Glaube, Gemüt und Leidensfähigkeit

Joachim Kardinal Meisner brachte Herzblut in die Seelsorge ein – Ein Hirtenbrief als Vermächtnis. Von Regina Einig

Wer die geistliche Handschrift Joachim Kardinal Meisners in Köln sucht, findet sie in der Anbetungskapelle des Maternushauses. Jeden Morgen um Punkt acht kniete der hager gewordene Emeritus in der letzten Bank und betete. Die von ihm eingerichtete 24-stündige eucharistische Anbetung ergab sich aus seiner inneren Haltung angesichts des Glaubensschwundes in Deutschland. Das Wort Reinhold Schneiders, nur den Betern könne es noch gelingen, das Schwert über unseren Häuptern aufzuhalten, hätte auch von dem am Mittwoch verstorbenen Kölner Oberhirten formuliert worden sein können. Jüngere Gläubigen dankten dem Kardinal dafür oft mit einem Engagement, das alles Mediengeschwätz über den vermeintlich sturen Hardliner Lügen strafte. Es ist kein Zufall, dass die erfolgreichste Gebetsinitiative für Jugendliche der vergangenen Jahrzehnte – Nightfever – in der Ära Meisner ins Leben gerufen wurde. Und auch sein geduldiges Werben um die Gemeinschaft Jerusalem trug Früchte: Im Herzen Kölns lernen jede Woche hunderte Jugendliche das monastische Leben und das Stundengebet der Brüder und Schwestern kennen.

Volksnah und tieffromm erlebten die Gläubigen den Hirten Meisner bis zuletzt. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich Einladungen zu Wallfahrten und Festlichkeiten. Den Geruch der Schafe kannte er nicht zuletzt aus dem Beichtstuhl. Im Ruhestand hörte er häufig im Kölner Dom Beichte und freute sich, dass er trotz mancher gesundheitlicher Beschwerden noch mehrere Stunden als Spender des Bußsakraments zur Verfügung stehen konnte. In einer immer stärker an Kriterien des Managements ausgerichteten kirchlichen Öffentlichkeit verkörperte Meisner den Antipoden zu kalkulierenden Funktionären. Jeder Tropfen Herzblut floß in die Kirche – etwa, wenn er mit Leidenschaft predigte, oder wenn ihm beim Besuch Papst Benedikts XVI. in Auschwitz die Tränen kamen oder wenn er am Hochfest der Erscheinung des Herrn im Kölner Dom nach dem Pontifikalamt mit den Sternsingern scherzte und bei der Kollekte half.

Für die Muttergottes war ihm kein Weg zu weit. In Lourdes und Fatima zeigte sich Meisners Sinn für Volksfrömmigkeit und seine Fähigkeit zur Empathie, wenn er voller Herzlichkeit das Gespräch mit den Kranken suchte. „Nur einen Zipfel vom Schutzmantel der Muttergottes habe er für sein Erzbistum erbeten“, sagte er bei der ersten deutsch-deutschen Lourdespilgerfahrt nach der Wende im Herbst 1990, nachdem er eine gute Stunde als ein Pilger unter vielen in der Grotte gebetet hatte.

Für viele Gläubige war Kardinal Meisner das Gesicht der katholischen Kirche in Deutschland. Vor allem in Osteuropa, wo der heimatvertriebene Schlesier aufgrund seiner Treue zum Glauben während der kommunistischen Verfolgung und der persönlichen Freundschaft mit Johannes Paul II. besonderes Vertrauen genoss. Seine letzte Osteuropareise führte ihn Ende Juni nach Litauen zur Seligsprechung des ersten Märtyrers der Sowjet-Zeit Erzbischof Teofilius Matulionis.

Doch Meisners weltkirchliches Format beschränkte sich nicht darauf, Brückenbauer zwischen Ost und West zu sein. Als er starb, nannten die meisten Nachrufe in katholischen Nachrichtenportalen der spanisch- und englischsprachigen Welt ihn in den Überschriften als „einer der vier ,dubia‘-Kardinäle. Die Kommentare zeigten, dass dies als Auszeichnung zu verstehen war. Vom nicht selten als liberal und konturlos empfundenen deutschen Katholizismus hob sich der profilierte Kölner Alterzbischof auf dem weltkirchlichen Parkett ab. Nicht, um zu polemisieren, sondern weil er strenge Maßstäbe an sich selbst anlegte: Das Bewusstsein, einmal Rechenschaft vor dem höchsten Richter für sein Wirken als Hirte abgeben zu müssen, prägte ihn zutiefst. Kardinal Meisner sorgte sich um das Seelenheil der Menschen, die in einer zerrissenen Welt nur den Glauben als eigentliche Heimat finden können oder eben einsam bleiben. Die Befürchtung, dass sich die Chance zur Neuevangelisierung, die sich Deutschland durch die Wiedervereinigung bot, nicht angemessen erkannt und genutzt wurde, sah der Kardinal nüchtern voraus. Nach dem Tod der Fuldaer Erzbischofs Johannes Dybas fiel dem Kölner Oberhirten die Aufgabe zu, Leuchtturm und Mahner für die übersichtlicher werdende Herde nördlich der Alpen zu sein. „Der Hirt ist von Christus bestellt, die Herde vor Irrtum und vor Verwirrung zu bewahren“, sagte er einmal.

Das erreichte er keineswegs allein durch mahnende Worte, sondern auch durch ansteckende Freude am Glauben. Beim Weltjugendtag 2005 in Köln erlebten die Kölner Katholiken ihren Erzbischof so beschwingt wie nie. Dass den fröhlichen Tagen des Papstbesuchs am Rhein kein Berufungsboom folgte, ließ Kardinal Meisner nicht kalt. Auch das in Kirchenkreisen wachsende Desinteresse an Glaubensfragen irritierte ihn zunehmend. Die katholische Kirche als verlängerte Sozialstation des Staates zu betrachten widerstrebte ihm zutiefst. Vor allem die Gleichgültigkeit gegenüber der Eucharistie machte ihm zu schaffen.

In seinem letzten Telefonat mit der „Tagespost“-Redaktion Ende Juni äußerte er seine Skepsis über den Vorschlag von Kardinal Walter Kasper, konfessionsverschiedene Ehepartner zur Kommunion zuzulassen. Mit Nachdruck erinnerte er an seinen Fastenhirtenbrief „Die Kirche ist der Leib Christi“ aus dem Jahr 2002. Wörtlich schrieb er damals: „Christus ist das Haupt und das Lebensprinzip dieses Leibes, und wir sind Glieder am Leibe Christi. Wir werden buchstäblich in diese Christuswirklichkeit einverleibt durch die Initiationssakramente: Taufe, Eucharistie und Firmung. Der Christ ist darum das, was er isst; er hat Anteil am Leib Christi. Die Eucharistie ist geradezu das Sakrament der Einverleibung des Einzelnen in den Leib Christi, der die Kirche ist. Kommuniongemeinschaft setzt daher Kirchengemeinschaft voraus. Wer also die Eucharistie isst, obwohl er nicht zu unserer katholischen Kirche gehört, der versündigt sich am Leib Christi, dessen sichtbare Seite auch soziologisch feststellbar ist.“ In einem Dankschreiben Johannes Pauls II. an Kardinal Meisner heißt es, er hoffe und wünsche, dass „Ihr wichtiges Schreiben Gläubigen und Hirten gleichermaßen dazu helfe, das Geheimnis der Kirche immer tiefer zu erfassen und in der Liebe zum Altarssakrament zu wachsen und dieses ehrfürchtig zu verehren“. Die Treue Kardinal Meisners zum eucharistischen Herrn bleibt sein Vermächtnis.