„Gebt uns Eure Unterstützung!“

Ein Gespräch mit Erzbischof Mieczyslaw Mokrzycki von Lemberg

Normalerweise denkt man bei der Bezeichnung Sekretär von Johannes Paul II. an Stanislaw Dziwisz, den heutigen Kardinal von Krakau. Dabei stand dem polnischen Papst von 1996 bis 2005 auch ein weiterer Priester als Sekretär zur Seite: Der 1961 geborene Mieczyslaw Mokrzycki. Am 16. Juli 2007 wurde er zum Koadjutorerzbischof des Erzbistums Lemberg (Ukraine) ernannt. Die Bischofsweihe spendete ihm Benedikt XVI. am 29. September desselben Jahres im Petersdom. Mitkonsekratoren waren Tarcisio Kardinal Bertone und Marian Kardinal Jaworski. Am 21. Oktober 2008 trat er nach dem altersbedingten Rücktritt von Kardinal Jaworski dessen Nachfolge als Erzbischof von Lemberg an. Am 21. November 2008 wurde er in sein Amt eingeführt. Stefan Meetschen hat mit ihm über seine Visionen und Aufgaben gesprochen.

Bereits als Koadjutor-Erzbischof haben Sie die Kirche in Lemberg und in der Ukraine kennengelernt. Was sind Ihre ersten Eindrücke als Erzbischof?

Es ist eine Kirche, die sich neu entwickelt, die neu aufbricht und eine Kirche, die noch bestimmte Schwierigkeiten hat. Die Strukturen der Kirche sind noch nicht definitiv bestimmt. Es gibt neugegründete Gemeinden und Tochterkirchen. Es gibt in dieser Kirche eine spürbare neue Kraft der Hoffnung und auch eine Hoffnung, die sich aus Traditionen ableitet. Traditionen, welche während der ganzen Zeit der totalitären Besatzung unter dem Kommunismus weitergelebt hat. Diese Kraft erlaubt uns, mit großem Vertrauen in die Zukunft zu schauen.

Welche Ziele verfolgen Sie für die Zukunft als Erzbischof und neuer lateinischer Metropolit von Lemberg und als Vorsitzender der ukrainischen Bischofskonferenz? Welche Vision haben Sie?

Zuerst möchte ich die Erzdiözese noch besser kennenlernen, und das ist der Grund, wieso ich häufig in die Gemeinden gehe. Besonders solche, welche sich weit weg befinden. Dabei kann man Priestern und Gläubigen ganz real begegnen. Ich möchte für die Zukunft besonders die Pastoral der Berufungen fördern, mich einsetzen für neue Priesterberufungen und Berufungen zum religiösen Leben. Auch möchte ich, dass in der Diözese eine regelmäßige spirituelle Formung der Priester stattfindet. Sie arbeiten unter schwierigen Bedingungen, deshalb brauchen sie eine besondere Zuwendung ihres Bischofs. Spirituell und materiell. Ein anderer Punkt meines Programms für die Zukunft ist die Sorge für die Familien. Diese Basiszelle der Kirche und der Gesellschaft hat in den vergangenen 50 Jahren besonders in der Ukraine einen wichtigen Bezugspunkt verloren – nämlich die christlichen Werte wie die Unauflösbarkeit und Heiligung der Ehe. Deshalb möchte ich gerne eine besondere Aufmerksamkeit den gescheiterten Ehen schenken und solchen, die „paralysiert“ sind durch die Sünde der Abtreibung. Viele Probleme werden durch einen Ehepartner verursacht, der im Westen arbeitet. Der Mangel an Unterstützung für solche Familien führt oft zu Trennungen und ernsten Konsequenzen für die Kinder.

Thema Kinder: Wie sieht es aus mit Ausbildungshilfen? Ist die katholische Kirche in der Ukraine ein ernstzunehmender Bildungsfaktor?

Wir werden Bemühungen starten, religiösen Unterricht in der Schule einzuführen. Ich sehe langfristig außerdem die Notwendigkeit, katholische Schulen und Universitäten zu errichten. Doch jetzt möchte ich so schnell wie möglich spezielle Pastoral-Angebote etablieren: Für Kinder, Jugendliche, Kranke und Menschen mit Behinderung. Es geht darum, die Besonderheiten dieser Menschen zu berücksichtigen.

Akzeptiert der ukrainische Staat all diese katholischen Ideen so ohne weiteres? Mit 1, 1 Millionen römisch-katholischen Christen zählen Sie ja nur zu einer Minderheit.

Die Präsenz der katholischen Kirche ist in diesem Land sehr wichtig. Es lässt sich sagen: Es ist eine Kirche, die das Ansehen von Autoritäten aus der Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Bereichen besitzt. Deshalb ist es meine Vision, dass die Kirche – auch wenn sie zahlenmäßig klein ist – doch auf verschiedenen sozialen Ebenen für die universalen Ideen des Guten, der Einheit und des Friedens werben kann. Ideen, welche im auferstandenen Christus der Realität unseres Herzens und Lebens begegnen.

Wie wirkt sich die weltweite Wirtschaftskrise in der Ukraine aus. Kann die Kirche wirkungsvoll Menschen helfen, die in Not geraten sind?

Diese Krise ist in der Ukraine sicher spürbarer als in anderen Ländern. Viele Arbeitsstätten sind geschlossen worden, und viele Menschen bleiben ohne Mittel, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Leider ist die Hilfe des Staates so gut wie Nichts. Die Kirche mit ihren Möglichkeiten ist ebenso wenig in der Lage, ihren eigenen Gläubigen zu helfen, deshalb lautet mein Appell an alle Organisationen und Menschen guten Willens: Gebt uns Eure Unterstützung! Dadurch, dass die Ukraine nicht Mitglied der Europäischen Union ist, erhalten wir von dort keine Hilfe.

Für Deutsche ist es ungewöhnlich, dass Sie als Pole Vorsitzender der ukrainischen Bischöfe sind. Können Sie die Hintergründe dieser Wahl etwas erklären?

Mein Fall ist einzigartig. Seit dem Anfang war ich ein Priester der Erzdiözese von Lemberg, auch wenn ich in Polen geboren wurde. Nach Jahren der Arbeit für Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI. wurde ich entsandt, in meiner Diözese zu arbeiten. Der Episkopat der Ukraine hat mich mit offenen Herzen begrüßt und gebeten, die Funktion des Vorsitzenden zu übernehmen. Das war möglich, weil es kein Konkordat zwischen der Ukraine und dem Vatikan gibt.

Gibt es in der Ukraine ausreichend Berufungen oder brauchen Sie Unterstützung aus Polen?

In der Erzdiözese von Lemberg sind von insgesamt 160 Priestern 82 lokale Priester. Davon 60, welche nach 1991 geweiht worden sind. Jedes Jahr ordinieren wir drei bis vier neue Priester. Natürlich brauchen wir die Hilfe polnischer Priester immer noch, und wir sind dankbar für ihre Arbeit, die mit vielen Opfern verbunden ist. Sie arbeiten in schwierigen materiellen Verhältnissen.

Wie sind die Beziehungen mit der griechisch-katholischen Kirche? Sie hatten im Herbst vergangenen Jahres ein Treffen. Sind dabei neue Dinge beschlossen worden?

Die Beziehungen sind immer noch schwierig und von vielen Konflikten belastet. Besonders, was die Benutzung unserer Kirchengebäude betrifft. Die erste gemeinsame Konferenz hatte den Charakter eines ersten sich Kennenlernens, während wir über aktuelle Fragen gesprochen haben. Konkrete Ziele werden bei der nächsten Konferenz formuliert, die vom 26. bis 27. Mai stattfindet. Wir hoffen, dass unsere gemeinsamen Treffen uns helfen, uns füreinander zu öffnen, uns gegenseitig zu vertrauen und zusammen die Herausforderungen der heutigen Welt zu bestreiten.

Wie Sie schon andeuteten, waren Sie Sekretär von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Sie sind von Benedikt XVI. und Tarcisio Kardinal Bertone im Alter von 46 Jahren geweiht worden. Ist es nicht möglich, dass Sie eines Tages in Polen eine führende Rolle übernehmen? Viele Polen vermissen eine starke Persönlichkeit an der Spitze der polnischen Kirche.

Mein Leben und meine Mission sind verknüpft mit der Kirche in der Ukraine. Dank Gottes Vorsehung hoffe ich dieser Kirche zu dienen. Mit Würde und in einer fruchtbaren Weise.

Wie schätzen Sie die Rolle ein, die der Papst zurzeit in Europa spielt? Seit der Aufhebung der Exkommunikation der Pius-Bruderschaft sieht er sich zumindest in Deutschland heftigem Gegenwind ausgesetzt.

Der Heilige Vater war bereits als Kardinal eine große Autorität. Er ist ein brillanter Denker und Theologe. Ohne Zweifel ist er ein Mann Gottes, voll des Gebetes. Ich bin davon überzeugt, dass er Gottes Willen erfüllt.

Johannes Paul II. hat in Polen niemals einen derartigem Widerstand von Seiten der eigenen Landsleute erlebt. Was glauben Sie aus Ihrer persönlichen Erfahrung, würde er Benedikt XVI. jetzt raten?

Johannes Paul II. sagte uns allen immer, dass wir der Vorsehung Gottes unbegrenzt vertrauen sollen, denn sie regiert alles und sie führt die Kirche auf ihrem Weg. Benedikt XVI. hat genauso wie Johannes Paul II. seinen Dienst vollkommen Gott anvertraut.