Glaubensbildung wird hoffentlich wichtiger“

Über Jugendliche, Eventglauben und die Erwartungen an die Synode im Herbst 2018 –. Ein Gespräch mit Hubert Gatzweiler von der Initiative „Nightfever“. Von Barbara Stühlmeyer

Hubert Gatzweiler. Foto: Privat
Hubert Gatzweiler. Foto: Privat

Papst Franziskus ist ein Brückenbauer, der das Ohr vieler Menschen erreicht. Als er im April dieses Jahres in einer Marienvigil dazu aufrief, den Jugendlichen mehr zuzuhören, ihre Impulse für die Zukunft der Kirche aufzugreifen, hatte dies ein breites Echo. Kürzlich trafen sich deutsche Bischöfe und Jugendvertreter zu einem Austausch mit Blick auf die Weltbischofssynode zum Thema Jugend im Herbst 2018. Barbara Stühlmeyer sprach mit Hubert Gatzweiler, einem der Teilnehmer. Der 23-Jährige hat gerade auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur bestanden und beginnt im Herbst ein Studium im dualen System, verbunden mit einer Stelle am Generalvikariat in Köln. Er engagiert sich für die Initiative „Nightfever“.

Herr Gatzweiler, Sie haben am Jugendhearing zur Vorbereitung der Weltbischofssynode teilgenommen. Wie haben Sie die Atmosphäre dort erlebt und welche Themen wurden besprochen?

Ich wurde sehr freundlich empfangen und kam schnell in der lockeren Runde von Bischöfen und Jugendlichen mit den anderen ins Gespräch. Danach gab es einen thematischen Austausch. In drei Gesprächsrunden von jeweils 25 Minuten wurde über den persönlichen Glauben, die Lebensgestaltung der Jugendlichen von heute, die eigenen Ziele und Visionen, die eigenen Erwartungen an die Katholische Kirche und das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft gesprochen. Am Ende trugen die Bischöfe die Ergebnisse vor und im Plenum konnten wir nochmals Meinungen und Ergänzungen vorbringen.

Trotz der oftmals eindeutigen Differenzen zwischen den Meinungen der Jugendlichen war der Umgang untereinander sehr respektvoll. Man hat sich zugehört und hat miteinander geredet. Nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass man sich in sozialen Netzwerken oft mit Ignoranz und Hass begegnet.

Was würden Sie Papst Franziskus sagen, wenn Sie ihm persönlich begegnen würden?

Ich würde ihm dafür danken, dass er uns Jugendlichen etwas zutraut, dass er auf uns setzt, uns herausfordert, Dinge ernst zu nehmen und Verantwortung zu übernehmen. Auf dem Weltjugendtag in Krakau habe ich einige sehr positive Erfahrungen mit ihm machen dürfen, bei dem er uns aufrief, keine „Couchpotatoes“ zu sein. Auch, dass er uns an unsere Taufe erinnert und uns aufgefordert hat, dieser Gnade treu zu bleiben, hat mich bewegt und ermutigt.

Wie erleben Sie die derzeitige Situation der Kirche in Deutschland?

Ich komme aus einer Gemeinde, die Gott sei Dank noch lebendig ist. Dort erlebe ich, dass eine Kirche, die uns versorgt und uns alles zur Verfügung stellt, immer weniger existieren kann. Die Gemeinden, in denen sich Ehrenamtliche einsetzen und Aufgaben übernehmen, die früher vielleicht von Hauptamtlichen erledigt wurden, die leben weiter.

Ich erlebe auch, dass gewohnte Strukturen oft nicht mehr ausgefüllt werden können und so oft zur Belastung werden, wenn händeringend nach Kandidaten für Pfarrgemeinderäte oder Dekanatsräte gesucht wird. Bei den Jugendlichen erlebe ich einen „Eventglauben“: Viele treffen sich auf Veranstaltungen, die auch außerhalb von Deutschland stattfinden können, und suchen dort eine Erfahrung des Glaubens, die sie auch oftmals finden.

Welche Themen sind Ihnen persönlich für die Zukunft der Kirche wichtig?

Glaubensbildung wird hoffentlich ein immer wichtigeres Thema werden. Ich habe den Eindruck, dass wir uns in Deutschland sehr oberflächlich bilden, was Glaubensthemen betrifft, und schnell dabei sind, allgemeine Phrasen zu übernehmen und zu pauschalisieren. Als Jugendlicher hoffe ich, dass man auch weiterhin versuchen wird, uns mit unserer Lebensrealität ernst zu nehmen und darauf einzugehen.

Welche finden Sie entbehrlich?

Kein Thema, das Menschen in ihrem persönlichen Glauben betrifft, ist entbehrlich. Allerdings sollte man über die Gewichtung einzelner Themen nachdenken. Wenn ich an den Zölibat denke, die Wiederverheirateten Geschiedenen oder das Frauenpriestertum, frage ich mich, wie viele Katholiken in Deutschland davon wirklich betroffen sind und ob es nicht Themen gibt, die man stärker betonen sollte, zum Beispiel, wie wir mit der Ehevorbereitung umgehen oder den Katechesen, sei es Erstkommunion oder Firmung.

Welche Melodie möchte „Nightfever“ in den nächsten Jahren in die Sinfonie des Glaubens einbringen?

„Nightfever“ möchte ein Angebot von jungen Christen für alle Menschen sein, die sich einladen lassen, in die Kirche zu kommen. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei das offene Gebet an den Abenden in der Kirche, wo Menschen ungezwungen, so lange sie wollen, einfach da sein können. Es ist auch ein Zeichen, dass wir die Türen der Kirchen offen halten, über die übliche Öffnungszeit hinaus, um zu zeigen: Hier könnt ihr hinkommen, hier seid ihr willkommen. Unsere Melodie ist also Willkommenskultur und Individualität.

Planen Sie eine Erweiterung Ihres bisherigen Angebotes?

Der Kern wird sicher der Nightfeverabend bleiben, der ein festes Angebot von Hl. Messe, offenem Gebet, Einladen der Passanten, Gelegenheit zum priesterlichen Gespräch und der Komplet am Ende umfasst. Zweimal im Jahr finden auch Nightfeverwochenenden statt, bei dem sich die Nightfeveraktiven treffen, austauschen, bilden können und gemeinsam ihren Glauben feiern. Darüber hinaus gibt es seit einiger Zeit Veranstaltungen, die darauf abzielen, den Glauben zu vertiefen und gerade auch jungen Menschen Glaubensbildung zu ermöglichen. So gibt es jährlich eine Nightfeverakademie und Nightfever Explore.

Wie glauben Sie, wird die Kirche in Deutschland in zwanzig Jahren aussehen?

Anders! Alles ist im Wandel. Wir werden Umstrukturierungen erleben, neue Initiativen werden geschaffen werden. Man wird andere Ausdrucksformen des Glaubens finden, die gerade durch junge Generationen bewirkt werden. Dinge, die für uns heute zum Alltag gehören, wird es nicht mehr geben. Doch was bleibt, ist unser Gott, der immer für uns da ist, und die Hoffnung, eines Tages mit ihm in seinem Reich zu leben. Diejenigen, die das erhoffen, werden versuchen, dieses Reich auch schon auf der Erde zu errichten.