristige Hilfe – auch dann, wenn sich das Augenmerk der Weltöffentlichkeit nicht mehr so stark auf die Katastrophenregion richtet.“ Adveniat sieht sich hier in einer besonderen Verantwortung, wie das Werk mit seiner 2010 ins Leben gerufenen Kampagne „Vergiss mein Haiti nicht“ zeigt.

Zugleich sieht es Adveniat mit Blick auf die Zukunft als seine vorrangige Aufgabe, die Menschen in Lateinamerika, gemeinsam mit den Partnern vor Ort, bei allen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen zu begleiten und ihnen dazu Maßstäbe und Werte aus Sicht des Evangeliums zu vermitteln. Es gehe um die gesamtgesellschaftliche Entwicklung in Lateinamerika, so der Adveniat-Geschäftsführer. „Es ist wichtig, das immer wieder zu hervorzuheben – auch im Blick auf die gesamte Welt. Es geht um den ganzen Menschen: den Menschen mit seiner spirituellen Dimension, in seiner Bildungsdimension, in seinem Hunger nach Bildung, den Menschen in seinem Bemühen, mehr und mehr Ebenbild Gottes zu werden.“

„Hilfen für

wirtschaftlich

prosperierende Länder wie Brasilien und Mexiko“

Anlässlich des Jubiläumsjahres hat Adveniat ein neues Leitbild verabschiedet. Betont wird darin, dass sich das katholische Werk als Anwalt für die Menschen und die Kirche Lateinamerikas in der deutschen Gesellschaft versteht. Adveniat bildet die Brücke zwischen der Kirche Lateinamerikas und der katholischen Kirche in Deutschland. Das wurde auch im letzten Jahr während der Weihnachtskampagne in den deutschen Diözesen deutlich: Adveniat nutzte die Kampagne, um Erfahrungen der Laienarbeit in der Kirche Lateinamerikas zu thematisieren. Dabei ging es nicht nur um die Arbeit von Laien für die Kirche, sondern auch das vielfältige gesellschaftspolitische Engagement vieler Laien in den Ländern Lateinamerikas kam zur Sprache. Dieses Engagement will Adveniat auch in Zukunft fördern.

Eine Herausforderung für Adveniat wird zukünftig sein, dass in Deutschland immer mehr die Frage aufgeworfen wird, warum es überhaupt noch Hilfen für wirtschaftlich prosperierende Länder wie Brasilien und Mexiko geben muss. Dazu Prälat Klaschka: „Wenn ich an den Bericht der Bundesregierung über Lateinamerika vom vergangenen Sommer denke und auch jetzt die Partner der gerade neu gegründeten Stiftung ,Europa-Lateinamerika‘ sehe, habe ich große Sorge, dass nur noch unternehmerische und wirtschaftliche Aspekte im Mittelpunkt stehen. Wir begrüßen diese neue Stiftung, die von der Europäischen Union unterstützt und ihren Sitz in Hamburg nehmen wird. Aber ihre Partner sind vor allem Unternehmen. Wichtig ist jedoch, zivilgesellschaftliche Prozesse in Lateinamerika zu fördern, die wirklich allen Bevölkerungsgruppen zugute kommen.“ Adveniat wird deshalb die künftige Arbeit der Stiftung kritisch mitverfolgen.

„Lateinamerika steht

als Region vor

drei großen

Herausforderungen“

Auch der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck, Vorsitzender der Bischöflichen Kommission Adveniat, konstatierte eine Konzentrierung des öffentlichen Blickwinkels in Deutschland auf das Ökonomische. Die weiterhin drängenden sozialen Probleme Lateinamerikas würden demgegenüber in den Hintergrund geraten. „Bei vielen Begegnungen in deutschen Gemeinden und Pfarreien, überall dort, wo ich tätig bin, versuche ich, deutlich werden zu lassen, dass Lateinamerika als Region vor drei großen Herausforderungen steht: Die eine ist die, dass in vielen Ländern zunehmend Parallelgesellschaften entstehen, gerade als Folge des Wirtschaftswachstums. Denn es gibt einerseits Profiteure und Gewinner der positiven wirtschaftlichen Prozesse, andererseits gibt es aber auch eine große Zahl von Verlierern, denen wir uns vom Evangelium her zuwenden müssen, um mit ihnen neue Wege zu gehen und gemeinsam mit ihnen und von ihnen zu lernen. Die zweite Herausforderung ist die, dass wir in der Arbeit für Lateinamerika das Thema Bildung verstärkt in den Blick nehmen müssen. Wir erleben das ja auch in der Diskussion hier in Deutschland: Bei der Frage nach gelingender Integration und vielen anderen gesellschaftlich-politisch relevanten Themen finden sich dann Antworten, wenn Bildung gestärkt wird. Damit erledigen sich nicht alle Probleme, aber die Horizonte für Problemlösungen erweitern sich.“

Als dritte große Herausforderung für die Kirche Lateinamerikas beschrieb Bischof Overbeck die wachsende Einflussnahme durch Pfingstbewegungen und Sekten. Dies verändere die religiöse Situation zunehmend. „Darüber hinaus lassen sich auch Prozesse einer zunehmenden Säkularisierung beobachten. In vielen lateinamerikanischen Großstädten erleben wir Phänomene, die uns schon seit langem aus Westeuropa bekannt sind. Das bedeutet, wir müssen die Kirche in dieser Region stärken und ihr helfen, gerade durch ihre Glaubwürdigkeit in den Bereichen Caritas und gesellschaftliche Solidarität ihre Bindungskräfte für die Gläubigen stärken.“ Es gelte, so der Adveniat-Vorsitzende, ganz deutlich zu machen, dass Christsein heißt, Gottesliebe und Nächstenliebe zusammenzubringen. „Es geht darum – ich möchte es so sagen – Globalisierung katholisch zu leben. In diesem Sinne nimmt Adveniat schon seit 1961 eine besondere Verantwortung für Lateinamerika wahr und möchte ihr auch weiterhin gerecht werden.“

Die offizielle Feier zum 50-jährigen Jubiläum von Adveniat findet am 14. Oktober 2014 in Essen statt. Näheres unter www.adveniat.de