Geballte Kraft inmitten einer Ordnung

Das Weltgericht – „Tagespost“-Serie zur Geheimen Offenbarung (Teil XV) Von Bischof Friedhelm Hofmann

Im Laufe der Kirchengeschichte spielte die Darstellung des Weltgerichtes eine große Rolle. Oft wurde schon in romanischen Kirchen auf der Westwand das Jüngste Gericht eindringlich aufgerufen. S. Angelo in Formis ist ein sprechendes Beispiel dafür. Sowohl in der Romanik als auch in der Gotik wurde Geschichte immer als Heilsgeschichte verstanden und darum das Ende der Welt mit der Wiederkunft Christi zum Jüngsten Gericht und der Vollen-dung der Gottesherrschaft als dominierende Wirklichkeit begriffen, der alle irdische Wirklichkeit unterstellt wird. In den Bogenfeldern romanischer und erst recht gotischer Kirchen und Kathedralen fand über den Portalen die Darstellung des Jüngsten Gerichtes einen eigenen Platz. Perse, Moissac, Arles, Conques, Beaulieu und St. Denis sind eindrucksvolle Zeugnisse. Der Eintretende wie der Fortgehende wird unter das Gericht Gottes gestellt. Es gab so etwas wie ein mysterium tremendum, ein heiliges Zittern. In den großen Fresken und Altarbildern des ausgehenden Mittelalters spielt diese Thematik ebenfalls eine große Rolle.

Einen ganz eigenständigen Impuls für die Darstellung des Jüngsten Gerichtes an der Stirnwand der Sixtinischen Kapelle erhielt Michelangelo (1475–1564) durch die von spanischen und deutschen Söldnern Kaiser Karl's V. angezettelte Plünderung Roms (1527/28), die als Sacco di Roma in die Geschichte eingegangen ist. Michelangelo ließ sich möglicherweise von diesem Erlebnis in der Gestaltung der Gerichtswand der Sixtina (1536–1541) bestimmen. Ausgehend von der abendländischen Darstellungsform, wie sie uns bei Giotto in der Arena-Kapelle zu Padua oder bei Frau Angelico in der Brizio-Kapelle in Orvieto entgegentritt, hob Michelangelo den statischen Aufbau der symmetrisch gleichen Hälften auf und entwickelte eine Komposition, die einer rotierenden Bewegung folgt. Wenn auch eine große Kraftentladung den ersten Eindruck bestimmt, so wird diese doch innerhalb einer zugrundeliegenden Ordnung entfaltet. Im Zentrum der Komposition erscheint Christus in jugendlicher Gestalt. Er schleudert mit seinem rechten Arm die auferstehenden Verdammten in die Hölle. Maria, seine Mutter, sitzt zu seiner Rechten und schmiegt sich – erschreckt – in der demütigen Haltung der Fürbitterin an ihn, den Blick auf die Auferstehenden gerichtet. Heilige, mit den Insignien ihrer Würde ausgestattet, bilden um die beiden Zentralgestalten einen gewaltigen Kreis. Darunter, in einem zweiten Zentrum, richten die sieben Engel der Apokalypse die Posaunen des Jüngsten Gerichtes in die Tiefe. Zur Rechten des Weltenrichters steigen die Seligen auf, zur Linken werden die Verdammten von Teufeln in die Tiefe gezerrt.

Michelangelo hat gegenüber früheren Gerichtsdarstellungen zum ersten Male konsequent die Vorstellung der zum Himmel aufsteigenden Seligen und in die Hölle hinabstürzenden Verdammten zu Ende geführt. Der Wegfall der architektonischen Rahmung – wie sie besonders im Deckengemälde gegeben ist – bewirkt die Auflösung des Wandcharakters, sodass die Gerichtsszene auch für den gläubigen Kapellenbesucher zu einem unmittelbaren Anruf wird.

Die Wiedergabe des Jüngsten Gerichtes, eines der zentralen apokalyptischen Bildthemen, ist heute im Kirchenbau fast ganz durch die Darstellung des himmlischen Jerusalem überlagert oder ersetzt worden. Zumeist erscheint heute im kirchlichen Umfeld der Richter als milder Retter, der die Auferstehenden segnend aufnimmt. Die verurteilende Geste, wie die auf der Gerichtswand der Sixtinischen Kapelle, findet innerhalb der Kirchen so gut wie keine Nachfolge. So hat Rudolf Büder (geb. 1920) das Gerichtsthema 1960 in einem Tafelbild der Evangelischen Akademie Tutzing mit dem apokalyptischen Lamm verbunden, das in einer nahezu zentrierten Aureole zusammengebrochen kniet. In der rechten Bildhälfte erscheint ein Engel mit der Posaune, während unter ihm in einer Erdspalte Tote erwachen.

Und auch Rudolf Peer (geb. 1932) hat dieses Thema des Weltgerichtes 1964 auf der Altarrückwand als Bronzerelief ähnlich harmlos gestaltet. Der wiederkommende Weltenrichter thront auf einem angedeuteten Regenbogen. Während die rechte Hand zum Segensgestus geformt ist, hält die linke das mit Alpha und Omega bezeichnete Lebensbuch. Am unteren Bildrand erkennt man auferstehende Tote. Rechts und links wird diese Szene durch posauneblasende Engel eingerahmt.

Dagegen findet dieses Gerichsthema in den freien Arbeiten der Künstler eine dramatischere Behandlung. Max Beckmann (1884–1950) visualisierte zwar nur das Gericht über Babylon (Offb 18, 1f.) und den Sieg des Christus (Offb 19, 11–16) in zwei von seinen 27 Steinzeichnungen zur Apokalypse, die er 1941 in seinem Amsterdamer Exil geschaffen hatte. Aber beide Blätter offenbaren das Endgültige des Gerichtes und des letztendlichen Sieges Christi. Kräftige Binnenzeichnungen konturieren die starkfarbigen Einzelgestalten, die wie dem Dunkel des Todes abgerungen erscheinen.

Jaques Gassmann (geb. 1963) belässt das Weltgericht wie ein kosmisches Urereignis in einem morbid wirkenden Farbgemisch von Violett, verbranntem Erdstaub und verschleierndem Nebelgrau. Über erahnbaren Körpersegmenten erscheint in der oberen Bildhälfte so etwas wie ein heller Thron, der farblich die Morgenröte eines neuen Äons aufleuchten lässt. Volker Stelzmann (geb. 1940) widmet diesem Thema in dem Triptychon Sinken (1990/91) ebenso die ins Bodenlose strauchelnden Verdammten (1986) wie in dem Zyklus Gericht (2005) die umhergewirbelten Leiber. Mag sein Ahnherr auch Jacopo da Pontormo gewesen sein, dessen verlorenes Jüngstes Gericht (1546–1550/51) Stelzmann aus Entwürfen kann-te, auf jeden Fall teilt er mit ihm „das Gleiten, Stürzen und Fallen im endlosen, leeren Raum und das verzweifelte Gewürm der Verdammten.“ Aber diese Bilder, die in ihrer Vielschichtigkeit – in Anlehnung an eine Aussage Max Beckmanns innerhalb seines Vortrages „Über meine Malerei“ (1938) – „Das Unsichtbare sichtbar zu machen durch die Realität“ auch nicht das Eigentliche des Gerichtsgeschehens aufrufen, so ist doch das Aufbrechen des unendlichen Raumes durch die Andeutung eines dramatischen Geschehens, das die Angst und den Schrecken vor dem Dies irae, dies illa vermittelt, ein Weg in den Sog der Apokalypse.