Ganz in der Linie der religiösen und kulturellen Geschichte Europas

Wie sich die katholische Kirche in Island weiterentwickeln will – Ein Gespräch mit Bischof Peter Bürcher. Von Stefan Blanz

Reykjavik mit der Christkönig-Basilika, Bischofskirche auf Island. Foto: M.Nyffenegger
Reykjavik mit der Christkönig-Basilika, Bischofskirche auf Island. Foto: M.Nyffenegger

„Mit Ihnen und mir sind wir jetzt 3 000“, soll Bischof Alfred James Jolson 1989 zu Papst Johannes Paul II. auf dem Flughafen von Reykjavik gesagt haben. In dieser kleinen Zahl an Katholiken drückt sich bereits die Ähnlichkeit der Glaubens- und Kulturgeschichte Islands in Skandinavien aus. Ihren Ausgang fand die Christianisierung auch dort durch die Wandermissionen iroschottischer Benediktiner. Mit der Reformation kam es allerdings zur Verdrängung der lateinischen Kirche, die erst im 19. Jahrhundert überwunden wurde, als sich wieder die ersten Katholiken ansiedelten. Seit 2007 ist der Walliser Peter Bürcher Bischof der Diözese Reykjavik. Eine Begegnung.

Zunächst eine persönliche Frage: Wie empfanden Sie Ihren Ruf auf den isländischen Bischofsstuhl?

Das war für mich eine große Überraschung, als mich Papst Benedikt XVI. vor vier Jahren zum Bischof von Reykjavik ernannt hatte. Diese Insel aus Eis und Feuer war mir total unbekannt. Ich bin jetzt der sechste Bischof nach der Reformation. Ein einziger war Isländer. Wir beten und arbeiten miteinander in Zufriedenheit und Mut für die Evangelisierung unseres Volkes. Dort, wo du das mit Liebe tun kannst, kannst du sicher auch zufrieden sein!

Auf Island scheinen generell religiöse Menschen zu leben. Von den 328 000 Einwohnern gehören nur etwa 10 300 keiner religiösen Organisation an. Wie halten es die Isländern mit der Religion?

Ob die Isländer religiös sind, ist schwer zu beurteilen. Sicher ist, dass wenige sich als Atheisten bezeichnen. Die überwiegende Mehrheit der Isländer ist in der lutherischen Kirche getauft, und die meisten bekennen den christlichen Glauben. Aber der Glaube spielt bei ihnen keine große Rolle im tagtäglichen Leben. Lutherische Gottesdienste werden kaum besucht – mit Ausnahme der Beerdigungen, Konfirmationen oder Taufgottesdienste. Die Heiligung des Sonntags ist kaum bekannt und die christliche Sittenlehre wenig beachtet. Die junge Katholische Kirche zählt ungefähr 15 000 Mitglieder (etwa 10 000 davon sind registriert). Die meisten sind Einwanderer, hauptsächlich aus Polen und aus den Philippinen. Es ist eine lebendige Gemeinschaft und viele praktizieren ihren Glauben. Unter den katholischen Isländern sind fast alle Konvertiten oder Kinder von Konvertiten. Ein einziger gebürtiger Isländer ist katholischer Priester in Island. Gott sei Dank haben wir jetzt zwei isländische Priesteramtskandidaten.

Wie ist die Situation in den Gemeinden?

Die Diözese Reykjavík hat fünf Pfarreien. Zwei davon haben ihre Pfarrkirche in Reykjavík, erstrecken sich aber über weite Entfernungen im Westen, Norden und Süden des Landes. Die meisten Dörfer auf dem Land sind Teile dieser zwei Pfarreien und werden von dort aus betreut. Eine dritte Pfarrei ist in einem Vorort von Reykjavík und erstreckt sich über die südwestliche Halbinsel Reykjanes. Eine Pfarrei deckt den Norden des Landes und die fünfte, 2007 gegründet, erstreckt sich über alle Siedlungen des Ostens. Die Pfarrmitglieder sind verschiedener Herkunft und sprechen verschiedene Sprachen. Die Lingua Franca in der Regel ist Isländisch. Doch werden Gottesdienste in polnischer und englischer Sprache wesentlich mehr besucht als andere. Die Inkulturation der polnischen Mehrheit in die isländische Bevölkerung erweist sich als schwer durchführbar. Wir versuchen aber, Brücken zu bauen.

Was bedeuten diese Rahmenbedingungen für die Spendung der Sakramente und das Gebetsleben?

Wegen der riesigen Entfernungen ist die Anreise der Gemeindemitglieder zum Gottesdienst oft kaum denkbar, obwohl einige Gemeindemitglieder es auf sich nehmen, jeden Sonntag bis zu 100 Kilometer hin und zurückzufahren, um in die Messe zu kommen. Ansonsten ist es eher so, dass die Priester vormittags in Reykjavík und Umgebung die Messe feiern und nachmittags aufs Land gehen. Wünschenswert wäre, dass jeder Ort mindestens einmal im Monat vom Priester besucht wird. Soweit sind wir noch nicht. Abgelegene Gegenden haben nur vier- oder fünfmal im Jahr oder noch weniger die Messe. Treue Katholiken, vor allem Polen, schauen die Messe im Fernsehen ihres Heimatlandes. Wenn der Priester aber hier zu ihnen kommt, sind sie sehr zufrieden und dankbar. Die fünf Pfarrzentren bieten tägliche Messfeiern sowie andere Gebetsmomente wie eucharistische Anbetung, Rosenkranz oder Kreuzwegandachten an. Außerhalb dieser Zentren beschränkt sich die Pastoral auf gelegentliche Messfeiern und Hausbesuche. Der persönliche Kontakt zwischen dem Priester und den zerstreuten Katholiken ist ein äußerst wichtiger Stützpunkt der katholischen Identität. Dazu tragen auch wesentlich die Ordensschwestern bei, die viel auf sich nehmen, um entfernte Katholiken zu besuchen und den Kontakt aufrechtzuerhalten. Das Kirchenblatt wird allen Katholiken im Land regelmäßig zugeschickt. Die Kirche stellt auch mehrere Internetseiten zur Verfügung. Das ist unter anderem für den Religionsunterricht sehr praktisch und nützlich. Auch das Ansgar- und das Bonifatius-Werk sowie Kirche in Not und andere Hilfswerke sind sehr wichtige Stützen für unseren kirchlichen Dienst. Wir sind den Verantwortlichen und Wohltätern dafür innig dankbar.

Wie viele Ordensleute beziehungsweise Kommunitäten gibt es auf Island und welche Aufgaben nehmen sie wahr?

Alle unsere 11 Ordensmänner sind Priester und zurzeit sind 31 Ordensfrauen im Land. Sie sind in den fünf Pfarreien unseres Bistums Reykjavik tätig. Diese verschiedenen Ordensgemeinschaften arbeiten in der Diözese und sind eine tragende Kraft des kirchlichen Lebens. Die meisten Ordensleute sind jung. Sie sind auch sehr aktiv in der Jugendpastoral und tragen dazu bei, der katholischen Kirche in Island neuen Schwung zu geben. Die Ordensleute treffen sich jedes Jahr mit dem Bischof um den 2. Februar.

Sie haben mit persönlichem Engagement die Kapelle des Bischofshauses der marianischen Gebetsverbrüderung zur Bewahrung des Christentums in Europa angeschlossen. Welche Bedeutung messen Sie dieser Initiative bei?

Auf die Initiative von P. Notker Hiegl, eines Benediktinermönches aus Beuron in Deutschland, wurde ein europäischer Plan in die Wege geleitet, Kapellen im seltenen Patrozinium Maria Mutter Europas zu weihen, von Ost bis West und Nord nach Süd. Die erste ist seit 1309 in Gibraltar im Westen mit dem Namen „Schrein Unserer Frau von Europa“, eine zweite in Gnadenweiler in Süddeutschland. Als Vorletzte vor Reykjavik im Norden wurde eine Kapelle in Beresniki am Fuß des Urals, in der östlichsten katholischen Gemeinde Europas, „Maria, Mutter Europas“ gewidmet. Es soll noch eine Kapelle auf Malta in diesem Sinne geweiht werden.

Diese Heiligtümer sind unter sich auch ein Zeichen der Gebetsverbrüderung zwischen den Menschen in Europa. Sie sollen ein Zeichen sein, das Europa in der Form des erlösenden Kreuzes umarmt. Sie sollen an das christliche Erbe Europas erinnern und die Menschen dazu auffordern, Europa im Glauben an den Herrn zu formen. Papst Benedikt XVI. sagte von der Jungfrau Maria im steirischen Wallfahrtsort Mariazell: „Möge die große Mutter Österreichs und Europas uns allen zu einer tiefgreifenden Erneuerung des Glaubens und Lebens verhelfen... sie ist ,Förderin der Einheit‘ unter allen Menschen“. Mariazell mache deutlich, „was Europa bauen kann, woher es gekommen ist, was seine Identität ist und wodurch es immer wieder es selbst werden kann: durch die Begegnung mit dem Herrn, zu der uns seine Mutter verhilft“.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie sich auch ein Männerkloster auf Island wünschen. Welche Möglichkeiten bieten sich zur Umsetzung dieses Planes?

Seit langer Zeit hat die katholische Kirche in Island den Wunsch, ein Männerkloster zu errichten. Dieses Anliegen steht ganz in der Linie der religiösen und kulturellen Geschichte Islands. Im Mittelalter gab es in Island mehrere benediktinische und augustinische Klöster, welche eine unschätzbar wichtige Rolle gespielt haben. Es ging um das Gebet und das Gott ganz geweihte Leben, aber auch um die Kultur und die damals schon unter anderem ökologische Entwicklung großer Gebiete. Mit der Reformation sind aber diese Klöster in Island ganz verschwunden. Jetzt haben wir hier Gott sei Dank mehr als 30 Ordensschwestern, aber leider noch kein eigentliches Männerkloster.

Vor einigen Monaten, als wir das Inserat über den Verkauf eines Grundstückes, das sogenannte Landstück von Hvammsvík-Hvalsfjördur in der hiesigen Zeitung lesen konnten, haben wir sofort an unseren Wunsch gedacht, dort ein Kloster bauen zu können. Wir haben uns sofort eingesetzt, mit den zuständigen Verantwortlichen Kontakt aufzunehmen und dieses Land oder wenigstens einen Teil dieses Landes zu kaufen, damit wir dort ein Kloster errichten könnten. Die Bereitschaft zu einem Verkauf scheint jetzt da zu sein. Wir erklärten auch, dass wir sicher eine Gemeinschaft von Mönchen finden könnten, welche ihr Land in Hvammsvík auch teilweise oder insgesamt besorgen könnten. Sehr viele Isländer und nicht weniger viele Touristen würden auch sicher daran interessiert sein, dorthin zu kommen. Island mit seinen nur 330 000 Einwohnern empfängt ja jedes Jahr um eine halbe Million Touristen. Bis jetzt ist aber noch leider nichts herausgekommen. Die Hoffnung bleibt aber sehr stark.

Wie stellt sich die interkonfessionelle Zusammenarbeit auf Island dar?

Unser Verhältnis zu den anderen christlichen Konfessionen ist im Allgemeinen gut und wird von Achtung und Respekt gekennzeichnet, besonders was die lutherische Staatskirche und die orthodoxe Kirche betrifft. Es gibt auf diesem Gebiet – außer den bekannten theologischen und ekklesialen – keine nennenswerten Schwierigkeiten. Unsere Ökumenische Kommission hat sich zu gesellschaftlichen und politischen Fragen geäußert, die alle Christen betreffen, besonders bezüglich christlicher Bildung in den Schulen. Die Gebetswoche für die Einheit der Christen wird jedes Jahr hier in Island mit allen Konfessionen intensiv erlebt.

Welchen Einfluss hat die Wirtschaftskrise auf das Land? Weshalb ist caritatives Wirken in der isländischen Gesellschaft nicht gerne gesehen?

Die Wirtschaftskrise macht demütig. Sie kam wie ein Knall Anfang Oktober 2008 und hat die ganze Bevölkerung getroffen. Das Ergebnis ist Armut, Arbeitslosigkeit und Auswanderung. Die Isländer kehren zurück zu herkömmlichen Einnahmequellen und lernen zu sparen. Nach und nach müssen sie zugestehen, dass Armenhilfe organisiert werden muss. Doch wollen sie lieber, dass die Ausländer (zum Beispiel die Polen) diese Armenhilfe in ihrem Heimatland suchen. Zunehmende Feindlichkeit gegenüber den Ausländern ist zu spüren, besonders wenn Kriminalität mit Beteiligung von Ausländern in die Medien gerät. Eine starke Auswanderungswelle nach Norwegen ist spürbar. Immer wieder in der Geschichte konnten die Isländer in Not Zuflucht bei ihren verwandten Nachbarn suchen, und dies erweist sich jetzt wieder als eine momentan hilfreiche Lösung gegenüber der gegenwärtig schwierigen Lage.