Für alle Menschen ist genug Nahrung da

Der Hungernde bittet um Würde, nicht um Almosen: Im Wortlaut die Ansprache von Papst Franziskus vom Donnerstag am Sitz der UN–Welternährungsorganisation in Rom

Sich um den Menschen kümmern: Viele Kinder der pakistanischen Provinz Sindh sind derzeit von Hungersnot bedroht. Foto: Fotos: dpa
Sich um den Menschen kümmern: Viele Kinder der pakistanischen Provinz Sindh sind derzeit von Hungersnot bedroht. Foto: Fotos: dpa

Herr Präsident,

Meine Damen, meine Herren!

Mit einem Gefühl der Achtung und der Wertschätzung bin ich heute zu dieser Zweiten Internationalen Konferenz zum Thema Ernährung gekommen. Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für Ihren freundlichen Empfang und für Ihre Begrüßungsworte. Herzlich grüße ich den Generaldirektor der FAO, José Graziano da Silva, sowie die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation, Margaret Chan. Ich freue mich über Ihre Entscheidung, bei dieser Konferenz Vertreter von Staaten, internationalen Institutionen, Organisationen der Zivilgesellschaft, aus dem Bereich der Landwirtschaft und dem privaten Sektor zusammenzubringen, um gemeinsame Vorgehensweisen zur Sicherstellung der Ernährung sowie auch notwendige Veränderungen, die an den derzeitigen Strategien vorgenommen werden müssen, zu untersuchen. Eine vollständige Übereinstimmung der Projekte und Aktionen, aber vor allem der Geist der Brüderlichkeit können für angemessene Lösungen entscheidend sein. Wie Sie wissen, versucht die Kirche stets auf alles zu achten und sich um alles zu sorgen, was sich auf das geistliche und materielle Wohl der Menschen bezieht, vor allem derjenigen, die am Rande leben und ausgeschlossen sind, auf dass ihre Sicherheit und ihre Würde gewährleistet werden.

1. Die Schicksale aller Nationen sind mehr denn je miteinander verwoben, wie bei Mitgliedern einer Familie, die einer vom anderen abhängig sind. Doch wir leben in einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen den Staaten allzu häufig von gegenseitigem Misstrauen zerstört werden, das sich manchmal in Formen kriegerischer und wirtschaftlicher Aggression verwandelt, die Freundschaft unter Geschwistern untergräbt und diejenigen, die bereits kaum berücksichtigt werden, zurückweist oder verwirft. Diejenigen, denen das tägliche Brot und eine würdevolle Arbeit fehlen, wissen das allzu gut. Das ist das Bild der Welt, in dem die Grenzen von Ansätzen erkannt werden müssen, die auf der oftmals als absolut verstandenen Souveränität jedes einzelnen Staates sowie auf nationalen Interessen basieren, die häufig von kleinen Machtgruppen bestimmt werden. Das wird beim Lesen Ihres Arbeitsplans deutlich, der darauf ausgerichtet ist, neue Regeln, Formen und stärkere Verpflichtungen zu erarbeiten, um die Welt zu ernähren. Ich hoffe, dass sich die Staaten bei der Formulierung solcher Verpflichtungen von der Ansicht leiten lassen, dass das Recht auf Ernährung nur dann gewährleistet wird, wenn wir uns um das reale Subjekt kümmern, nämlich um den Menschen, der unter den Auswirkungen des Hungers und der Unterernährung leidet. Das reale Subjekt!

Heute ist viel von Rechten die Rede, wobei die Pflichten häufig vergessen werden; vielleicht haben wir uns zu wenig um diejenigen gekümmert, die Hunger leiden. Es ist zudem schmerzhaft festzustellen, dass der Kampf gegen Hunger und Unterernährung durch die „Priorität des Marktes“ und den „Vorrang des Gewinns“ behindert werden, die Nahrungsmittel auf eine beliebige Ware reduziert haben, die der Spekulation, auch der finanziellen Spekulation, unterliegt. Und während man über neue Rechte redet, ist der Hungrige da, an der Straßenecke, und bittet um sein Bürgerrecht, bittet darum, in seiner Situation berücksichtigt zu werden, eine gesunde Grundernährung zu erhalten. Er bittet um Würde, nicht um Almosen.

2. Diese Kriterien können nicht im ungewissen Bereich der Theorie bleiben. Menschen und Völker fordern, dass Gerechtigkeit in die Praxis umgesetzt wird; nicht nur gesetzliche Gerechtigkeit, sondern auch Gerechtigkeit, was Beiträge und Verteilung anbelangt. Die Entwicklungs- und Arbeitspläne der internationalen Organisationen sollten daher den unter den gewöhnlichen Menschen so verbreiteten Wunsch berücksichtigen, unter allen Umständen die fundamentalen Rechte des Menschen und – in unserem Fall – des Menschen, der Hunger hat, zu berücksichtigen. Wenn dies geschieht, werden auch die humanitären Interventionen, die dringend erforderlichen Hilfs- und Entwicklungsaktionen – für eine wirkliche, umfassende Entwicklung – größeren Antrieb erhalten und die erwünschten Früchte bringen.

3. Das Interesse für die Produktion und die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln sowie der Zugang zu ihnen, der Klimawandel und der landwirtschaftliche Handel müssen zweifellos die Regeln und die technischen Maßnahmen beeinflussen, doch die Hauptsorge muss der Mensch selbst sein, alle, denen es am täglichen Brot fehlt, die aufgehört haben, an das Leben, an die familiären und gesellschaftlichen Beziehungen zu denken und nur ums Überleben kämpfen. Der heilige Papst Johannes Paul II. hat die internationale Gemeinschaft 1992 bei der Eröffnung der Ersten Konferenz zum Thema Ernährung in diesem Saal vor dem „Paradox des Überflusses“ gewarnt: Es gibt Nahrung für alle, doch nicht alle können sich ernähren, während wir Verschwendung, Überfluss, exzessiven Konsum und die Verwendung von Nahrungsmitteln für andere Zwecke beobachten können. Das ist das Paradox! Leider ist dieses Paradox immer noch aktuell. Es gibt wenige Themen, zu denen so viele Sophismen produziert werden, wie zum Thema des Hungers; und wenige Themen, die so leicht durch Daten, Statistiken, nationale Sicherheitsanforderungen, Korruption oder einen Verweis auf die Wirtschaftskrise manipuliert werden können. Das ist die erste Herausforderung, die es zu überwinden gilt.

Die zweite Herausforderung, der man sich stellen muss, ist der Mangel an Solidarität. Ein Wort, bei dem sich uns unbewusst der Verdacht aufdrängt, wir müssten es aus dem Wörterbuch entfernen. Unsere Gesellschaften zeichnen sich durch wachsenden Individualismus und durch Aufsplitterung aus; das führt am Ende dazu, die Schwächsten eines Lebens in Würde zu berauben und Auflehnung gegen die Institutionen zu provozieren. Wenn es in einem Land an Solidarität fehlt, bekommen das alle zu spüren. Tatsächlich ist die Solidarität die Haltung, die Menschen befähigt, aufeinander zuzugehen und die gegenseitigen Beziehungen auf jenem Gefühl der Brüderlichkeit aufzubauen, das Unterschiede und Grenzen überwindet und dazu drängt, miteinander das Gemeinwohl zu suchen.

In dem Maße, in dem sich die Menschen bewusst werden, eine verantwortliche Rolle im Schöpfungsplan zu spielen, werden sie fähig, einander zu respektieren, statt gegeneinander zu kämpfen und den Planeten zu schädigen und auszulaugen. Auch von den Staaten, die als Gemeinschaft von Menschen und Völkern konzipiert sind, wird gefordert, einvernehmlich zu handeln, bereit zu sein, einander mit Hilfe der Prinzipien und Normen, die das Völkerrecht zu ihrer Verfügung stellt, zu unterstützen. Eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration ist das dem menschlichen Herzen eingeschriebene Naturrecht, das eine Sprache spricht, die alle verstehen können: Liebe, Gerechtigkeit, Frieden – Elemente, die untrennbar miteinander verbunden sind. Wie die Menschen sind auch die Staaten und internationalen Einrichtungen aufgerufen, diese Werte in einem Geist des Dialogs und des gegenseitigen Zuhörens anzunehmen und zu pflegen. Auf diese Weise wird das Ziel, die Menschheitsfamilie zu ernähren, realisierbar.

4. Jede Frau, jeder Mann, jedes Kind und jeder alte Mensch muss überall auf diese Garantien zählen können. Und es ist die Pflicht jedes Staates, der auf das Wohl seiner Bürger achtet, sie vorbehaltlos zu unterschreiben und für ihre Anwendung zu sorgen. Das erfordert Beharrlichkeit und bedarf der Unterstützung. Die katholische Kirche versucht auch in diesem Bereich ihren Beitrag anzubieten, indem sie dem Leben der Armen und Bedürftigen in jedem Teil des Planeten beständig ihr Augenmerk zuwendet; auf derselben Linie bewegt sich die aktive Beteiligung des Heiligen Stuhls an den internationalen Institutionen und deren zahlreichen Dokumenten und Erklärungen. Auf diese Weise soll dazu beigetragen werden, die Kriterien auszumachen und anzuwenden, die die Entwicklung eines gerechten internationalen Systems realisieren sollen. Es handelt sich um Kriterien, die sich auf moralischer Ebene auf Säulen wie Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität stützen; gleichzeitig schließen dieselben Kriterien im rechtlichen Bereich die Beziehung zwischen dem Recht auf Ernährung und dem Recht auf Leben und auf ein würdiges Dasein ein, das Recht, durch das Gesetz geschützt zu werden, das im Hinblick auf diejenigen, die Hunger leiden, nicht immer gegeben ist, sowie die moralische Verpflichtung, den wirtschaftlichen Reichtum der Welt zu teilen.

Wenn man an das Prinzip der Einheit der Menschheitsfamilie glaubt, die auf der Vaterschaft der Schöpfergottes gründet, sowie an die Bruderschaft der Menschen, kann keine Form von politischem oder wirtschaftlichem Druck akzeptiert werden, die sich der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln bedient. Politischer und wirtschaftlicher Druck. Und hier denke ich an unsere Schwester und Mutter Erde, an den Planeten. Nur wenn wir frei von politischem und wirtschaftlichem Druck sind, können wir sie bewahren und vermeiden, dass sie sich selbst zerstört. Wir haben Peru und Frankreich vor uns, zwei Konferenzen, die uns herausfordern. Den Planeten bewahren. Ich erinnere mich an einen Satz, den ich vor vielen Jahren von einem alten Mann gehört habe: „Gott verzeiht immer, Verletzungen, Missbrauch; Gott verzeiht immer. die Menschen verzeihen manchmal. Die Erde verzeiht nie!“ Die Schwester Erde, die Mutter Erde bewahren, damit sie nicht mit Zerstörung antwortet. Doch vor allem: kein System der Benachteiligung, das de facto oder gesetzlich die Möglichkeit des Zugangs zum Nahrungsmittelmarkt beschränkt, darf internationalen Aktionen, die die Beseitigung des Hungers zum Ziel haben, als Vorbild dienen.

Indem ich diese Überlegungen mit Euch teile, bitte ich Gott, den Allmächtigen, der reich an Barmherzigkeit ist, alle zu segnen, die sich mit unterschiedlichen Verantwortlichkeiten in den Dienst derer stellen, die Hunger leiden, und ihnen mit konkreten Gesten der Nähe beistehen. Ich bete auch dafür, dass die internationale Gemeinschaft den Appell dieser Konferenz hören und ihn als Ausdruck des gemeinsamen Menschheitsgewissens betrachten möge: die Hungrigen speisen, um das Leben auf dem Planeten zu retten. Danke.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller