Gehinderter Glaube

Ohne die Kirchensteuer würde in Deutschland manches wegbrechen – auch zum Vorteil des gelebten Christentums. Von Ulrich Hemel

Kreuz aus Geldmünzen
Sind durch das deutsche System der Kirchensteuer Gnade und Geld zu eng verknüpft? Foto: KNA
Kreuz aus Geldmünzen
Sind durch das deutsche System der Kirchensteuer Gnade und Geld zu eng verknüpft? Foto: KNA

Der Impuls von Bischof Gregor Maria Hanke, der das heutige System der deutschen Kirchensteuer in Frage stellt (DT Nr. 4, 24. Januar), wird nicht der letzte seiner Art bleiben. Von der Öffentlichkeit wenig beachtet und innerhalb der Kirchen am liebsten unkommentiert blieb schon der Vorstoß von Papst Benedikt XVI. bei einem seiner Deutschlandbesuche. Denn er stellte ebenfalls den weltkirchlichen Sonderweg der Erhebung einer Kirchensteuer durch den Staat in Frage.

Abschiede tun weh. Kirchen finanzieren Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Pflegeheime, Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Verbände und vieles mehr. Und dies geschieht aus Kirchensteuermitteln, insgesamt rund zwölf Milliarden Euro für die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland.

Würde dies alles zusammenbrechen, wenn es keine Kirchensteuer mehr gäbe? Die richtige Antwort hierauf lautet: Alles nicht, manches schon. Denn sozialwirtschaftliche Betriebe wie etwa Pflegeheime und Krankenhäuser stehen von Haus aus unter dem Gebot der Wirtschaftlichkeit und der Eigenfinanzierung. Außerdem umfasst die Vielfalt der Kirchen eben auch Stiftungen mit eigenem Vermögen und sonstige, von Kirchenleitungen unabhängige Initiativen. Verhältnisse wie in Frankreich, wo die Unterfinanzierung von Kirche sich dann bisweilen auch am baufälligen Zustand der Kirchengebäude zeigt, sind also nicht zu erwarten.

Die Kirchensteuer ist tatsächlich keine Steuer, denn die Kirche ist nicht der Staat. Vielmehr tritt der Staat als Inkasso-Unternehmer für die Kirchen auf und lässt sich dies auch bezahlen. Obwohl die Kirchenfinanzierung keine dogmatische Frage ist, führt sie zu theologischem Ungemach. Denn die Kirchenmitgliedschaft hängt an der Taufe, nicht an der Zahlung der Kirchensteuer.

Die Finanzskandale in deutschen Bistümern haben überdies gezeigt, dass professioneller Umgang mit Finanzmitteln nicht die Stärke deutscher Bischöfe ist. Das haben sie auch nicht gelernt. Sie wurden dafür nicht ausgebildet und gehen ihren Lebensweg ja nicht mit dem Wunsch, Millionenbeträge zu verwalten.

Wer nun argumentiert, dafür habe man ja eine funktionierende kirchliche Finanzverwaltung, der sieht nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Denn wie Mittel verteilt werden, ist natürlich auch eine Frage der Macht. Nicht umsonst hat der Finanzminister in jeder Regierung eine herausgehobene Stellung. Das von Bischöfen letztlich zu verantwortende System der Verteilung von Geldmitteln spiegelt insoweit ein Kirchenbild, das entgegen dem Kirchenbild des Zweiten Vatikanischen Konzils die Vorrangstellung von Priestern und Bischöfen – teilweise sogar gegen deren eigenen Wunsch – zementiert. Was die Kirche braucht, sind Menschen, die spirituelle Impulse geben können. Fähige Finanzverwalter sollten in der arbeitsteiligen Gesellschaft nicht von Bischöfen abhängen, sondern von gewählten Diözesanfinanzräten mit zeitgemäßem Qualifikationsprofil. Das heutige System der Kirchensteuer hemmt folglich den nötigen Aufbruch in ein eigenverantwortlich und freudig gelebtes Christentum im 21. Jahrhundert, bei dem die kirchliche Zivilgesellschaft gemeinsam mit engagierten Geistlichen zeigt, was das Evangelium heute bedeutet. Allein die Debatte um die richtigen Prioritäten zwischen Rückbau und Aufbruch wird sich stark verändern, wenn Laien nicht nur kritisieren, sondern auch verantwortlich mitgestalten sollen. Weil die Kirchen wesentliche soziale Aufgaben übernehmen, zu denen die Kirchensteuer beiträgt, wirkt diese leider auch wie eine ungerechte Sozialsteuer. Nur rund 56 Prozent der Deutschen gehören der katholischen oder evangelischen Kirche an, und nur etwa ein Drittel von ihnen zahlt tatsächlich Kirchensteuer. Denn es gibt ja auch Schüler und Studenten, nicht erwerbstätige und alte Menschen. Folglich wirkt die Kirchensteuer wie eine ungerechte Sozialsteuer, bei der 20 Prozent der Menschen im Land für 100 Prozent zahlen. Kein Wunder, dass solche Überlegungen bei dem einen oder anderen Kirchenaustritt sehr wohl eine Rolle spielen.

Schließlich und endlich verdunkelt die Kirchensteuer den eigentlichen Zweck der Kirche als Zeugnis und Werkzeug, als Gemeinschaft auf dem Weg und als „Zeichen unter den Völkern“. Gerade kirchendistanzierte Menschen sehen Kirchen wie große Sozialkonzerne. Genau das aber ist Kirche nicht. Kirche lebt vom Engagement vieler Menschen, ungeachtet ihrer Fähigkeiten, ungeachtet ihrer Stellung in der Gesellschaft.

Ich bin zuversichtlich, dass die Gläubigen ihre Kirche auch weiterhin finanziell unterstützen werden. Denn Ziel jeder Gemeinde, jeder christlich inspirierten Familie, jedes christlichen Verbandes ist es, den Glauben zum Leuchten zu bringen. Das staatliche Inkasso der Kirchensteuer verdunkelt dieses Anliegen und kostet Glaubwürdigkeit.

Es ist daher Zeit, Abschied zu nehmen vom bisherigen Modell und neue Wege zu gehen.

 

 

Zur Person

Ulrich Hemel leitet das Institut für Sozialstrategie. Zudem ist der Theologe außerplanmäßiger Professor an der Universität Regensburg. Seine Kompetenz als Unternehmer und Unternehmensberater bringt Hemel als Vorsitzender im Bund Katholischer Unternehmer ein.