Franziskus und die Dornen

Amtswechsel an der Spitze des Staatssekretariats – Parolin noch im Krankenstand. Von Guido Horst

Rom (DT) Am Dienstag hat Papst Franziskus vor Mitarbeitern des vatikanischen Staatssekretariats eine kleine Geschichte erzählt. Es ging um den heiligen Giovanni Bosco, den Gründer des Ordens der Salesianer Don Boscos. Zu den Träumen, die der Heilige seinen Jugendlichen erzählt habe, gehöre auch jener von den Rosen, meinte der Papst: „Der Heilige sieht eine Gartenlaube voller Rosen und beginnt, in ihrem Inneren umherzugehen, gefolgt von vielen seiner Schüler. Während sie aber Stück für Stück voranschreiten, brechen zusammen mit den schönen Rosen, die die ganze Laube bedecken, auch ganz scharfe Dornen hervor, die verletzen und große Schmerzen bereiten. Wer von außen schaut, sieht nur die Rosen, während Don Bosco und seine Anhänger, die im Inneren gehen, die Dornen spüren.“ Viele, so beendete Franziskus die Erzählung des Traums, habe der Mut verlassen, aber die Mutter Gottes hätte dann alle ermahnt, durchzuhalten – „und am Ende“, so der Papst weiter, „findet sich der Heilige mit den Seinen in einem wunderschönen Garten wieder. Der Traum will die Mühen des Erziehers beschreiben, aber ich glaube, man kann ihn auf jedes verantwortliche Amt in der Kirche anwenden.“

Diese nette Geschichte erzählte Franziskus nicht mit Blick auf den Bischof von Limburg, sondern an Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone gewandt, der links neben ihm stand und am Dienstag seinen letzten Amtstag absolvierte. Der Salesianer Don Boscos, den Benedikt XVI. im September 2006 als „alter ego“ an seine Seite berufen hatte, geht mit 78 Jahren in den Ruhestand. Warum der Papst den Traum von den dornenreichen Rosen erzählte? Man muss kaum spekulieren. Es war ein dornenreicher Weg, den das Staatssekretariat und der gesamte Apostolische Palast unter Bertone gegangen sind: Vom „Fall Williamson“ taumelte man in die Aufregungen um diverse Missbrauchsskandale, dann kamen „Vatileaks“ und schließlich das Vorkonklave dieses Jahres, die Generalkongregationen der Kardinäle kurz vor der Papstwahl, wo der zukünftige Nachfolger Papst Benedikts den Auftrag erhielt, den Vatikan einer kräftigen Reform zu unterziehen. Franziskus ist mitten dabei. Nicht Bertone wird ihm dabei zur Seite stehen, sondern der – für sein Amt vergleichsweise junge – Italiener Pietro Parolin, 58 Jahre alt und zuletzt Apostolischer Nuntius in Venezuela. Ein „klassischer“ Vatikandiplomat, der viele Jahre im römischen Staatssekretariat gearbeitet hat.

Eine ordentliche Amtsübergabe war das am Dienstag nicht. Parolin fehlte. Wie Franziskus zu Beginn der Abschiedszeremonie erklärte, kommt der „Neue“ in einigen Wochen, er hätte sich einem kleinen chirurgischen Eingriff unterziehen müssen. Abgesehen von dem Dornen-Traum gab es dann vom Papst nur noch Worte des Dankes und der Anerkennung für den scheidenden Staatssekretäre – den eine Wohnung am Rande der Vatikanischen Gärten aufnehmen wird, ganz in der Nähe des ehemaligen Klosters „Mater Ecclesiae“, wo der emeritierte Papst im kleinen Kreise wohnt. Die Ära Bertone ist damit – zumindest im Staatssekretariat – beendet.