Glaubenskurs Teil 5: Was heißt: Gott wird Mensch?

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Warum das Leid?
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Jean-Paul Sartre, der französische Philosoph, war neben Sigmund Freud der zweite epochemachende Atheist und Antichrist im 20. Jahrhundert; der später so bittere und radikale Sartre wollte zu denen gehören, die aus Gott „eine verjährte Hypothese gemacht haben, die ruhig und von selber sterben wird.“ Nun war es aber ausgerechnet Sartre, der – vielleicht besser als jeder Theologe – erklärte, was es mit der Menschwerdung Gottes auf sich hat. Die Theologie spricht von der „Inkarnation” (= dem ins Fleisch kommen) Gottes. Warum wollte Gott denn ausgerechnet Fleisch werden?

Von Sartre gibt es – man glaubt es kaum – ein Krippenspiel. Es heißt „Bariona oder der Sohn des Donners“. Sartre schrieb und inszenierte es 1940, als er Kriegsgefangener in der Nähe von Trier war. Das Stück war für die Lagerweihnachtsfeier bestimmt. Für Sartre war diese Zeit in Trier bewegend. Er vertiefte sich in die katholischen Autoren Paul Claudel und Georges Bernanos („Die beiden großen Entdeckungen, die ich im Gefangenenlager gemacht habe, waren Der Seidene Schuh und Tagebuch eines Landpfarrers. Es sind die einzigen Bücher, die bei mir einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben“), lernte Priester kennen und fühlte sich „brüderlich“ mit ihnen verbunden:

„Ich habe eine Form kollektiven Lebens wiedergefunden, die ich seit der École Normale nicht mehr gekannt hatte, und eines muss ich sagen: ich war glücklich dort.“

Fast hätte Sartre das Loch in seiner Seele, sein großes Vatertrauma, angepackt. Aber soweit sollte es doch nicht kommen. Immerhin schrieb Sartre den „Bariona“, um damit „die breiteste Gemeinschaft  zwischen Christen und Nichtchristen herzustellen“.

Das Stück enthält eine atemberaubende Passage, in der Sartre seine Gott-Losigkeit erklärt. Er lässt den Bariona sagen:

„Ein Gottmensch, ein Gott aus unserem erniedrigten Fleisch, ein Gott, der bereit wäre, diesen salzigen Geschmack kennenzulernen, den wir im Mund haben, wenn die ganze Welt uns verlässt, ein Gott, der im voraus bereit wäre, zu leiden, was ich heute leide... Also, das ist Blödsinn!“

An anderer Stelle lässt er den Bariona sprechen:

„Wenn Gott Mensch würde für mich, dann würde ich ihn lieben, ihn ganz allein. Dann wären Bande zwischen ihm und mir, und für das Danken reichten alle Wege meines Lebens nicht; ein Gott, der Mensch würde aus unserem liebenswerten, elenden Fleisch, ein Gott, der das Leid auf sich nähme, das ich heute leide. Ja, wenn Gott Mensch würde für mich, dann würde ich ihn lieben ... Aber welcher Gott wäre dumm genug dafür?“

Und Maria sagt: „Dieser Gott ist mein Kind. Dieses göttliche Fleisch ist mein Fleisch. Er ist aus mir gemacht, er hat meine Augen, und diese Form seines Mundes ist auch die Form von meinem. Er sieht mir ähnlich. Er ist Gott, und er sieht mir ähnlich ... Und keine Frau hat ihren Gott derart für sich allein gehabt. Einen ganz kleinen Gott, den man in den Arm nehmen kann und mit Küssen bedecken, einen ganz warmen Gott, der lächelt und atmet, einen Gott, den man berühren kann und der lebt.“

Kein Satz in der Heiligen Schrift hat in und außerhalb der Kirche größeren Skandal gemacht, als Joh 1,14: „Und das Wort (= Gott) ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Ein Gott, der Fleisch wird, das war für die geistverliebten Griechen, die gerade ihren absurden Götterhimmel entsorgt hatten, einfach nur shocking. Und selbst in der Kirche feuerte eine Irrlehre nach der anderen dagegen:

  • Die Monophysiten lehrten, Christus sei nicht wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich gewesen; er habe nur die göttliche Natur besessen.
  • Die Subordinatianisten lehrten, Jesus sei eine Art Gott zweiter Klasse gewesen, nicht auf einer Stufe mit dem Vater und dem Heiligen Geist.
  • Die Adoptianisten lehrten, Christus sei nur Mensch gewesen; Gott habe ihn bei der Taufe im Jordan gleichsam als Sohn „adoptiert“.
  • Die Doketisten dagegen lehrten, Christus sei wirklich Sohn Gottes gewesen, habe sich aber eines Scheinleibes bedient, sei darum auch nur scheinbar am Kreuz gestorben.

Nestorius, Bischof und Patriarch von Konstantinopel im 5. Jh., wurde auf dem Konzil von Ephesus seines Amtes enthoben, weil er darauf bestand, er könne „einen zwei oder drei Monate alten Gott“ nicht anerkennen. Die Kirche hielt immer daran fest, dass der aus der Jungfrau Maria geborene Jesus von Nazareth „wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich“ ist. Und das war nicht immer einfach!

Ich stelle mir einmal vor, ich müsste einen Gott verehren, der sich aus dem Dreck dieser Erde herausgehalten hat! Ich würde auf der Stelle Atheist werden. So aber weiß ich, dass wahr ist, wonach Sartre sich sehnte – „ein Gott, den man berühren kann und der lebt“. Gott hat ein menschliches Gesicht bekommen.

Gott war unbegreiflich, unnahbar, unsichtbar und unvorstellbar. Er ist Mensch geworden, uns nahe gekommen in einer Krippe, damit wir ihn sehen und begreifen können. Hl. Bernhard von Clairvaux (ca. 1090–1153)

Der tiefste Grund für die Menschwerdung Christi war der Wille Gottes, uns seine Liebe zu zeigen und sie uns nachdrücklich ans Herz zu legen. Hl. Augustinus (354–430)