„Frieden ist in Israels Interesse“

Alt-Patriarch Sabbah wirft israelischer Besatzung „Formen der Apartheid“ vor Von Oliver Maksan

Betlehem (DT) Viele sahen und sehen in ihm eine Art theologische Kriegserklärung an Israel: dem „Kairos Palestine Dokument“ von 2009. Palästinensische christliche Theologen verschiedenster Denomination machten sich darin Gedanken, was die Rede von Gott und seinem Reich angesichts der israelischen Besatzung bedeuten könne. Der Name des Dokuments nahm Anleihen an einem Papier, das südafrikanische christliche Theologen 1985 verfasst hatten. Pro-Zionistische Christen warfen dem Papier in der Folge anti-israelische, gar anti-semitische Gesinnung vor. Die Bedrohung Israels durch Terror und feindliche Nachbarn werde völlig ignoriert. Einer der Verfasser des Dokuments, der emeritierte Lateinische Patriarch Michel Sabbah, verwahrte sich am Donnerstag auf einer Konferenz in Betlehem strikt gegen solche Vorwürfe. Vor schwedischen Protestanten, die zu einer Informationsreise ins Heilige Land gekommen waren, sagte er: „Wir sind nicht gegen die Juden. Wir lieben sie. Alles andere wäre gegen die Feindesliebe.“

Christliche Zionisten bat er zu überdenken, wie ihre einseitige pro-israelische Haltung mit demselben Gebot vereinbar sei. „Liebt die Juden und Israel, aber vergesst die Palästinenser nicht, die so sehr unter der Situation leiden.“ Das Kairos Palestine Dokument habe sich vor allem an diejenigen palästinensischen Christen gerichtet, die drohten, der Passivität zu verfallen. Minister aus aller Welt kämen und gingen, ohne dass sich etwas an der Lage im Heiligen Land ändere, so Sabbah. Diese verzagten Gläubigen gelte es an ihre Pflicht zu erinnern, sich nicht mit der Besatzung abzufinden, die ein so eklatanter Verstoß gegen ihre wie gegen die Würde aller Palästinenser sei. „Besatzung ist Sünde“, rief Sabbah aus. Wer ja zur Besatzung sage, der sei kein Christ. In den besetzten Gebieten werde klar zwischen Juden und Nicht-Juden unterschieden, was eine Form von Apartheid sei. Sabbah weiter: „Gott will durch die Hände der Menschen Geschichte gestalten.“ Die Menschen hätten deshalb nach dem Gesetz der Liebe zu handeln. „Man wird des verheißenen Landes würdig, indem man Gottes Gebote hält.“ Diese christliche Haltung, die furchtlos die Ungerechtigkeit anprangere, ohne sich selbst durch Gewalt schuldig zu machen, werde von den Israelis indes als Heuchelei abgetan. „Sie glauben nicht an unsere Feindesliebe, weil sie sie nicht verstehen.“ Er unterstütze Boykott-Aufrufe gegen Israel, weil sie helfen könnten, dessen Politik zu ändern. Das sei keineswegs zum Nachteil Israels selbst. „Frieden ist in Israels Interesse.“

Sabbah unterhielt darin anschauliche Unterstützung durch den australischen Juristen und Kinderrechtsaktivisten Gerard Horton von der Organisation „Defence for Children International“. Er sprach über die Praxis der Arrestierung von Kindern und Jugendlichen durch israelisches Militär. „Immer wieder berichten uns israelische Soldaten, dass sie die Bilder von gefesselten, geschlagenen Kindern in ihrem Gewahrsam nicht mehr losließen“, so Horton. Fast jede Nacht rücke das Militär in den besetzten Gebieten aus, um Kinder und Jugendliche festzunehmen, die meist des Steinwurfs auf Militär und Siedler beschuldigt werden. „Mitten in der Nacht stürmen dann Kommandos vermummter, schwer bewaffneter Soldaten die Häuser, holen die verängstigten Kinder, die oft kaum zwölf sind, aus den Betten, fesseln ihnen die Hände, die deswegen oft anschwellen, und verbinden ihnen die Augen. Jedes Jahr müssen das 500 bis 700 Kinder erleben.“ Ihren Eltern erlaube man nicht, mitzukommen. Beim Transport und bei den Verhören komme es dann immer wieder zu verbalen und physischen Misshandlungen. Einen Rechtsbeistand erhielten die Kinder, die dem in der Besatzungszone geltenden Militärrecht unterlägen, ebenso wenig wie eine Belehrung über ihr Recht, die Aussage zu verweigern. Horton: „Sie müssen sich das so vorstellen, dass das Kind von einem Soldaten verhört wird, der es abwechseln anbrüllt oder ihm gut zuredet. Das Ganze ist darauf angelegt, so einschüchternd wie möglich zu sein, um ein Geständnis zu erreichen.“ Den Kindern werde schnell klar, dass ein solches der schnellste Weg aus dem Verhör sei. Entgegen der Vierten Genfer Konvention würden die Kinder dann für meist drei Monate in israelische Gefängnisse in Israel selbst gebracht, während sie eigentlich ein Recht auf Verbleib in den besetzten Gebieten hätten. „In Israel können sie ihre Eltern meist nicht besuchen. Zurück kommen häufig schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche, die sich isolieren, bettnässen und auch das Zutrauen zu den Eltern verloren haben, weil die sie nicht beschützen konnten.“ Genau das sei aber eine der intendierten Folgen der israelischen Praxis. „Es gibt keine effizientere Art, eine Besatzung aufrecht zu erhalten, als indem man das soziale Netz der besetzten Gesellschaft zerstört“, so Horton.