Geheim und effektiv

Berichte des Kölner Nuntius Antonio Albergati aus den Jahren 1617 bis 1621 herausgegeben. Von Harm Klueting

Geheim und effektiv“, unter diesem Titel erschien 2010 ein Buch von Michael F. Feldkamp über die Geschichte der päpstlichen Diplomatie. Die diplomatischen Vertreter des Heiligen Stuhls – nicht des Vatikanstaates – bei Staaten oder früher an Herrscherhöfen sind die Nuntien oder Apostolischen Nuntien. Ein Nuntius ist, nimmt man den Titel wörtlich, ein Bote. Heute unterhält der Heilige Stuhl rund 180 Nuntiaturen, die der jährlich erscheinende „Annuario Pontificio“ verzeichnet, darunter die Nuntiaturen in Berlin für Deutschland, in Wien für Österreich, in Bern für die Schweiz, in Paris für Frankreich oder in Washington für die Vereinigten Staaten. Nach dem Gesetzbuch der römisch-katholischen Kirche, dem „Codex Iuris Canonici“ von 1983, sind die Nuntien zugleich Vertreter des Papstes bei den Staaten und bei den Teilkirchen, in der Regel also den Diözesen. Zu ihren Aufgaben, unter anderem bei der Vorbereitung der Besetzung vakanter Bischofssitze, gehört auch heute – so im Canon 365 des „Codex“ –, „dem Apostolischen Stuhl Nachrichten zu übermitteln über die Lage, in der sich die Teilkirchen befinden, und über alles, was das Leben der Kirche und das Seelenheil betrifft“.

Nuntiaturen als ständige päpstliche Gesandtschaften entstanden, nach einer langen Vorgeschichte des päpstlichen Gesandtschaftswesens im Mittelalter, im 16. Jahrhundert noch vor dem Konzil von Trient der Jahre 1545 bis 1563 – in Venedig, Spanien, Frankreich, am Hof König Ferdinands I., des jüngeren Bruders Kaiser Karls V., in Wien – um sich danach in der katholischen Welt zu verbreiten. Für Deutschland beziehungsweise das Heilige Römische Reich deutscher Nation wichtig wurden neben Wien die Nuntiaturen in Graz 1580 bis 1621 und in Brüssel für die zum Reich zählenden Spanischen Niederlande seit 1596. Für die Eidgenossenschaft bestand – nach einer Vorgeschichte seit 1571 – seit 1586 die Nuntiatur in Luzern. In Köln führte der Übertritt des Erzbischof Gebhard Truchsess von Waldburg zum Protestantismus 1582 zur Errichtung der Kölner Nuntiatur, die bis zur Okkupation Kölns durch die französischen Revolutionstruppen bestand, während die Errichtung der Münchener Nuntiatur 1785 – faktisch ein gegen die Bistümer der Reichskirche gerichtetes Landes-Erzbistum für die bayerischen und pfälzischen Länder des Hauses Wittelsbach und Ausdruck des katholischen Staatskirchentums des Aufklärungsjahrhunderts – den Nuntiaturstreit auslöste.

Der Nuntius sah das Luthertum im Niedergang

Auch in den Jahrhunderten der Frühen Neuzeit hatten die Nuntien regelmäßig an die Kurie in Rom Bericht zu erstatten. Diese lateinisch oder italienisch abgefassten Berichte sind eine hervorragende Quelle für Historiker und vor allem für Kirchenhistoriker. Daher kam es in mehreren Ländern, zum Beispiel in Frankreich mit den „Acta Nuntiaturae Gallicae“ oder in Polen mit den „Acta Nuntiaturae Polonae“, zur Erarbeitung und Veröffentlichung wissenschaftlicher Editionen der Nuntiaturberichte. Auf dem Boden des Alten Reiches, also in Deutschland und Österreich, waren das Preußische, später Deutsche Historische Institut in Rom, die Historische Kommission der Akademie der Wissenschaften in Wien und die Görres-Gesellschaft Träger des großangelegten Editionsunternehmens der „Nuntiaturberichte aus Deutschland“, deren erste Bände 1892 erschienen. 1895 kam der erste Band mit Berichten der Kölner Nuntiatur heraus. 1972 und 2009 erschienen die beiden ersten Bände für die Zeit des 1566 in Bologna geborenen und 1634 in Rom gestorbenen zeitweiligen Bischofs von Bisceglie in Apulien, Antonio Albergati, der von 1610 bis 1621 Nuntius in Köln war, bevor er als Nuntius nach Portugal wechselte.

Albergati, der als Nuntius in Köln in der Nähe von St. Andreas residierte, war zwischen 1617 und 1621 etwa an der Bischofserhebung Johann Gottfrieds von Aschhausen 1617 in Würzburg, an der Kaiserwahl Ferdinands II. 1619 und an der Neugründung der Liga, des Bündnisses der katholischen deutschen Fürsten, 1619 beteiligt. Interessant angesichts des aktuellen Lutherjahrs ist seine Stellungnahme zu der Ausschreibung eines außerordentlichen Heiligen Jahres durch Paul V. als Antwort auf das Reformationsjubiläum 1617; Albergati vertrat die Ansicht, dass sich „la rebellione di Luthero“ im Niedergang – „che molto declina la sua heresia“ – befand. Nicht weniger interessant ist seine Einschätzung der mangelnden Durchsetzung der Liturgiereform Pius V. von 1570 – der sogenannten Tridentinischen Messe – im damaligen „Westfalia“; dazu bemerkte er 1620, es gebe so viele Liturgien wie es Priester gibt – „quot sacerdotes tot ceremoniae“.

Dank der hervorragenden Bearbeitung des umfangreichen Quellenmaterials durch Peter Schmidt liegt jetzt der dritte und letzte Band für die Nuntiatur Albergatis in Köln, das heißt von Januar 1617 bis Januar 1621, mit den Dokumentennummern 2219 bis 3449 vor, zusammen also 1 230 Schriftstücke häufig im Volldruck in italienischer Sprache, in anderen Fällen gekürzt und in der Regel mit kurzem deutschen Regest beziehungsweise Inhaltsangabe. Doch sind das nicht nur die Berichte des Nuntius, sondern auch die an ihn gerichteten Schreiben des Kardinals Scipione Borghese aus Rom, des Kardinalprotektors für die Deutsche Nation von 1611 bis zu seinem Tod 1633. Der Band ist durch eine Einleitung, eine Zeittafel und ein Register der Personen, Orte, Sachen und der zitierten Literatur sehr gut erschlossen.

Nuntiaturberichte aus Deutschland. Die Kölner Nuntiatur. Im Auftrag der Görres-Gesellschaft hrsg. von Erwin Gatz (†) u. Konrad Repgen. Bd. V, 3: Nuntius Antonio Albergati (1617 Januar–1621 Januar). In Verbindung mit Wolfgang Reinhard bearb. von Peter Schmidt. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2015, XXXII, 884 Seiten, ISBN 978-3-506-78225-0, EUR 158,–