Genderismus ist eine krankmachende Ideologie

Bei der Internationalen Theologischen Sommerakademie in Aigen kamen Experten unterschiedlicher Disziplinen zu Wort. Von Ignaz Steinwender

Von oben werden Familien derzeit Erziehungsmodelle wie die Kita nahegelegt. Was gut für Kinder ist, steht demgegenüber weit unten auf der Skala. Foto: Symbolbild: dpa
Von oben werden Familien derzeit Erziehungsmodelle wie die Kita nahegelegt. Was gut für Kinder ist, steht demgegenüber w... Foto: Symbolbild: dpa

Unter dem Titel „Als Mann und Frau schuf er sie: Die Herausforderung der Gender-Ideologie“ stand die diesjährige 26. Internationale Theologische Sommerakademie im oberösterreichischen Aigen im Mühlviertel. Um die theologische wie die gesellschaftspolitische Fragestellung zu bewältigen, lud der neue Leiter der Akademie, St. Pöltens Bischofsvikar Helmut Prader, hochkarätige, disziplin- und konfessionsübergreifende Fachleute ein, das Thema von verschiedenen Seiten zu beleuchteten.

Der in Heiligenkreuz lehrende Bibliker Michael Ernst vertiefte die anthropologische Sicht von Mann und Frau im Alten und im Neuen Testament und ging insbesondere auf die Haltung Jesu und des Apostels Paulus zur Ehe ein. Jesus habe rigoros die Scheidung als hartherzig abgelehnt und habe die Ehe wieder auf den Schöpfungswillen zurückgeführt. Das Hohelied der Liebe, eine Sammlung profaner Liebeslyrik mit der Freude am Liebesspiel und Liebesgenuss, sei später von christlichen Schriftstellern auf die Verbindung Christi mit der Kirche oder auf die mystische Vereinigung der Seele mit Gott gedeutet worden. Das Neue Testament wende die Ehesymbolik auf Christus und die Kirche an, bei Paulus erscheine die Gemeinde als Braut und Christus als Bräutigam. Auch die Offenbarung des Johannes kenne eine ausgestaltete Brautmystik, die himmlische Gemeinde, die präexistente Gottesstadt, das vom Himmel herabkommende Jerusalem sei wie eine Braut ausgestattet für den Bräutigam, das Lamm.

Über die Bedeutung des Naturrechtes sprach der an der evangelikalen, staatsunabhängigen Hochschule in Basel lehrende Philosoph und Religionswissenschaftler Harald Seubert. Natur sei nicht einfach Materie, sondern die eigentliche Schwerkraft und Prägung der Dinge. Mit Natur sei der Logos, das Anfängliche, das Prinzipium, das Wesen gemeint. Heute seien wir wieder Sophisten geworden, der Mensch sei das Maß aller Dinge, man wolle sein wie Gott. Die Natur sei eine Norma normans, das wahre Gesetz, die richtige Vernunft. Es wäre ein Frevel, so Seubert, diesem Gesetz etwas von seiner Gültigkeit zu nehmen. Wenn das Naturrecht preisgegeben werde, dann verfalle man dem Nihilismus, könne Menschenrechte nicht wirklich begründen und zerstöre die Freiheit. Über Identität und Geschlechterdifferenz sprach die in Heiligenkreuz lehrende Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Sie bezeichnete die Andersheit der Geschlechter als positiv sowie als Rätsel. Die Ehe habe eine kosmische, weltschöpfende Bedeutung. Die beiden Geschlechter seien voneinander abhängig. Der Mann entbinde die Frau zum Leben, diese gebe das Leben zurück. Die Frau könne nicht die Rolle des Mannes übernehmen und umgekehrt. In Gott sei der Ursprung des Eros, der Freude der Geschlechter aneinander und der Freude am Leben.

Zu Zölibat und Ehe sagte sie, nur ein ganzer Mensch könne sich mit einem Ganzen treffen. Es dürfe nur jemand heiraten, der auch allein bleiben könne, und es dürfe nur jemand allein bleiben, der auch zu zweit sein könnte. Die Liebe sei nicht ein Verschmelzungs- oder Ergänzungsvorgang. Der Naturwissenschaftler Manfred Spreng, ein Fachmann für Sinnes- und Neurophysiologie, Informatik, prächirurgischer Epilepsiediagnostik und engagiert in der freien Kirche in Erlangen, kritisierte die Heranziehung der Naturwissenschaften zur Entmythologisierung biblischer Wahrheiten, während andererseits naturwissenschaftliche Fakten von Genderideologen geleugnet würden. Er widerlegte die Position, dass Neugeborene als unbeschriebenes Blatt (tabula rasa) zur Welt kämen wie die Behauptung, das Mann und Frausein nur angeredet oder erlernt, und daher auch veränderbar sei. Die Gehirnforschung zeige, dass biblische Aussagen von der Frau als starker Gefährtin, als ergänzender Gehilfin und als besonnener Ratgeberin den wissenschaftlichen Erkenntnissen entspreche. Spreng erörterte die Bedeutung der Zweigeschlechtlichkeit für die Kindererziehung und kam zum Resümee, dass in der „guten Schöpfung der Zweigeschlechtlichkeit“ die „gütige Macht des Schöpfers“ zu erkennen sei, welcher auf geniale Weise diese „verzahnte und optimal sich ergänzende komplementäre Polarität“ des Menschen geschaffen habe.

Das Abgeben von Kindern mit zwei Jahren in Kinderkrippen ohne Mutter habe durch das Gefühl des Ausgesetztseins eine gesteigerte Erregung des Furchtzentrums und damit eine Erhöhung des Kortisonspiegels zur Folge und sei vergleichbar mit dem eines gestressten Managers. Die Nichtbeachtung der Schöpfungsordnung habe psychische und physische Beeinträchtigung der Gesundheit zur Folge. Der Genderismus sei eine krankmachende Ideologie.

Der Familienvater und Herausgeber der Zeitschrift Vision 2000, Christof Gaspari, beschrieb die „vaterlose Gesellschaft“ als Massenphänomen, entstanden durch die Lockerung der Mann-Frau-Beziehung und der Scheidungsflut sowie eine Gegenbewegung dazu. Der Vater sei Garant für die Errichtung und Aufrechterhaltung eines Ortes der Sicherheit und Geborgenheit. Hier erfahre das Kind, das der Mensch im Leben vor allem anderen den Vorrang habe. Grundlage für Vaterschaft sei die Totalhingabe, die unbedingte Bindung und die Fruchtbarkeit. Vatersein sei ein lebenslanger Lernprozess. Der Vater sei besonders begabt, Grenzen zu setzen, anzuspornen und zu helfen, über die Grenzen hinauszugehen. Der Vater müsse anwesend sein, Zeit haben und sich interessieren für das, was Kinder bewegt. Er müsse zu jedem Kind eine besondere Beziehung haben. Das Ja des Vaters zum Kind helfe diesem, zu verstehen, dass es gut sei, dass es mich gibt. Väter seien in dem Maß gute Väter, als sie für Gott durchlässig seien. Eine Ergänzung fand der dritte Tag der Tagung durch die Referate von Gudrun Kugler aus Wien und Birgit Kelle aus Kempten, beide engagiert im Einsatz für ein neues Frauen- und Familienbild gegen das Diktat von Berufs-Feministinnen und Politikerinnen. Gudrun Kugler, Expertin für internationales Recht und Frauenrechte, kritisierte Einschränkungen der Gewissensfreiheit.

In fünfzehn europäischen Ländern gäbe es 41 Gesetze, die Christen benachteiligen würden. In der Familienpolitik, in der Frauenpolitik, bei der Abtreibung, in der Fortpflanzungsmedizin und bei der Sexualerziehung gäbe es problematische Gesetzeslagen oder Diskussionen. Es gäbe keine Wahlfreiheit für Mütter, die bei den Kindern bleiben möchten. Bei der verpflichtenden Beratung vor Abtreibungen gäbe es keine Bedenkfrist, während bei schönheitschirurgischen Eingriffen mindestens zehn Tage vorgeschrieben seien. Bei der Homosexualität werde sich künftig die Frage stellen, ob die Meinung, die ein Christ vertritt, eine tolerierte Randmeinung sein, oder verboten und mit Strafe belegt werde.

Die vierfache Mutter und Publizistin Birgit Kelle führte aus, dass die Genderideologen nicht nur Toleranz, sondern Akzeptanz verlangten, in der Gegenwehr immer hektischer und aggressiver würden und nach den Kindern greifen, weil diese noch formbar seien. Frau Kelle schilderte „Genderfortschritte“ wie drei Toilettentüren in Berlin, die Diskussion um „Ampelweibchen“ etcetera. Das Endziel sei die Auflösung der Kategorie Geschlecht. Das Geschlecht sei dann nur mehr eine soziale Funktion, ebenso die Elternschaft.

Sie ermutigte zum Kampf gegen die Genderideologie, die nun bereits auf den Ebenen von Schule und Kindergarten angelangt sei. Der größte Feind der Genderideologie sei die Biologie, die mit wissenschaftlichen Fakten widerspreche. Durch die Vorträge und Diskussionen wurde deutlich, dass die Genderideologie sowohl naturwissenschaftlichen als auch philosophischen und theologischen Erkenntnissen widerspricht, als antichristlich und unvernünftig gesehen werden kann und von einer kleinen, meist durch den eigenen Lebensstil betroffenen Minderheit der Mehrheit aufgedrängt werden soll. Die Sommerakademie 2015 wird sich – unbeeindruckt vom Gender-Mainstreaming – mit dem Thema „Gott Vater“ auseinandersetzen.