Würzburg

Glaubenskurs Teil 14: Was bedeutet zölibatäres Leben?

Der multimediale Glaubenskurs von "Tagespost", Youcat und Radio Horeb.

Die Kirche fordert von ihren Bischöfen und Priestern seit etwa tausend Jahren die ehelose Lebensweise ein.
Die Kirche fordert von ihren Bischöfen und Priestern seit etwa tausend Jahren die ehelose Lebensweise ein. Foto: Louis Marie Melchis (KNA)

Mich wundert es immer, wenn Laien kein größeres Problem mit der Kirche haben als den "Zölibat". Kein Mensch zwingt Christen, dem Rat Jesu zu folgen, nämlich "um des Himmelreiches willen" (Mt 19,12) ehelos zu leben. Kein Christ muss ja so leben. Leider sind manche Ordensleute und Priester schlechte Werbung für den Zölibat. Einmal, auf einem Katholikentag, war ich Zeuge einer merkwürdigen Debatte. Der Leiter eines Priesterseminars stellte die These auf, der Zölibat müsse den Kandidaten Freude machen ja sie müssten diese Lebensform (bei allen emotionalen Entbehrungen) wählen, weil keine andere für sie stimmig ist. Ein anderer Priester antwortete ihm mit zorngeschwellter Stirn; das sei ja wohl eine Unverschämtheit; welcher normale Mann hätte denn an so was Spaß. Der Mann mit der kühnen These blieb bei seiner Ansicht. Das Ganze war natürlich Antiwerbung.

Zunächst muss man sagen: Wenn Ordensleute ehelos leben, ist das unmittelbar einsichtig. Was Priester angeht, so gibt es in den unierten katholischen Kirchen seit alters her auch verheiratete Priester. Die römisch-katholische Kirche fordert von ihren Bischöfen und Priestern seit etwa tausend Jahren die ehelose Lebensweise ein - und könnte dieses Profil auch wieder ändern. Unter anderem hatten politische Gründe zu seiner Einführung geführt. Hängen Blutsbande am Priestertum, so ist die Gefahr groß, dass das Heilige zum Erbstück und  Familienbesitz wird. Es geht also "bloß" um ein Kirchengebot.

"Ein großes Problem des Christentums der heutigen Welt ist, dass man nicht mehr an die Zukunft Gottes denkt (...). So schließen wir die Tür für die wahre Größe unseres Lebens. Der Sinn des Zölibats als Vorwegnahme der Zukunft ist gerade das Öffnen dieser Türen (...)."
Papst Benedikt VI.

Zählen wir sie rasch auf, die Gründe, die gegen den Zölibat sprechen. Da gibt es erstens den Missstand, dass einige den Zölibat offenkundig ohne innere Überzeugung wählten. Da gibt es zweitens den Skandal des Missbrauchs, der bei vielen Außenstehenden den Eindruck weckt, Kleriker seien durch die Bank "notgeil", was in keiner Weise stimmt. Unversehens wird aber in der öffentlichen Meinung aus dem großen Zeichen für die Existenz einer anderen Welt ein verheerendes Antizeichen, zumal es häufig Jungen sind, die von Priestern missbraucht wurden. Scheinbar drängte es eine nicht unbedeutende Zahl von unberufenen Männern mit unreifer sexueller Entwicklung ins Amt. Hoffentlich haben die Verantwortlichen das erkannt.

Da gibt es drittens den Priestermangel, der auch der hohen Hürde der ehelosen Lebensweise geschuldet ist. Damit verbunden gibt es immer mehr Gemeinden, in denen nicht mehr regelmäßig Eucharistie gefeiert werden kann, weil kein Priester mehr da ist. Einige Diözesen haben fast gar keinen Priesternachwuchs mehr.
Es gibt also verschiedene Gründe, die dafür sprechen, den Zölibat für Priester freizustellen. Aber es gibt nur einen Grund, der für ihn spricht: Der Zölibat ist die Lebensweise Jesu.

Jesus selbst lebte ganz für den Vater. In dieser einzigartigen Hotline mit dem Himmel war Jesus ganz für die Menschen da. Dass er nebenbei eine Geliebte namens Maria Magdalena hatte, am Ende gar verheiratet war, ist eine Erfindung von B-Klasse-Schriftstellern. Jesus selbst lud in diese provokante Ganz-für-Gott-Lebensform ein. Und schon in der frühen Kirche kam die Überzeugung auf, dass es für die Nachfolger der Apostel - das sind heute Bischöfe und Priester - gut ist, auch wie Jesus zu leben. In Jesus zerbricht die alte, im Kreis laufende Welt von Zeugen, Geborenwerden und Sterben; "die Gestalt der Welt vergeht" (1 Korinther 7,31). Zölibatäre, denen es von Gott her in ihr Herz gelegt wurde (Matthäus 19,11: "Nicht alle können dieses Wort erfassen  "), vollziehen die in Jesus angebrochene radikale Neuheit der kommenden Welt mit. Da ist Gott heute schon "alles", was der Mensch braucht. Einmal werden auch wir Teresa von Avila verstehen: "Wer Gott hat, dem fehlt nichts. Gott allein genügt."

Der auf eine fromme und glaubwürdige Weise zölibatär lebende Priester repräsentiert mit seiner ganzen Existenz Christus. Er ist kein Funktionär, der einen bestimmten Job macht, ab fünf Uhr den Rasen gießt und mit den Kindern Mikado spielt. Nach wie vor ist die Kirche überzeugt, dass Gott genügend Berufungen schickt, wo es nur das Mistbeet echter Jüngerschaft und Nachfolge Christi gibt. Daran liegt es vielleicht, dass es mancherorts Priesterkandidaten in Hülle und Fülle gibt, während andernorts die Seminare vor sich hintrauern und die Ordenshäuser leer gähnen. Das Priesteramt zu verbürgerlichen, indem man eine normale Karrierechance und eine Planstelle für diplomierte Theologen daraus macht, kann jedenfalls nicht die Lösung sein.

Das Wort "Zölibat" sollte man übrigens abschaffen; es geht an der Sache vorbei. Es kommt von "caelebs" = alleinlebend. Das ist genau das, was dem Ehelosen um des Himmelreiches willen unter keinen Umständen passieren darf: dass er für sich lebt. Entweder er ist "in Beziehung", nämlich in einer entwicklungsfähigen Liebesgeschichte mit Gott   oder er verkommt zum verschrobenen Single. Der zeichenhaft gelebte "Zölibat" ist etwas Soziales, ist Liebe, ist Bindung, ist Gemeinschaft. Darum ist die Kühnheit zölibatären Lebens näher an der Kühnheit der Ehe als an der Bindungsunfähigkeit mancher Singles.

Zur weiterführenden Lektüre

  • Youcat 265: Sind alle Menschen zur Ehe berufen?
  • Youcat 145: Warum will Jesus, dass es Menschen gibt, die für immer ein Leben in Armut, eheloser Keuschheit und Gehorsam leben?
  • Youcat 386: Warum schützt das Fünfte Gebot auch die körperliche und seelische Integrität eines Menschen?
  • Youcat 92: Wozu berief Jesus Apostel? und 250: Wie versteht die Kirche das Weihesakrament?
  • Youcat 122: Wozu will Gott die Kirche?

Wer das Thema mit Freunden oder einer Gruppe tiefer erarbeiten möchte, kann sich den Studyguide No. 7 kostenlos herunterladen. Die nächste Folge bei Radio Horeb wird am 19. August um 19.45 Uhr ausgestrahlt.