Geistlich auftanken am See Genezareth

Wo Jesus einst predigte, übernehmen neue geistliche Gemeinschaften Klöster und bieten Pilgern Gastfreundschaft. Von Hinrich E. Bues

Geistliche Lektüre am Ufer des Sees Genezareth. Foto: KNA
Geistliche Lektüre am Ufer des Sees Genezareth. Foto: KNA

Am See Genezareth, wo Jesus in Kapernaum oder Bethsaida die ersten Jünger berief, die Bergpredigt hielt und viele Wunder tat, herrscht in der Sommerhitze wohl wie vor 2 000 Jahren eine unvergleichliche Stimmung. Die Konflikte zwischen Religionen und Nationen, die in Jerusalem so spürbar und besorgniserregend sind, scheinen weit entfernt. Der See entfaltet seine Schönheit; Grillen zirpen, grüne Papageien fliegen kreischend durch die Bäume, weiße Fischreiher stehen am Ufer und haben leichte Beute. Bananen, Mangos, Orangen und Oliven wachsen auf den fruchtbaren und bewässerten Böden. Ein Blütenmeer begrüßt den Pilger.

Heilige Stätten sind schnell an den großen Touristenbussen zu erkennen, die auf großen Parkplätzen halten und Scharen von „Pilgern“ ausspucken. Die Reiseleiter haben es meist eilig und so bleibt wenig Zeit für ein Gebet oder gar den Besuch eines Gottesdienstes. Die „Eremos-Grotte“ am Berg der Seligpreisungen, wo Jesus sich einst zum Gebet zurückzog, liegt einsam und verlassen da. Der herrliche Blick über den See, die eigenartige und zum Gebet einladende Stille, die der Benediktinermönch Bargil Pixner und Paul Badde so ergreifend in ihren Büchern schildern, ist unmittelbar zu erleben. Wer greift hier nicht zum Rosenkranz?

Die kleine Zahl von Einzelpilgern, Gruppen oder Familien, die das Heilige Land per Bus, Taxi oder Mietauto bereisen, haben es hier besser. Sie können flexibel ihren Tagesplan auf die Zeiten der Gottesdienste und Gebetszeiten in den verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften einrichten. Nur eine Handvoll Christen sind oft bei den katholischen Messen in Klöstern oder christlichen Gästehäusern anwesend, doch das mindert nicht die Intensität der Feier. In der Brotvermehrungskirche des Benediktiner-Klosters in Tabgha (nahe Kapernaum), sind neben den derzeit sechs Mönchen und fünf Nonnen beispielsweise nur zwölf Pilger anwesend. Die Gemeinschaft der Schwestern kam aus den Philippinen an diese Stätte, wo Jesus mit fünf Broten und zwei Fischen über 5 000 Menschen sättigte. „Ein glücklicher Gehorsam“ sei es, meint eine Nonne, aus dem fernen asiatischen Land hier an diesen Ort des ersten Wirkens Jesu gekommen zu sein.

Bibelunterricht auf Hebräisch

Den See Genezareth gleichsam entdeckt haben in den letzten Jahren einige neue geistliche Gemeinschaften. Teilweise nehmen sie alte Klöster ein, die von Ordensniederlassungen aus Nachwuchsmangel aufgegeben werden mussten. In Tiberias, der jüdisch geprägten Hauptstadt am See, hat im letzten Herbst die „Koinonia Johannes der Täufer“ das alte Franziskanerkloster an der Seepromenade übernommen. Die charismatisch orientierte Gemeinschaft hat dort ein kleines Gästehaus eröffnet und feiert in der St. Peter-Kirche, deren Apsis an einen Schiffsbug erinnert, täglich die heilige Messe. Einer Gruppe von arabischen Kindern erteilt die Schwesterngemeinschaft biblischen Unterricht auf Hebräisch.

Einen alten Konvent der Heilig-Kreuz-Schwestern, ebenfalls in Tiberias, hat die „Gemeinschaft Emanuel“ renoviert und im März 2011 neu eröffnet. Die modernen, mit allem notwendigen Komfort (und Klimaanlage) ausgestatteten Zimmer bieten einen herrlichen Blick auf den See. Im Garten und auf der wunderschönen Terrasse erwarten den Gast Schatten und ein fröhliches Ehepaar Anna und Georges aus Paris. Der pensionierte General ließ sich zusammen mit seiner Frau von den beiden Kindern und vier Enkelkindern wegrufen an diesen unvergleichlichen Ort. In der Kapelle feiert ein Priester der Gemeinschaft täglich die heilige Messe und bietet nachmittags die eucharistische Anbetung an. Der Übernachtungspreis ist für israelische Verhältnisse so günstig, dass man Sorge haben muss, es reicht nicht für die Stromrechnung des Hauses. „Diesen Ort wollen wir nie wieder aufgeben“, meint Georges voller Hoffnung, die im Heiligen Land also offenbar noch nicht ausgestorben ist.

Der Orden der Legionäre Christi und die mit ihm verbundene Laiengemeinschaft des Regnum Christi wollen in Magdala, zwischen Kapernaum am Nordufer und Tiberias am Westufer gelegen, ein neues Hotel und Tagungszentrum errichten. Bei den Arbeiten für das Fundament auf dem sechs Hektar großen Gelände direkt am See stießen die Arbeiter völlig unvermutet auf die Grundmauern einer jüdischen Synagoge aus dem ersten Jahrhundert. Münzfunde haben die zeitliche Datierung zweifelsfrei bestätigt, wie eine der Grabungsleiterinnen aus Mexiko erklärt. Ein Team von Novizen der Legionäre ist mit großem Fleiß dabei, nun auch die übrigen Reste der Stadt freizulegen, wo Jesus die „Maria aus Magdalena“ von sieben Dämonen befreite und sie zur treuen Jüngerin machte. Auch in der nun entdeckten Synagoge dürfte Jesus mit großer Sicherheit gewesen sein.

Oben am Berg, rund 350 Meter hoch über dem See, neben der von Jesus einst verfluchten heutigen Ruinenstadt Chorazin (Mt 11), hat der „Neokatechumenale Weg“ ein Gebäude errichtet, das an einen orientalischen und futuristischen Palast erinnert. Nach den Plänen von Kiko Argüello, einem der Gründer der Bewegung, ist hier aus Spendenmitteln ein Zentrum der Bewegung entstanden. Der selige Johannes Paul II. weihte es im Heiligen Jahr persönlich ein. Heute dient es als Priesterseminar und Kloster für die „Neocatecumenali“ und als modernes Tagungszentrum (bis zu 250 Personen) für religiöse und säkulare Organisationen aller Art. Das Zentrum werde besonders von jüdischen Einrichtungen geschätzt und genutzt, wie bei der Führung erklärt wird. Die spirituelle Nähe der Gemeinschaft zur jüdischen Kultur und Religion schlage hier Brücken der Verständigung. Für katholische Pilger steht das neokatechumenale Zentrum weder als Gästehaus noch als Ort der Gottesdienstfeier sondern nur zur Besichtigung (9 bis 12 und 14 bis 15.30 Uhr) offen.

Zu Fuß auf den Spuren Jesu

Im Jahr 2000 wurde an dieser Stelle der große Gottesdienst mit Papst Johannes Paul gefeiert, der allerdings vom Wetter her nicht begünstigt war. Durch dicken Schlamm mussten die Pilger auf den Berghängen waten. Die Neokatechumenalen gehen davon aus, dass Jesus an diesem Berg, an einer 2000 Jahre alten Terebinthe die Bergpredigt gehalten habe. Das stellt die seit dem vierten Jahrhundert klar bezeugte Vorstellung auf den Kopf, dass der Ort der Bergpredigt und der Seligpreisungen nahe am See gelegen haben muss.

Dort, in den sanften Hügeln oberhalb von Kapernaum, steht die im orthodoxen Stil gebaute „Kirche der Seligpreisungen“. Das angeschlossene moderne Gästehaus beziehungsweise Hotel der Franziskanischen Schwestern bietet nicht nur einen atemberaubenden Blick über die gesamte Landschaft des Sees Genezareth, sondern auch einen angenehmen und dabei günstigen Aufenthaltsort, von dem die wichtigsten Stätten des Wirkens Jesu zu Fuß – wenn auch nicht in der Sommerhitze – zu erreichen sind.

Nicht mehr neu und in aller Welt bekannt ist das seit 1889 betriebene „Pilgerhaus Tabgha“ direkt am See und in unmittelbarer Nähe Kapernaums. Die ständig renovierte, erweiterte und auf den modernsten Stand gebrachte Anlage des Vereins vom Heiligen Lande und des benachbarten Benediktinerklosters, bietet einen angenehmen Aufenthalt. Das Hotel wird meistens von großen Reisegruppen, die per Bus anreisen, als Übernachtungsquartier genutzt und ist meist lange im Voraus ausgebucht. Die Preise orientieren sich am Level von Drei- oder Viersterne-Hotels in Deutschland. Ein „Meditationsraum“ mit Blick auf den See dient der Möglichkeit, privat oder in Gruppen eine Andacht zu halten.