„Gemeinden werden charismatischer“

„Zukunft auf katholisch“: Der Essener Bischof Overbeck im Dialog über die Seelsorge von morgen: Andere Netzwerke, neue Medien und engagierte Laien. Von Anja Kordik

Mülheim (DT) „Gemeinde bedeutet vor allem: Beheimatung!“ Auf diesen Punkt brachte es Essens Bischof Franz-Josef Overbeck bei der jüngsten Dialogveranstaltung zur Zukunft des Bistums Essen in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim an der Ruhr. Unter der Leitung von Akademiedirektor Michael Schlagheck diskutierte der Bischof zusammen mit dem Pastoraltheologen Rainer Bucher, Professor an der Universität Graz, dem Sozialraumforscher Professor Wolfgang Hinte, Universität Duisburg-Essen, sowie der Jugendreferentin Stefanie Gruner von der Jugendkirche „Gleis X“ und der Religionspädagogin Sabine Lethen vom Kita Zweckverband im Bistum Essen, einem der größten freien Träger für Kindertageseinrichtungen in Deutschland. Im Hintergrund dieses Dialogs standen die Aufgabe von Kirchengebäuden im Ruhrbistum und die Bildung von insgesamt 43 Großpfarreien – ein Vorgang, der viele Menschen irritiert, Verlustgefühle wachruft. „Trauerarbeit“ – dieses Stichwort fiel mehrfach im Verlauf der Diskussion.

Der Pastoraltheologe Rainer Bucher, skizzierte die Entwicklung der Gemeindetheologie seit den siebziger Jahren, als sich im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen ein verändertes Miteinander, ein neuer Stil des Umgangs auch in den Pfarrgemeinden herausbildete, „das heißt, ein stärker partnerschaftlich orientierter Ansatz und Anspruch“, so Bucher. Hierarchische Strukturen sollten aufgebrochen werden: Zusammenarbeit von Priestern und Laien, Gemeindeleitung im „Team“, neue kirchliche Dialogkultur lauteten die wesentlichen Schlagworte. Eine gewisse Gefahr sah Rainer Bucher in einer teilweise überbordenden Gremienstruktur, welche Ansätze einer „Scheindemokratie“ in den Pfarrgemeinden erzeugen könne. Der Abbau der „Volkskirche“, so der Pastoraltheologe, stelle die bisher bewährten Modelle der Pastoral zumindest auf den Prüfstand, biete der Kirche zugleich aber die Chance, in einer immer offener und pluraler werdenden Gesellschaft neue soziale Milieus zu erreichen, die ihr bisher eher schwerer zugänglich waren.“ Die Kernfrage laute: „Wie muss die Kirche reagieren, wenn sich ihre bisherige, letztlich noch aus dem 19. Jahrhundert überkommene Sozialgestalt so radikal wandelt, wie es gegenwärtig der Fall ist?“

Über viele Jahre gab es ein stetiges Wachstum in der Gemeindepastoral. Auch im Ruhrbistum entstanden viele neue Pfarreien, neue Kirchen und Gemeindezentren wurden gebaut. Es entstand eine große, auch räumliche Dichte der Gemeinden. In unmittelbarer Nähe war immer eine Kirche, ein Pfarrhaus, ein kirchlicher Kindergarten anzutreffen.

Die Aufgabe dieser Dichte führt notwendig zur Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Pastoral. Aus diesem Grund leitete Bischof Overbeck im Sommer 2011 für das Bistum Essen den Dialogprozess „Zukunft auf katholisch“ ein, der im Oktober in seine zweite Phase gehen wird.

Wie kann die Kirche eine neue „Sozialgestalt“ entwickeln, ohne dass dabei der Kern kirchlichen Lebens – Liturgie, Verkündigung und Caritas – aus dem Blick geraten und die Gemeinden ihre Strahlkraft vollends verlieren? Der Essener Sozialforscher Wolfgang Hinte erläuterte sein Konzept der „Sozialraumorientierung“: In Teilen könne es auch für die Bildung neuer Pfarrgemeinden impulsgebend wirken. Im Bereich der Sozialarbeit geht es dabei um ein Modell, das nicht wie bei traditionellen Konzepten darauf abzielt, einzelne Personen in schwierigen Lebenslagen durch pädagogische Maßnahmen zu verändern. Vielmehr geht es darum, Lebensverhältnisse neu zu gestalten, dabei die Menschen im Prozess der Veränderung mit auf den Weg zu nehmen und sie in neuen Netzwerken zusammenzuführen. Jüngste Beispiele stadtteilbezogener Initiativen etwa im Bereich der Caritas, so der Sozialraumforscher, seien Hinweise darauf, dass die Kirche bereit sei, neue Konzepte zu entwickeln.

Auch in der kirchlichen Jugendarbeit spielt die Verwurzelung unmittelbar vor Ort eine große Rolle, wie Jugendreferentin Stefanie Gruner im Dialog mit dem Bischof schilderte. Zeichen setzt hier die Jugendkirche „Gleis X“, die Anfang diesen Jahres im Auftrag des Bistums Essen im Philipp-Neri-Zentrum an der Liebfrauenkirche in der Gelsenkirchener Neustadt startete. Das neue Projekt will keine Jugendlichen „abwerben“, die sich bereits in Gemeinden und Verbänden engagieren. Es versteht sich als Ergänzungsangebot in dichter Vernetzung mit den Menschen vor Ort und über die Stadtteilgrenzen hinaus.

Seit ihrem Start im Januar erlebt die Jugendkirche wachsenden Zulauf. Dabei spiele nicht zuletzt das multikulturelle Milieu in der Neustadt eine Rolle, so Stefanie Gruner. „Nicht nur Kinder und Jugendliche aus katholischen Familien, auch evangelische Jugendliche und immer mehr junge Muslime kommen zu uns, die natürlich andere Fragen mitbringen. Wichtig ist unserer Erfahrung nach vor allem eines: Miteinander im Gespräch zu bleiben.“

Wesentlich ist auch, die Familien einzubeziehen, wenn zum Beispiel Angebote für die Firmkatechese anstehen – oder für die Zeit nach der Firmung, eine kritische Phase, wenn nicht selten die Kontakte zur Kirche abbrechen. „Wir erleben engagierte Eltern“, so die Jugendreferentin, „die selbst mit der Kirche groß geworden sind und denen es wichtig ist, ihre Kinder dauerhaft in die Kirche hineinwachsen zu sehen. Andere müssen wir erst einmal motivieren.“ Vergleichbare Erfahrungen schilderte auch Religionspädagogin Sabine Lethen für die Kindertagesstätten: Auch hier sei es von elementarer Bedeutung, Netzwerke zusammen mit den Eltern zu bilden und die Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen Kinder heute aufwachsen. Dazu gehörten im übrigen auch die Neuen Medien.

Das Jugendprojekt „Gleis X“, urteilte der Ruhrbischof, sei ein Beispiel dafür, wie sich neue Formen gemeinschaftlichen Lebens in der Kirche entwickeln würden. „Die Kernfrage auch im Dialogprozess unseres Bistums ist doch, wie es Kirche gelingen kann, die Pastoral lebendig zu erhalten und die Menschen in den neu entstehenden Pfarreien dort abzuholen, wo sich ihr Leben abspielt; in ihrem beruflichen und familiären Alltag.“ Im Mittelpunkt stehe auch künftig der gemeinsame Gottesdienst am Sonntag, zu dem die Gemeinde sich versammle. Daneben müsse es aber neue Formen der Seelsorge und des caritativen Handelns geben, neue, die bisherigen Formen ergänzende Konzepte der Pastoral, etwa nach dem Vorbild lateinamerikanischen Gemeindelebens. Dazu brauche es Laien, die sich auch jeweils für eine Zeit von fünf bis zehn Jahren engagieren.

Die Kirchengemeinden, so der Bischof, würden „charismatischer“ werden, „also weniger institutionalisiert, nicht mehr so sehr durchstrukturiert, sondern stärker improvisiert, ein Stück weit spontaner – und damit vielleicht sogar lebendiger.“