Jerusalem/Bethlehem

"Geschenk an die Weltkirche"

Mariam Bawardi und Alphonsine-Marie Ghattas: Erstmals werden am Sonntag zwei Palästinenserinnen heiliggesprochen - Ganz unpolitisch ist das nicht.

Die Gebeine von Schwester Mariam Bawardi im gläsernen Reliquiar im Karmel in Bethlehem.
Die Gebeine von Schwester Mariam Bawardi ruhen in einem gläsernen Reliquiar im Karmel in Bethlehem. Foto: om

Die Vorfreude im Heiligen Land ist groß. Hirtenschreiben, Plakate, Gottesdienste, ein wahrer Gebetsmarathon: Seit Wochen fiebert die älteste Teilkirche dem großen Ereignis der Heiligsprechung zweier Palästinenserinnen durch den Papst in Rom entgegen. „Über 2 000 Gläubige aus Israel, Palästina und dem Libanon werden sich aufmachen, um dieses schöne Ereignis mit dem Heiligen Vater zu begehen“, sagt Weihbischof William Shomali. Er ist im Lateinischen Patriarchat für Jerusalem und die palästinensischen Gebiete zuständig. „Das ist ein geistliches Großereignis für die Kirche im Heiligen Land und im ganzen Nahen Osten. Es zeigt, dass unser Volk nicht nur Terroristen hervorbringt, sondern auch Heilige. Mariam Bawardi und Marie-Alphonsine Ghattas sind leuchtende Vorbilder des Glaubens.“

Das sieht auch Priorin Anne Françoise so. Sie steht dem Karmel von Bethlehem vor, in dem Mariam starb. „Schwester Mariam bringt die Menschen in Kontakt mit Gott“, sagt die Französin durch das Gitter des Empfangszimmers. „Während ihres irdischen Lebens war Mariam eine Zeugin des Himmels. Diese begnadete Orientalin ist ein Heilmittel gegen den modernen Rationalismus des Westens. Gott ist Gott, das hat Mariam bezeugt.“

Geboren wurde die selige Mariam Bawardi in Ibellin in Galiläa am 5. Januar im Jahre 1847. Palästina gehörte damals als vergessene Provinz zum Osmanischen Reich. Ibellin wiederum, auf halbem Wege zwischen Haifa und Nazareth gelegen, war ein vergessener Ort in Palästina. Zwölf Kinder hatten die griechisch-katholischen Eltern verloren. Keines erreichte das Erwachsenenalter. In ihrer Not pilgerten sie zu Fuß in das hunderte Kilometer entfernte Bethlehem, um an der Krippe des Herrn zur Jungfrau Maria zu beten. Ihr vertrauensvoller Glaube wurde belohnt: Die kleine Mariam wurde neun Monate später geboren – und überlebte. Im Jahr darauf kam der Bruder Boulos zur Welt. Doch bereits mit drei Jahren verliert Mariam ihren Vater, wenig später die Mutter. Sterbend befiehlt die Mutter ihre Kinder dem heiligen Josef an. Ihr Bruder wird einer Tante anvertraut. Mariam wird in die Obhut eines Onkels gegeben, der mit dem Kind bald nach Alexandrien in Ägypten zieht.

1858, Mariam ist mittlerweile etwa zwölf Jahre alt, macht ihr Onkel seine Absicht kund, sie zu heiraten. Mariam lehnt ab. Sie will sich ehelos ganz dem Herrn weihen. Der Onkel ist empört. Demütigungen und Drohungen folgen. Doch Mariam bleibt stark. Irgendwann will sie ihrem Bruder schreiben. Ein Diener der Familie soll den Brief aufgeben. Er hört von dem Leid, das sie dem Bruder in dem Schreiben klagt. Der Diener, ein Moslem, fordert sie auf, zum Islam zu konvertieren. Mariam weigert sich. Im Zorn zieht der Mann ein Messer und schneidet dem Mädchen die Kehle durch. Er lässt sie in einer dunklen Gasse zurück. Doch der Himmel greift ein: Sie wird später berichten, dass sie wirklich tot war, dass sie ins Paradies einzog und die Jungfrau sah, ihre Eltern, die Heiligen und den dreifaltigen Gott. Doch Gott hatte noch einen Plan mit dem Mädchen. Sie erwacht in einer Grotte. Eine wie eine blau gewandete Ordensfrau scheinende junge Frau kümmert sich um sie und pflegt sie gesund. Sie sollte sich später als die Jungfrau Maria herausstellen. Wieder gesund, beginnt Mariam als Dienstmagd ihren Unterhalt zu verdienen und umherzuziehen, nach Jerusalem, Beirut, Marseille. Bescheidenheit, aber auch ständiger Kontakt mit der unsichtbaren Welt prägen diese Jahre. In Marseille lernt Mariam die Schwestern des heiligen Josef von der Erscheinung kennen. Sie ist jetzt 19 Jahre alt. Sie wird als Postulantin aufgenommen, obwohl sie nur schlecht französisch spricht und bei schlechter Gesundheit ist. Die junge Ordensfrau ist stets zu den niedrigsten und anstrengendsten Arbeiten in Küche und Wäscherei bereit. Bereits hier empfindet sie die Passion Christi körperlich. Die Wundmale des Herrn, die sie empfängt, hält sie anfangs für eine Krankheit. Die Mitschwestern begegnen der jungen Novizin mit Misstrauen. Sie wird bald von allen Aufgaben ferngehalten. Doch sie fällt einer Ordensfrau auf, die demselben Orden angehört, sich aber auf den Übertritt in den Karmel vorbereitet. Sie bietet Mariam an, sie mitzunehmen.

Im Juni 1867 wird Mariam im Karmel zu Pau in Frankreich aufgenommen. Sie nimmt dort den Namen Mariam vom gekreuzigten Jesus an. Sie erobert schnell durch Einfachheit und Großmut die Liebe ihrer Mitschwestern. Doch ihre Lebhaftigkeit, aber auch Anfechtungen des Dämons quälen die junge Frau. Sie ist sich angesichts der Größe Gottes des Nichts ihrer Existenz bewusst. Als „kleines Nichts“ bezeichnet sie sich fortan. Die Demut sollte die Quelle ihrer geistlichen Fruchtbarkeit werden. Doch auch in Pau bleibt Mariam nicht lange. 1870 wird sie mit einer kleinen Gruppe von Ordensfrauen nach Indien geschickt. Dort, in Mangalore, soll sie den ersten Karmel des Subkontinents mitbegründen. Drei Schwestern sterben bereits auf der Fahrt nach Indien. Mariam bleibt einige Zeit dort. Ekstasen, Visionen, dämonische Erfahrungen: Ihre übernatürlichen Erfahrungen nehmen zu, aber auch das Unverständnis ihrer Umgebung. 1871 endet ihr Noviziat, 1872 kehrt sie nach Pau zurück. Dort findet sie wieder zu geistlicher Ruhe. Hymnen, die die Größe und Schönheit Gottes besingen, entstehen. „Ich bin in Gott, und Gott ist in mir. Ich fühle, dass alle Geschöpfe, die Bäume, die Blumen Gott gehören und auch mir. Ich wünschte mir ein Herz, das größer wäre als die Welt“, schreibt sie.

Viele Menschen suchen sie auf, um geistlichen Rat zu erhalten. In dieser Zeit reift in Mariam der Entschluss, einen Karmel im Heiligen Land zu gründen, in Bethlehem. Trotz vieler Hindernisse findet sie in der wohlhabenden Dame Berthe Dartigaux eine Wohltäterin. Ihr Beichtvater ermutigt sie ebenfalls. Rom gibt schließlich grünes Licht. Am 20. August 1875 macht sich eine kleine Gruppe von Karmelitinnen ins Heilige Land auf. Mariam lässt sich vom Herrn den Platz zeigen, wo das Kloster entstehen soll. Es wird in runder Form errichtet und soll so an den Turm Davids erinnern. Da Mariam die einzige ist, die Arabisch spricht, hängt die Leitung der Arbeiten vor allem an ihr. Am 21. November 1876 zieht die kleine Gemeinschaft schließlich in das noch nicht fertiggestellte Kloster ein. Mariam setzt sich in der Folge auch für die Gründung eines Karmels in Nazareth ein. Auf dem Weg dorthin hat sie eine Eingebung: der Ort Emmaus Nicopolis wird ihr als der Ort gezeigt, wo die Jünger den Herrn nach seiner Auferstehung erkannten.

Wieder zurück in Bethlehem verunglückt Mariam und stirbt am 26. August 1878 an den Folgen des Sturzes wenig später, erst 32 Jahre alt. Sie wird im Kloster beigesetzt. Ihre Verehrung verbreitet sich schnell. Papst Johannes Paul II. spricht sie 1983 selig. Ein Heilungswunder auf ihre Fürsprache wurde im Dezember von Papst Franziskus anerkannt. Der Weg für ihre Heiligsprechung war damit frei.

Im Falle der seligen Marie-Alphonsine überlebte ein Araber aus Galiläa 2009 einen normalerweise tödlichen Stromschlag nach kirchlichem Urteil nur, weil seine Freunde zur Seligen beteten. Papst Franziskus erkannte dieses Wunder ebenfalls im Dezember an, womit alle Voraussetzungen für die Kanonisation der 2009 unter Papst Benedikt XVI. Seliggesprochenen erfüllt waren. Geboren wurde Marie-Alphonsine Ghattas am 4. Oktober 1843 im christlichen Viertel der Jerusalemer Altstadt. Sie wurde auf den Namen „Sultana“ getauft. Damit wird im Arabischen eine Herrscherin bezeichnet. Schnell wurde ein Bezug zu Maria hergestellt und das Kind nur so gerufen. Bischof Shomali hält ihren Geburtsort für wichtig. „Sie ist eine Heilige aus Jerusalem. Das bedeutet, dass Heiligkeit auch heute möglich ist. Die meisten unserer Heiligen sind ja Apostel und ihre Nachfolger aus der alten Zeit. Die selige Marie Alphonsine zeigt, dass auch einfache Leute aus Jerusalem Heiligkeit erreichen können, ohne große Dinge zu tun.“

Marie-Alphonsine wuchs in Jerusalem inmitten einer frommen Familie auf. Ihre Mutter besuchte täglich die heilige Messe. Ihr Vater versammelte abends gerne Freunde und Nachbarn zum Rosenkranzgebet vor einer Statue der Gottesmutter. Als Sultana 17 wurde, konnte sie trotz langen Widerstands des Vaters ihren Entschluss wahrmachen und Ordensfrau werden. Auf dem Kalvarienberg in der Jerusalemer Grabeskirche legte sie am 30. Juni 1860 ihre Gelübde in der Gemeinschaft der Schwestern des heiligen Joseph von der Erscheinung ab. Sie nahm den Namen Marie-Alphonsine an.

Die junge Schwester war Feuer und Flamme für ihre Arbeit. Bescheidenheit und Demut prägten sie. In Bethlehem begann ihr die Jungfrau Maria zu erscheinen. Sie trug ihr die Gründung einer neuen Frauengemeinschaft auf, die den Namen der Schwestern vom Rosenkranz tragen und arabischen Mädchen vorbehalten sein sollte. Die Erscheinungen währten etwa vier Jahre. Die Jungfrau wies sie an, den Priester Jusef Tannous vom Lateinischen Patriarchat zu ihrem Seelenführer zu nehmen. Er wurde später der sichtbare Gründer der Gemeinschaft. Die eigentliche Stifterin zog es vor, ungenannt zu bleiben.

Nach vielen Schwierigkeiten durfte Schwester Marie-Alphonsine ihren alten Orden verlassen. 1883 wurde sie bei den Rosenkranzschwestern eingekleidet. Sie wirkte in zahlreichen Pfarreien des Heiligen Landes. Zeit ihres Lebens wusste Schwester Marie-Alphonsine die Marienerscheinungen zu verbergen, die sie empfangen hatte. Nur ihr Beichtvater wusste davon. Weil dieser aber weise darauf gedrungen hatte, dass sich die Schwester einem geistlichen Tagebuch anvertrauen sollte, wurde nach ihrem Tod die Wahrheit über die Gründung des Ordens der Rosenkranzschwestern bekannt. Wenige Tage vor ihrem Tod 1927 in Ein Karem bei Jerusalem trug sie ihrer Mitschwester Anna, die auch ihre leibliche Schwester war, auf, nach ihrem Ableben die an einem bestimmten Ort verwahrten Tagebücher der Erscheinungen an sich zu nehmen und dem Lateinischen Patriarchen Barlassina zu übergeben. Da der aus Italien stammende Patriarch des Arabischen nicht mächtig war, ließ er die Bände übersetzen. Erst da wurde den Schwestern klar, wer wirklich ihre Gründerin war und welche Demut ihr stilles Leben ausgezeichnet hatte. Ihre Gebeine ruhen heute in Jerusalem in einer Kirche der Rosenkranzschwestern unter einem Altar.

„Die Heiligsprechung der seligen Marie Alphonsine Ghattas und Mariam Bawardi gibt den Christen im Heiligen Land Hoffnung“, glaubt Bischof Shomali. „An den neuen Heiligen wird Heiligkeit sichtbar. Man sieht Heiligkeit ja nicht, sondern sieht heilige Leute. Heiligkeit ist ein abstrakter Begriff. Wenn wir das Leben der neuen Heiligen lesen, werden wir ermutigt, ihnen nachzueifern. Es ist in der Tat eine große Ermutigung für unsere Christen hier.“ An der Feier in Rom wird auch eine Delegation mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas an der Spitze teilnehmen. Bischof Shomali sieht das Politische daran, will es aber nicht überbewertet wissen. „Die Heiligsprechung ist zunächst ein geistliches Ereignis. Aber als unser Präsident von der Kanonisation zweier Palästinenserinnen erfuhr, wollte er nach Rom fahren. Er ist ja mit Papst Franziskus befreundet. Er wird mit einer Delegation teilnehmen. Das Ganze hat also auch eine politische Dimension. Der Name Palästina wird in den Medien auftauchen. Manche Leute werden die Flagge mitführen. Dagegen haben wir nichts. Wir können das Ereignis aber nicht auf das Politische reduzieren. Es ist zuerst ein geistliches Geschehen.“

Bischof Shomali hält es für wichtig, dass die beiden neuen Heiligen aus dem Orient stammen. „Aus Europa und Amerika stammen viele Heilige. Im Nahen Osten aber haben wir in jüngerer Zeit nicht so viele gehabt. Man muss in die Zeit der alten Kirche zurückgehen. Diese beiden aber kommen aus dem Heiligen Land der jüngeren Vergangenheit.“ Wert legt Bischof Shomali auf die weltkirchliche Dimension der Heiligsprechungen. „Die beiden Heiligen aus Palästina gehören der ganzen Kirche. Das kann man daran sehen, dass eines der Heilungswunder, das zur Heiligsprechung der seligen Mariam geführt hat, in Syrakus in Sizilien stattfand. Ein Kind wurde nach einer Novene vollständig und auf unerklärbare Weise von seinem Herzleiden befreit. Es wird an der Messe auf dem Petersplatz teilnehmen. Das macht Sinn. Die neuen Heiligen sind Fürsprecher nicht nur für das Heilige Land, sondern für die ganze Welt. Sie sind ein Geschenk der Kirche des Heiligen Landes an die Weltkirche.“