Für Christen vollkommen unbedrohlich

Zeitlos aktuelle Themen: Wie ist die Geheime Offenbarung auszulegen? – „Tagespost“-Serie zur Apokalypse (Teil III)

„Apokalypse“ heißt Aufklärung. Vor dem universalen Ende ist Aufklärung über die Wahrheit nur in Visionen möglich. Die Aufklärung der Apokalypse des Johannes bezieht sich auf das, was immer wahr ist. Und sie stellt die Folgen des Unrechts vor Augen. Sie ist daher nicht Wahrsagerei oder Spekulation über Jahreszahlen. Sie ist mehr: Sie zeigt, dass es Gott gibt und was das Böse und Ungerechte wirklich ist: Lüge und Verlorenheit. Dieser Grundcharakter der Apokalypse ging häufig verloren, wenn man allzu genau wissen wollte, wer was wann ist. So hat man nur seine eigene Angst darin wiedergefunden, statt sich aufklären zu lassen über Gott und das Böse.

„Schrecklich“, „Drohbotschaft statt Frohbotschaft“, „geheimnisvoll“, „Buch mit Sieben Siegeln“ „noch ganz jüdisch und nur oberflächlich christlich“ – diese und andere Vorurteile werden über die Offenbarung des Sehers Johannes gepflegt. Auch der Titel „geheime Offenbarung“, den das Buch bei Katholiken hat, wird im Sinne des Dunklen, Geheimnisvollen missverstanden. Dabei bedeutet geheim hier nur „besonders“ – so wie auch Goethe ein „geheimer Rat“ war.

Nur der Sohn Gottes darf diese Siegel öffnen

Dieses Buch ist eine besondere Offenbarung, eben die an den Seher Johannes. Und das „Buch mit sieben Siegeln“ meint ebenfalls nicht besondere Dunkelheit. Vielmehr kommt der Ausdruck aus Kapitel 5, und dort bezieht er sich nicht auf das vorliegende Buch im Neuen Testament, sondern auf das himmlische Buch an Gottes Thron, das nur Jesus öffnen darf. Wenn eine Buchrolle (darum handelt es sich!) so gut verschlossen ist, dann ist sie fälschungssicher. So wie manche Briefe mit einem Tesastreifen extra verschlossen sind, damit kein Unbefugter sie liest oder etwas verändert. Auf die Schwierigkeit oder Bedrohlichkeit des Inhalts bezieht sich das aber nicht. Vielmehr ist der Inhalt dieses visionären Buches für die Christen überhaupt nicht bedrohlich, sondern diese Schrift ermuntert sie zum Standhalten, und daher entwirft es in der Hauptsache wunderschöne Bilder.

Der Seher Johannes, der das Buch geschrieben hat, ist übrigens nicht der Verfasser des Evangeliums nach Johannes. Das vierte Evangelium kennt zum Beispiel überhaupt keine dramatische apokalyptische Zukunftserwartung, die gibt es so ausführlich überhaupt nur im Buch des Sehers Johannes. Es gibt nur teilweise Übereinstimmung.

Wann ist das Buch entstanden? Die Datierungen schwanken zwischen 69 und 160 nach Christus Jedenfalls setzt das Buch Kaiser Nero voraus, von dem unzweifelhaft in Kapitel 13 die Rede ist. Denn Nero wurde (durch Selbstmord?) lebensgefährlich verletzt, aber das Gerücht ging um, er sei nicht gestorben, sondern in den Osten geflüchtet und werde zusammen mit Heeren der Parther wiederkommen und dann wieder in Rom herrschen. Das 13. Kapitel der Apokalypse setzt diesen Mythos voraus und stellt ihn parallel zur Auferstehung Jesu, und zwar letztlich als täuschende Nachahmung, denn Nero war ja nicht wirklich tot.

Die extrem unterschiedliche Beurteilung der Entstehung der Apokalypse ist davon abhängig, für wie fortgeschritten man die Ideologisierung des römischen Kaiserkultes einstuft – und welche Christenverfolgungen man annehmen kann. Früher ging man davon aus, die entscheidende Verfolgung sei unter Domitian anzusetzen; daher sei das Buch zwischen 96 und 98 nach Christus entstanden. Neuerdings kann man an einer Verfolgung unter Domitian nicht mehr festhalten. Daher muss das Buch früher oder später entstanden sein. Da von der Zerstörung Jerusalems in diesem Buch nichts zu sehen ist, sondern besonders Kapitel 11 eher das Gegenteil bestätigt, muss von einer Abfassung vor 70 und unter dem frischen Eindruck der Legende vom Nero redivivus („wiederaufgelebter Nero“) ausgegangen werden.

Nach Kapitel 13 besteht in der Tat ein Zwang zur kultischen Kaiserverehrung. Dieser ist besonders in Kleinasien früh ausgeprägt. Es gab einen regelrechten Städtebund zur Beförderung der kultischen Kaiserverehrung, dem die Städte Ephesus, Pergamon und Smyrna angehörten. Alle drei Städte gehören zu den Adressaten der Gemeindebriefe am Anfang des Buches. Im Übrigen ist es für die theologische Bedeutung des Buches relativ unwichtig, wann man es genau datiert. Alle anderen Probleme der Auslegung sind inhaltlich weitaus schwieriger zu lösen. – Die Adressaten des Buches sind die sieben kleinasiatischen Gemeinden von Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea.

Die entscheidende Frage ist heute, wie dieses Buch überhaupt zu verstehen ist. Vergangene Jahrhunderte hatten damit keine Probleme, da man Bilder lesen konnte und sich auf figürliche Auslegung verstand. Insbesondere sind Kirchen der Romanik in sehr vielen Teilen eine fortgesetzte Auslegung der Offenbarung des Johannes, zum Beispiel in der Darstellung des himmlischen Jerusalem durch Radleuchter. Man las die Angaben als Plan von Gottes Heilsgeschichte und rechnet entsprechend Kapitel 11 mit einem Kommen des Antichrist in Gestalt eines Herrschers. Da in Rom aber im Mittelalter der Papst regierte, fiel es oppositionellen Gruppen nicht besonders schwer, den Papst als den in Rom sitzenden Antichrist der Offenbarung zu erklären. Noch im 19. Jahrhundert waren sich die Protestanten einig, der Papst sei der Antichrist. Heute leuchtet es jedem ein, dass das nicht wahr sein kann, aber was ist dann wahr?

Immer wieder hat man die Apokalypse festlegen wollen, indem man zum Beispiel nach der Identität des roten Drachen fragte: Wer ist das? Und wenn es stimmen sollte, dass das Ende bald kommt (Apk 1, 3b), dann musste ja diese Größe schon da sein. Nun vermeidet aber die Offenbarung selbst klare Identifikationen. Das ist entscheidend und oft übersehen.

Nur wer genau liest, kann aus einer kleinen Andeutung in 17, 9 entnehmen, dass es sich um Rom handeln soll; dort ist von den „sieben Hügeln“ die Rede, und die standen in der Antike sprichwörtlich für Rom. Später fand man dann, dass, je nachdem wie man zählte, auch beliebige andere Städte sieben Hügel haben konnten (Konstantinopel, Moskau, Stuttgart, Tübingen). Aber das Wort „Rom“ fällt gar nicht. Stattdessen wird die gottlose Stadt „Babylon“ genannt – und das lag damals schon in Schutt und Asche – oder „Sodom“, wenn man Jerusalem meinte (11, 7f). So liefert die Offenbarung des Johannes bestimmte Rollen (zum Beispiel widergöttliche Herrscher) wie in einem Bühnenstück. Sie liefert zu diesen Rollen gewissermaßen auch die Kleider, die bestimmte konkrete Figuren anziehen können, um ihre Rolle zu spielen. Aber das können eben mehrere Figuren nacheinander. Und wir können dann immerhin sagen: Ja, in dieser oder jener historischen Gestalt erkenne ich Rollenträger der Apokalypse wieder. Hatten nicht die Tyrannen des 20. Jahrhunderts alle etwas von der Rolle des Antichrist? Das kann man bejahen, und auch die Apokalypse legt sich nicht fest und sagt: Herr xy ist nun wirklich definitiv der Antichrist. Deshalb würde sich der Seher Johannes auch weigern, irgendwelche Präsidenten der Gegenwart eindeutig als Antichrist festzulegen. Den Christen ist doch schon damit geholfen, dass sie macht- und anbetungshungrige Potentaten mit Hilfe der Apokalypse zuordnen können, und zwar auf die Gegenseite. Denn Apokalyptik ist dualistisch, ihre Enthüllung kennt nur schwarz oder weiß. Im normalen Alltag herrscht Verhüllung, und alles ist mehr oder weniger grau. Die Apokalypse ordnet eindeutig zu, und zwar sowohl Herrscher wie auch Christengemeinden; daher die sehr kritische Gemeinde-Analyse in Kapitel 2 und Kapitel 3. Auf die Seite Gottes gehören die treuen und standhaften „Zeugen“ (Märtyrer), die unbesorgt sind um ihr Leben, vor allem Jesus Christus. Die Apokalypse hilft daher, die Geister zu scheiden.

Aber lebt die Apokalyptik nicht doch davon, dass etwas „immer schlimmer“ wird? Und dass eben deshalb das Ende nahe sein muss? So ist oft die heutige Wahrnehmung. Aber wir ahnen auch, dass es noch unglaublich viel Schlimmeres geben kann. Und in der Tat gilt, dass naiver Fortschrittsglaube der Bibel fremd ist. Doch andererseits gibt es das Geschichtsbild des Epheser- und des Kolosserbriefes: Der Leib Christi wächst, seine innere Herrlichkeit wird größer. Hier gibt es keinen Pessimismus.

Verschiedene zeitgenössische Interpretationsmodelle

Folgende Modelle der Interpretation apokalyptischer Texte sind heute üblich: Nach dem „prophetischen“ Modell sind sie als „paradoxe Intervention“ zu verstehen. Sie schildern etwas, damit es nicht kommt. Deshalb „interveniert“ der Apokalyptiker in der Gegenwart, und „paradox“ ist die Schilderung einer Wirklichkeit, damit sie sich nicht ereignet.

Nach dem „politischen“ Modell kann man den Kampf zwischen Rom und den unterjochten Völkern damals auch auf heutige Großreiche und ihren kapitalistischen Militarismus übertragen. Das „ästhetisch-symbolische“ Modell lässt in den Texten gegenwärtige Ängste und Verheißungen wiedererkennen. Nach der „weltanschauungskritischen“ Deutung wird der Text als Beitrag zur Frage danach aufgefasst, was wirklich ist. Damit geht es um die Machtfrage, denn jede Macht über Menschen berührt den Anspruch des Gottes der Bibel, allein König zu sein.

Oft hat man als Auslegung dieses Textes einfach neue Apokalypsen geschrieben. Sie riefen angesichts der Vorzeichen, die man glaubte erkennen zu können, zur Umkehr auf. So ist die klassische apokalyptische Predigt die Mahnung zur Umkehr. Allzu oft hat sie den Fehler gemacht, nur zu erschrecken. Dabei endet dieses Buch mit dem Bild einer Hochzeit und einer großen, menschenfreundlichen Stadt.

Ich selbst möchte folgende Auslegung vorschlagen: 1. Es besteht eine enge Beziehung dieses Buches zur Liturgie, 2. Apokalyptik klärt auf über die Substanz verschiedenster Machtansprüche, 3. Sie unterstreicht den Wert von Widerstand und Verfolgtsein, 4. Apokalyptik ist nicht Wahrsagerei, sondern setzt eher das Kaleidoskop an die Stelle des Fernrohrs, 5. Es geht gerade nicht um Notwendigkeiten, sondern um die Öffnung verschiedenster Situationen für das Wahrnehmen christlicher Verantwortung („Noch seid ihr frei!“). 6. Apokalyptik spricht von der Rehabilitierung der Opfer.

Die Apokalypse ist weder fundamentalistisch „Wort für Wort“ zu verstehen noch auf die Aussage zu verdampfen, dass wir eben nicht uns selbst erlösen können. Sie erörtert bleibende Themen: Macht, Gerechtigkeit, Freiheit, Personalität, Auferstehung und Verheißung, Opfer und Sühne, und sie tut es für den Raum der Geschichte. In dieser Geschichte wird Gottes Gerechtigkeit triumphieren. Einer, der eine Gott, ist der Herr der Geschichte.