Frühling für Kubas Kirche

Die Reise des Papstes gab klare Impulse für Politik und Kirche vor Ort. Von Andreas Thonhauser

Eine historische Begegnung war auch das Zusammentreffen von Papst Benedikt XVI. mit dem 85-jährigen Revolutionsführer Fidel Castro. Foto: dpa
Eine historische Begegnung war auch das Zusammentreffen von Papst Benedikt XVI. mit dem 85-jährigen Revolutionsführer Fi... Foto: dpa

Während an diesem Wochenende Papst Benedikt XVI. die Osterfeierlichkeiten in Rom eröffnet, steht Kuba noch unter dem Eindruck des Besuchs des Heiligen Vaters. Rund 300 000 Menschen versammelten sich am Mittwoch am Platz der Revolution im Herzen Havannas. Unter dem Denkmal des kubanischen Freiheitskämpfers Jose Marti und mit Blick auf das Porträt des Revolutionärs Ernesto „Che“ Guevara zelebrierte Papst Benedikt XVI. die Abschlussmesse seines Aufenthaltes in Kuba.

Die Stimmung am brütend heißen Platz war freundlich, aber reserviert. Nur selten brandete ausgelassener Jubel auf. Das bestätigte die Eindrücke der vorangegangenen Tage, in denen der Papst sein Reiseprogramm auf der kommunistischen Karibikinsel absolvierte: die Kubaner schwankten zwischen verhaltener Euphorie und freundlicher Gleichgültigkeit für den Papst, der nach eigenen Worten als „Pilger und Hirte“ nach Kuba gekommen war, um in erster Linie die Gläubigen zu stärken: „Ich komme nach Kuba (...), um meine Brüder und Schwestern im Glauben und in der Hoffnung zu stärken, die in der Präsenz der Liebe Gottes in unserem Leben ihren Ursprung haben.“

Zu mehreren Gelegenheiten forderte der Papst größere Freiheit für die katholische Kirche: „Kuba und die Welt brauchen Veränderungen!“ Die werde es aber nur geben, wenn Menschen sich frei dazu entschließen könnten, Versöhnung und Brüderlichkeit zu leben. Die Kirche trage mit ihrem Einsatz im Bildungswesen weltweit zur Charakterbildung der Menschen bei. Er hoffe, dass dies auch bald in Kuba möglich würde, so der Papst in Havanna.

Grundsätzlich fokussierte der Heilige Vater auf den Wandel der Herzen und nicht auf rein politische Aussagen. Allerdings ließ er keinen Zweifel, wofür er tatsächlich eintrete. Schon zu Beginn der Reise im Flugzeug nach Mexiko befand er den Marxismus als überholte Ideologie. In Santiago de Cuba stand hingegen Maria im Mittelpunkt, vor allem die „Mimbasa“, wie die Kubaner die Statue ihrer Jungfrau der Barmherzigkeit von Cobre nennen. Im Nationalen Heiligtum betete Papst Benedikt XVI. für das Land, bevor er nach Havanna weiterreiste. Im zweiten Teil des Besuchs ging es schließlich deutlich politischer zu.

Während die Opposition die zu sanfte Linie des Papstes kritisierte, hielten andere die Predigtworte für überraschend direkt und klar. „Der Papst wurde sehr deutlich. Das ist wichtig für uns“, sagte etwa Padre Alvarez. Der Landpfarrer reiste mit einer Gruppe von Gläubigen an. Ab drei Uhr morgens warteten sie auf dem Platz, um an der Messe teilnehmen zu können. Diese Gruppe war jedoch die seltene Ausnahme. Bei einem durchschnittlichen Monatslohn von rund 20 Euro sind Bustickets oder gar eine Taxifahrt ein unerschwinglicher Luxus. Die meisten Gläubigen mussten zuhause bleiben.

Die Erwartungen in den Besuch Papst Benedikts waren hoch. Während das Regime der Welt vor allem ein freundliches Bild des Landes vor Augen führen wollte, erhofften sich viele Kubaner den Beginn einer weiteren Öffnung und noch größerer Freiheit auf dem Inselstaat. Diese Hoffnung kommt nicht von ungefähr. Der Besuch Johannes Pauls II. vor 14 Jahren in Kuba war mitverantwortlich für einen Prozess der Öffnung und einer Verbesserung für die Kirche im vormals atheistischen Staat. So wurde damals etwa der 25. Dezember zum staatlichen Feiertag erklärt und auch praktizierende Katholiken als Mitglieder in der kommunistischen Partei zugelassen.

Wie sehr Johannes Paul II. Kuba beeinflusst hatte, machte ein weiterer Höhepunkt der Reise deutlich: Im Rahmen eines spontanen Zusammentreffens des Papstes mit Fidel Castro brachte der kränkliche 85-jährige Revolutionsführer seine Freude über die Seligsprechung des ehemaligen Papstes zum Ausdruck. Johannes Paul II. hätte eine große Bedeutung für das kubanische Volk. Dies treffe auch auf Mutter Teresa zu, deren Orden seit langem in Kuba für die Ärmsten der Armen tätig ist.

Padre Alvarez erinnert sich ebenfalls noch gut an den Papstbesuch vor 14 Jahren. Damals war er gerade der Universität verwiesen worden, wo er Mathematik studiert hatte – zu kritisch waren manche seiner Aussagen, zu wenig konform mit dem Gedankengut der kommunistischen Partei. „Als ich Johannes Paul II. hier auf dem Platz der Revolution erlebte, wusste ich, dass er keine Angst hatte, die Wahrheit anzusprechen. Unsere Herzen flogen ihm zu“, so der Priester. Auch Benedikt forderte neben der Freiheit den Mut zur Wahrheit ein. Das sei ein wichtiger, aber kein einfacher Anspruch an Kirche und kubanische Gesellschaft, ist Padre Alvarez überzeugt. Die meisten seien es nicht gewohnt, das zu sagen, was sie denken, sondern lediglich das, was die Autoritäten hören wollen.

Dass es aufgrund der Papstreise zu einem unmittelbaren Wandel kommen werde, können sich die wenigsten vorstellen. Bürokratie, Überwachung und die Autorität des Regimes funktionieren nach wie vor. Man darf auch nicht übersehen, dass bezüglich Menschenrechten und Wirtschaft durchaus Fortschritte gemacht werden. Die Reformlinie Präsident Raúls begrüßte Papst Benedikt mehrmals ausdrücklich. Und obwohl es zu keinem Treffen zwischen dem Papst und Dissidenten kam, stärkte der Besuch des Papstes gerade jenen den Rücken, die für eine weitere Öffnung und eine freie kubanische Gesellschaft eintreten.

Die Pastoralreise des Heiligen Vaters nach Kuba verursachte kein politisches Erdbeben. Dafür fokussierte Benedikt XVI. auf die Gläubigen und die Kirche in Kuba. Durch symbolhafte Gesten und seine wohlbedachten, deutlichen Botschaften gab er den Kurs für die nächsten Jahre vor: Orientierung an Maria als Modell der Kirche, Aufbau eines kirchlichen Bildungswesen, so vom Staat zugelassen, und missionarische Tätigkeit, um die Wahrheit zu verkünden. Der erste Schritt in diese Richtung geschah bereits im Rahmen der Vorbereitung: Die Wallfahrt der Statue von Cobre durch ganz Kuba, die von den Menschen begeistert angenommen wurde. Nicht umsonst sprachen mehrere Kirchenvertreter immer wieder von einem „Frühling im Glauben“, der nun auf Kuba angebrochen sei.

Andreas Thonhauser ist leitender Redakteur von „alle welt“, dem Magazin der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, Info: www.missio.at