Gipfeltreffen zur Glaubensfrage

Hans Joas und Robert Spaemann sprechen über die Zukunft des Glaubens und den Glauben der Zukunft. Von Josef Bordat

Die schwierige Lage des geistigen Fundaments unserer Gegenwartsgesellschaft, das seinerseits recht stabil auf dem Christentum und dessen Beitrag zur Ideen-, Kultur- und Rechtsgeschichte gründet, verlangt es, die größten Köpfe zusammenzurufen, um nach Perspektiven zu schauen. Für den katholischen Glauben sind das nicht unbedingt Bischöfe oder Ordensleute. Interessant ist vielmehr, was die zu sagen haben, die Religion soziologisch und philosophisch deuten, den Glauben also immer schon ins Verhältnis zur Gesellschaft und zum Stand des Denkens setzen.

So wie Hans Joas und Robert Spaemann, zwei durchaus unterschiedliche Persönlichkeiten, die auf ihrem jeweiligen Gebiet zu den einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart zählen: der Religionssoziologe Joas mit seinen differenzierten Arbeiten zur Religion als Gegenstand der Kultur und der Philosoph Robert Spaemann, dessen Beiträge zur Ethik seit Jahrzehnten die katholische Position in der Moralphilosophie vernehmbar machen. Hans Joas und Robert Spaemann haben sich zum Gespräch getroffen – Leitfrage: „Hat der Glaube eine Zukunft?“. Das Gespräch – in Buchform herausgegeben von Volker Resing in der Reihe „Edition Herder Korrespondenz“ – thematisiert die entscheidenden Fragen für Christentum und Kirche in Gegenwart und Zukunft: Wie steht es um den Glauben? Wie weit ist der Glaubensverlust fortgeschritten? Wie – wenn überhaupt – lässt er sich aufhalten? Welche Rolle spielt dabei die Kirche? Und der Papst? Das sind Fragen, die alle angehen, die Wert darauf legen, dass die Seele des Abendlandes nicht unwiederbringlich verloren geht.

Welche Antworten geben die Gesprächspartner? Glaube als „Überzeugung“ (Spaemann) und „Erfahrung“ (Joas) hat in der Moderne an selbstverständlicher Bedeutung und naheliegender Funktion eingebüßt; der Glaubensschwund ist nicht zu leugnen. Darin sind sich die Diskutanten, die freilich die Situation in Deutschland, allenfalls noch in Mitteleuropa im Blick haben, durchaus noch einig.

Im Umgang mit dieser Situation scheiden sich dann aber rasch die Geister. Während Spaemann die Menschen auch heute unmittelbar mit dem Kern des Christentums katholischer Prägung konfrontieren möchte, den es eben anzunehmen gelte, schon, um „Verbürgerlichung“ und „Milieukatholizismus“ entgegenzutreten, fürchtet Joas eine Überforderung des modernen Menschen, die geradezu „unkatholisch“ sei: „Für mich heißt katholisch immer, man kann auf ganz verschiedenen Stufen von Erkenntnis gläubig sein.“ Die Kirche als Verwalterin des christlichen Glaubensguts steht mit Joas Forderung nach Hinwendung zu jedem, auch zu dem, der gar kein tieferes Verständnis von Bibel und Tradition erlangen will, stets in der Gefahr, angepasst und beliebig zu werden. Spaemann differenziert hier sehr fein zwischen Anpassung und Aktualisierung; den Prozess des Aggiornamento weist er dieser Intention zu. Seiner Meinung nach kann das Zweite Vatikanische Konzils daher nicht für den „Niedergang des Katholizismus“ verantwortlich gemacht werden, allerdings habe es „auch nichts dagegen ausrichten können“.

Den Glauben nur noch als „Option“ zu vertreten, sei wiederum, so Joas, nicht gleichbedeutend mit Beliebigkeit. Es trage lediglich dem Umstand Rechnung, dass heute eben auch eine säkulare Option existiere. Den Menschen zu helfen, zwischen diesen beiden Möglichkeiten bewusst zu wählen, ist tatsächlich alles andere als Ausdruck von Beliebigkeit, sondern begleitet sie vielmehr zur Voraussetzung von Nachfolge: der Entscheidung für Christus.

In Einzelaspekten offenbart sich größter Dissens zwischen den Gelehrten; Spaemann: „Ich kenne nur Frauen, die sagen, wenn eine Frau hinterm Altar stünde, würden sie nicht mehr zur Messe gehen.“ – Joas: „Ich kenne nur andere Frauen.“ Im großen Ganzen jedoch ergibt sich weitestgehend eine konstruktiv-konsensuale Stimmung im Gespräch, das zwar keinen übergroßen Erkenntnisgewinn bringt, gleichwohl Argumente zusammenträgt, die für das „Krisenmanagement“ der Kirche jetzt und künftig wichtig sind.

Durch die dialogische Struktur ist der Text leicht lesbar und stellenweise sogar verhältnismäßig unterhaltsam.

Hans Joas, Robert Spaemann: Beten bei Nebel. Hat der Glaube eine Zukunft? Herder, Freiburg 2018, ISBN: 978-3-451-27149-6, EUR 14,-