Würzuburg

Glaubenskurs Teil 6: Warum das Leid?

Der multimediale Glaubenskurs von "Tagespost", Youcat und Radio Horeb. Von Bernhard Meuser

Menschen leiden und sterben
Lag es in Gottes Plan, dass Menschen leiden und sterben?

Ein junges Paar freut sich auf das Baby. Das Kind wird geboren. Es hat keine Arme. Warum lässt Gott das zu? Ich habe einmal einen alten Priester mit einer Abfolge von Katastrophen, die sich gerade in meiner Nähe ereigneten, provoziert. Er schüttelte immer nur den Kopf und sagte mit ruhiger Stimme einen einzigen Satz: „Gott macht keine Fehler.“ Ich musste schlucken, konnte mich lange nicht damit anfreunden. Später begegnete ich der Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom. Sie sagte mir: „Wir möchten Felix gegen kein anderes Kind auf der Welt eintauschen. Er ist der Sonnenschein in unserer Familie ...“

Lag es in Gottes Plan, dass Menschen leiden und sterben?

YOUCAT 66

Seit G. W. Leibniz (1646–1716) gibt es das Wort Theodizee (griech.: „Anklage Gottes“) für die Frage, wie ein guter Gott mit dem Leid in der Welt zu vereinbaren ist. Mit Leid dieser Art müssen alle umgehen, ob sie Gott nun auf der Rechnung haben oder nicht. Wer nicht glaubt, hält das Leben womöglich für ein Glücksspiel, bei dem Einige halt Pech haben. Das kann nicht sein, sagen Christen dann. Die Träne eines einzigen Kindes würde den Sinn des Universums pulverisieren, würde da nicht einer kommen, der „alle Tränen von ihren Augen“ (Offb 21,4) abwischt. Dennoch haben auch Christen keine unfehlbare Formel in der Tasche, mit der sie das Leid wegzaubern und die Güte Gottes beweisen können. Wie andere Menschen stehen auch Christen ratlos vor den unfassbaren Varianten unschuldigen Elends. Nicht nur Menschen leiden, auch Tiere; in gewissem Sinn leidet die ganze Schöpfung. Dennoch glauben Christen, dass sich das Leben lohnt, ja dass sich jedes Leben lohnt, das Gott schenkt. Aber sie müssen sich hämische Fragen gefallen lassen: „Wo war denn eurer Gott, als das und das passiert ist?“

Wie deutete man „Krankheit“ im Alten Testament?

YOUCAT 240

Was tun sie dann? Sie leiten die Frage an Gott weiter, manchmal in Tränen, manchmal mit einem leicht rebellischen Unterton, wie es der Romano Guardini (1885–1968) getan hat: „Warum, Gott, brauchst du zum Heil die fürchterlichen Umwege, das Leid der Unschuldigen, die Schuld?“ Guardini meinte übrigens auch, er werde sich im Letzten Gericht nicht nur fragen lassen, sondern auch selber Fragen stellen.

Kann Gott alles? Ist er allmächtig? Wenn Gott alles weiß und alles kann, warum verhindert er dann nicht das Böse?

Youcat 40 und 51

Das ist keineswegs gottlos. Schon die Bibel hält Krankheit und Leid nicht säuberlich von Gott fern. Menschen gehen in einen oft genug verstörenden Dialog mit ihrem Gott, klagen ihn sogar an: „Herr, warum bleibst du so fern, verbirgst dich in Zeiten der Not?“ (Ps 10,1) Da ist der arme Mann Ijob, dem restlos alles genommen wird: „Ich schreie zu dir und du erwiderst mir nicht; ich stehe da, doch du achtest nicht auf mich.“ (Ijob 30,20) Was sagt Gott? „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn“ (Jes 55,8). Sind wir ihm gleichgültig? Macht Gott wirklich keine Fehler?

Die Frage nach Gott und dem Leid bleibt ein Mysterium, das freilich von einer Reihe von Gewissheiten umstellt ist. Wir wissen: Gott ist allmächtig, sonst wäre er nicht Gott. Wir wissen: Gott hat die Welt gut geschaffen. Dass es das Böse und das Leid gibt, erscheint uns zu recht als Störung, Abbruch, als etwas, das einfach nicht sein soll. Die Heilige Schrift sieht die Welt fundamental vergiftet durch das Böse, dessen Urheber Gott nicht ist und nicht sein kann. Gott ist der Feind des Bösen; er denkt „Gedanken des Heils und nicht des Unheils“. (Jer 29,11) Bei Jesaja heißt es sogar: „Ich selbst werde euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet.“ (Jes 66,13)

Warum zeigt Jesus so viel Interesse an den Kranken?

YOUCAT 241

Letztlich laufen die Fäden erst bei Jesus zusammen. In seinem Sohn geht Gott selbst in das Leid seiner Schöpfung, bis an diesen radikalen Punkt, an dem der sterbende Sohn seinem Vater entgegenbrüllt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Was wie die abgründigste Gottesanklage klingt, ist in Wahrheit der unglaubliche Psalm 22, der nur zur Hälfte der Schrei eines Verratenen ist, zur anderen Hälfte aber ein einzigartiges Loblied auf den rettenden Gott: „Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.“ (Ps 22,25). Der Vater lässt seinen Sohn nicht im Tod; er weckt ihn zu neuem Leben auf – und mit ihm alle, die an ihn glauben. Und so sagt Paulus: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht.“ (Römer 8,28).

„Ich glaube“, meinte einmal der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906–1945), „dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will“. Er schrieb diesen Satz in der Todeszelle, in welche die Nazis den Widerstandskämpfer verbracht hatten. Dort schrieb er vier Monate vor seiner Hinrichtung (und im Angesicht des Todes) auch ein Gedicht, das er seiner Verlobten schickte: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag... Und reichst du uns den schweren Kelch, den bitter’n des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.“

Wie entzieht uns Gott dem Sog des Bösen?

YOUCAT 70

Herr, bei dir bin ich sicher wenn du mich hältst, habe ich nichts zu fürchten. Ich weiß wenig von der Zukunft, aber ich vertraue auf dich. Gib, was gut ist für mich. Nimm, was mir schaden kann. Wenn Sorgen und Leid kommen, hilf mir, sie zu tragen. Lass mich dich erkennen, an dich glauben und dir dienen. Sel. John Henry Kardinal Newman (1801–1890)

Wir denken Gott als den Gerechten, als den Ort der absoluten und endgültigen Gerechtigkeit. Die Tränen und Schreie der Opfer in der Kette des Unrechts bleiben bei ihm nicht ungehört. „Nil inultum remanebit“, „nichts bleibt ungerächt“, so heißt es im Dies irae. Aber wir denken ihn zugleich als Ort der absoluten Barmherzigkeit und Verzeihung, die alle menschlichen Maße sprengt. Die Identität von Gerechtigkeit und erbarmender Güte, die wir im Begriff der absoluten Güte denken, bleibt unserer Vorstellungskraft verborgen. Nur im Opfer Christi lichtet sich für den Gläubigen das Dunkel. Denn dieses Opfer bedeutet, dass Gott selbst, um ohne Unrecht gegen die Opfer des Bösen verzeihen zu können, sich selbst zum Opfer machte und sich so zum Verzeihen ermächtigte. Robert Spaemann (1927–2018), dt. Philosoph

Wer das Thema mit Freunden oder in einer Gruppe tiefer erarbeiten möchte, kann sich unter www.youcat.org  den Studyguide No.6 kostenlos herunterladen.

 

Rückblick

  1. Glaubenskurs auf katholisch