Gerade der Mensch ist interessant

Lesenswerte Erinnerungen und Gedanken des ehemaligen Papstsprechers Joaquín Navarro-Valls. Von Robert Rauhut

Ein kongeniales Team: Johannes Paul II. und sein langjähriger Pressesprecher Joaquín Navarro-Valls. Foto: KNA
Ein kongeniales Team: Johannes Paul II. und sein langjähriger Pressesprecher Joaquín Navarro-Valls. Foto: KNA

Ein optimistischer Realist kommt in dem soeben erschienenen Band „Begegnungen und Dankbarkeit“ aus dem MM-Verlag zu Wort. Joaquín Navarro-Valls, promovierter Mediziner und Journalist, wurde der breiten Öffentlichkeit vor allem als Pressesprecher von Johannes Paul II. bekannt. In dem Büchlein sind in vier Kapiteln Erinnerungen und Gedanken des Journalisten zusammengefasst, die zum großen Teil bereits als Artikel in der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ erschienen sind.

Zahlreiche Themen schneidet Navarro-Valls in seinen Artikeln an und doch kreisen sie um eine gemeinsame Mitte – den Homo sapiens, sein Wesen und Handeln, seine Beziehungen zu anderen Menschen. Diese anthropologische Verankerung durchzieht sämtliche der hier versammelten Artikel. Darin zeigt sich Navarro-Valls als ein loyaler Schüler des Personalisten Karol Wojtyla. Immer wieder versucht Navarro-Valls, dem Leser Ereignisse und Erlebnisse des Pontifikats des künftigen Seligen verstehbar zu machen – in ihrer Situationsgebundenheit, aber auch in ihrer den jeweiligen Moment übersteigenden Bedeutung.

Die Artikel befassen sich mit Meilensteinen des Pontifikats Johannes Pauls II. Navarro-Valls skizziert die Grundmotive der Ostpolitik des Papstes. Er schildert, warum Kardinalstaatssekretär Casaroli nach Moskau reiste und welche Bedeutung die Übergabe eines Briefes an Gorbatschow für den weiteren Verlauf des Falls des Kommunismus hatte. Darüber hinaus erhält der Leser Beschreibungen der Begegnungen des Pressesprechers mit Gorbatschow und Reagan, Schwester Lucia von Fátima und Mutter Teresa, Fidel Castro und Kardinal Joseph Ratzinger.

Treffend bringt Navarro-Valls dabei auf den Punkt, dass die Anthropologie und die Ethik im Denken und Handeln von Papst Johannes Paul II. im Mittelpunkt standen. Damit gibt er zu verstehen, worin er die bleibende Bedeutung dieses Pontifikats sieht, dessen breitere Rezeption noch aussteht. Diese Perspektive ermöglicht nach Meinung von Navarro-Valls zudem einen klaren und distanzierten Blick, wenn es um die Beurteilung der großen Protagonisten auf der Weltbühne der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht oder beispielsweise die Bewertung der problematischen Zusammenarbeit von Geistlichen mit dem kommunistischen Staatsapparat in Polen.

Deutlich wird: Johannes Paul II. war ein Mensch, der in seinen Prinzipien unverrückbar war, aber zugleich für den Mitmenschen im Wissen um sein Wesen und die konkrete Situation großes Verständnis hatte.

Im zweiten Kapitel thematisiert Navarro-Valls Fragen mit Blick auf die Bioethik, den Wert der Arbeit, das Weihnachtsfest, den Sinn des Zölibats, die Bedeutung der Frau und des Geschlechterunterschieds, die Herausforderung durch die neuen Drogen, den Unterschied von Mensch und Tier und andere. Er unterstreicht, dass sämtliche aufgeworfene Probleme ohne metaphysische Tiefe und anthropologische Verankerung nicht menschenwürdig lösbar sind. Der Mensch Navarro-Valls zeigt sich in seinen Bewertungen als Realist, der an das große Potenzial des Menschen bei der Lösung dieser Fragen glaubt. Für ihn ist das Glas stets halbvoll und nie halbleer.

Unter dem Stichwort „Laizität, Werte und Wissenschaft“ spricht sich Navarro-Valls für den Schutz der öffentlichen Äußerung einer Religion aus. Phänomene wie das bekannte muslimische Gebet vor dem Mailänder Dom ordnet er positiv ein. Die Sphären von Religion und Politik sind aus seiner Sicht klar zu unterscheiden, aber nicht voneinander zu trennen. Religiöser Fundamentalismus sei genauso bedenklich wie ein radikaler Laizismus, eine radikale Wissenschaft und eine totalitäre Demokratie. Nur im Blick auf den Menschen, seine Würde, seine Freiheit, seine Wahrheitssuche und letztlich seine Hoffnungen seien die Bereiche von Politik, Wissenschaft und Religion authentisch lebbar, unterstreicht der ehemalige Pressesprecher des Heiligen Stuhls.

In allen Artikeln versteht es Navarro-Valls, den Leser für seinen Standpunkt zu begeistern, selbst wenn er ihm am Ende in allen Details vielleicht nicht immer folgen möchte. Gekonnt wird in die Texte immer wieder ein Verweis auf bedeutende Denker wie Aristoteles, Pascal, Hobbes oder Habermas eingeflochten. Hier erweist sich der Mensch Navarro-Valls als Journalist mit umfassender humanistischer Bildung. Wer einen persönlichen und zugleich authentischen Blick auf das Pontifikat von Papst Johannes Paul II. und den Menschen Navarro-Valls erhalten möchte, dem sei dieses Büchlein sehr empfohlen. Die persönliche Perspektive des Autors erweist sich als hilfreich, bereichernd und verdient, beachtet zu werden.

Navarro-Valls, Joaquín: Begegnungen und Dankbarkeit. Erinnerungen und Gedanken des Pressesprechers von Papst Johannes Paul II., MM-Verlag, Aachen, 2011, gebunden, 235 Seiten, 19,90 Euro