Franziskus reist an die Ränder

Der Pastoralbesuch des Papstes in Georgien und Aserbaidschan ist ein Politikum und zugleich ein ökumenisches Signal. Von Rudolf Grulich

Orthodoxe Gläubige beten in der Sioni-Kathedrale in Tiflis. Foto: dpa
Orthodoxe Gläubige beten in der Sioni-Kathedrale in Tiflis. Foto: dpa

Als erster Jesuit auf dem Stuhle Petri hat Papst Franziskus nicht den Namen seines Ordensgründers Ignatius gewählt, sondern den des heiligen Franz von Assisi. Sein bisheriges Wirken zeigt, dass Papst Franziskus nicht nur das Armutsideal des poverello als Vorbild sieht, sondern auch die Bemühungen des heiligen Franziskus im Orient. Der Heilige reiste in den Nahen Osten, besuchte den Sultan und erhielt das Recht, dass seine Ordenssöhne bis heute Kustoden des Heiligen Landes sind.

Obwohl der Papst nicht so oft reist wie Johannes Paul II., hat er bereits mehrfach islamische Länder besucht: die Türkei, Jordanien, Palästina und Israel, Bosnien und Albanien, dazu auch afrikanische Länder mit muslimischer Bevölkerung und ein Lager meist muslimischer Flüchtlinge auf Lesbos. Er scheute nicht den Konflikt mit der Türkei, als er die Deportation der Armenier 1915 als Völkermord bezeichnete und das bei seinem Besuch in Armenien wiederholte. Nun besucht er Georgien. Aber auch Aserbaidschan mit einer zu über 90 Prozent muslimischen Bevölkerung: ein Land, das sich mit Armenien im Kriegszustand befindet. Dass Georgien ein wichtiges Brückenland zum Orient ist, zeigt die beim Papstbesuch geplante Begegnung mit 13 chaldäischen Bischöfen aus dem Irak.

Als Ludwig Berg 1927 den Sammelband „Ex oriente. Religiöse und Philosophische Probleme des Ostens und des Westens“ mit Beiträgen orthodoxer, unierter und katholischer Autoren herausgab, begann Raphael Iwanitsky-Ingilo seinen Beitrag „Lose Blätter der Geschichte der georgischen Kirche“ mit der Feststellung: „In den geistlichen und überhaupt in den gebildeten Kreisen Europas hat man nur sehr unklare Vorstellungen über die georgische Kirche.“ Das gilt auch für heute, obwohl es seit dem 19. Jahrhundert verschiedene Kontakte der deutschsprachigen Länder zu Georgien gab. Deutsche Wissenschaftler wie der Prager Geograf Friedrich Kolenati und der Danziger Gustav Radde erforschten den Kaukasus. Der Schlesier Arthur Leist übersetzte georgische Dichter und ist wegen seiner Verdienste auf dem Ehrenfriedhof Didube-Pantheon in Tiflis begraben. Georgiens Nationalepos „Der Recke im Tigerfell“ wurde von ihm übertragen.

In Georgien geht das Christentum auf die heilige Nino aus Kappadokien zurück, die zu Beginn des vierten Jahrhunderts dem Lande südlich des Kaukasus die Lehre Christi brachte. Mit Armenien gehört Georgien zu den ältesten christlichen Ländern, da sich König Mirian schon um das Jahr 327 bekehrte. Der Tradition nach hat schon der Apostel Andreas in Georgien gepredigt. Nach der Erfindung einer bis heute gebrauchten eigenen Schrift durch den armenischen Bischof Mesrop war das Altgeorgische eine christliche Literatursprache, in der neben der Bibelübersetzung auch Schriften der Kirchenväter erhalten sind. Seit dem 13. Jahrhundert kann man vom Neugeorgischen sprechen, das die Staatssprache im seit 1991 wieder unabhängigen Georgien ist. Die Kirche in Georgien war anfangs vom Patriarchat Antiochien abhängig, erhielt aber 487 die Autokephalie und einen Katholikos als Oberhaupt, der im 11. Jahrhundert auch den Patriarchentitel bekam. Im Gegensatz zu Armenien behielt Georgien trotz aller kriegerischen Auseinandersetzungen mit Persern, Arabern, Türken und Mongolen die staatliche Selbstständigkeit, während Armenien unter die Herrschaft von Türken und Persern geriet. Teile Georgiens wurden jedoch muslimisch und die Bewohner islamisiert. 1783 musste das Land ein Bündnis mit Russland eingehen, das 1801 Georgien an Russland anschloss und 1811 das Patriarchat der georgischen Kirche abschaffte. Erst im Jahr 1917, als sich Georgien von Russland unabhängig erklärte, wurde das Patriarchat wieder hergestellt.

Sehr früh gab es bereits Kontakte Georgiens mit Rom. Der georgische Katholikos Kyrion wandte sich um das Jahr 590 an Papst Gregor den Großen um Rat. Der 875 verstorbene heilige Mönch Hilarion weilte während seines Asketen- und Pilgerlebens auch in Rom. Fachleute nehmen an, dass die Georgier in ihren vielen Klöstern im Ausland, vor allem in Palästina und auf der Balkanhalbinsel, die „Petrus-Liturgie“, also die römische Liturgie in georgischer Sprache, verwandten. Während der Kreuzzüge kam es erneut zu Kontakten mit Rom, und 1329 schuf Papst Johannes XXII. in Tiflis einen lateinischen Bischofssitz, der bis zum Jahre 1507 bestand. Waren damals hauptsächlich Dominikaner tätig, so sind es seit dem 17. Jahrhundert Theatiner und Kapuziner, die in Georgien wirkten. Als im Jahre 1801 Georgien an Russland kam, begann eine systematische Diskriminierung der katholischen Kirche. Die Vertreibung der Kapuziner 1845 ließ die georgischen Katholiken des lateinischen Ritus fast priesterlos zurück. Da der Zar den Katholiken den Gebrauch des Georgischen im Gottesdienst verbot, wurden manche Pfarreien von armenischen Priestern übernommen. So kam es, dass 1917 von den 50 000 georgischen Katholiken 40 000 dem armenischen und 10 000 dem lateinischen Ritus angehörten, es aber kaum Unierte des byzantinischen Ritus gab. Um dem Priestermangel abzuhelfen, gründete Petrus Charistchiaranti bereits 1861 in Konstantinopel die georgische Kongregation der Diener der Unbefleckten Empfängnis und ein Priesterseminar. Die Kongregation stellte bis zum Ersten Weltkrieg die meisten georgischen Priester. Auch eine Schwesternkongregation gleichen Namens entstand damals in der Türkei. Die georgische Kirche in Istanbul, die noch heute existiert, war bis zum Ersten Weltkrieg ein gern besuchter Wallfahrtsort von Christen verschiedener Konfessionen und Riten.

Nach der Gründung der russlanddeutschen Diözese Tiraspol mit dem Bischofssitz in Saratov 1848 gehörte auch Georgien zu diesem Bistum. 1903 besuchte Bischof Eduard von Ropp Georgien und weihte eine neue Kirche in Batumi. Auch sein Nachfolger, Bischof Joseph Aloysius Kessler, weilte 1912 auf Visitation in Georgien. Nach der Revolution 1917 und dem Zerfall des Zarenreiches wurde Georgien für wenige Jahre eine selbstständige Republik. Katholiken aus allen Pfarreien trafen sich damals in der Hauptstadt Tiflis und verlangten von Rom die Einführung des byzantinischen Ritus. Der Heilige Stuhl sandte 1919 einen Weißen Vater, Pater Delpuch, und 1920 den Dominikaner Raymondo. 1923 wurde ein eigener Apostolischer Visitator ernannt, der aber nach dem Aufstand von 1924 das Land verlassen musste. Damals gab es in Istanbul Zehntausende von Flüchtlingen, sodass das Priesterseminar weiterbestand. Einige Priester, die in Istanbul ihre Ausbildung bekommen hatten und dann in Russland wirkten, verdienen unsere Würdigung, da sie als Märtyrer starben. Der 1885 geborene Schio Batmanischwili hatte in Istanbul und Rom studiert und war nach seiner Priesterweihe 1912 in Georgien tätig. Im November 1925 war er in Rom bei Papst Pius XI., der ihn zum Apostolischen Administrator für die Katholiken in Georgien ernannte. Aber schon am 27. November 1927 wurde er in Tiflis verhaftet, auf die KZ-Insel Solowki deportiert und 1937 zum Tode verurteilt. Sein Stellvertreter als Apostolischer Administrator, Stefan Demurow, wurde 1937 verhaftet und ebenfalls erschossen. Der 1887 in Tiflis geborene und 1911 zum Priester geweihte Konstantin Separischwili und Emmanuel Wardidse, der zweimal verhaftet und 1945 aus der Verbannung entlassen wurde, waren die letzten georgischen katholischen Priester. 1990 hatten die Katholiken nur einen – aus Lettland stammenden – Priester in Tiflis.

Wie alle Religionsgemeinschaften unter sowjetischer Herrschaft litten die Gläubigen aller Konfessionen in Georgien. Orthodoxe Bischöfe kamen gewaltsam ums Leben, ebenso Priester anderer Konfessionen. Erst 1943 wurde die Selbstständigkeit der Orthodoxen Kirche Georgiens vom Moskauer Patriarchat anerkannt.

Ein Vierteljahrhundert seit der Selbstständigkeit des Landes stellt die orthodoxe Kirche heute die Mehrheit der Einwohner. Diese Tatsache schlägt sich auch in den ersten Zeilen der Nationalhymne nieder: „Meine Heimat ist meine Ikone und die ganze Welt ist ihr Ikonenschein. Glänzendes Berg- und Tiefland teilen wir mit Gott.“ Die Georgier machen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung aus, an Minderheiten gibt es Aserbaidschaner, Armenier, Russen, Abchasen, Osseten, Griechen, Kurden und andere. Da bei manchen Volksgruppen Religion und Nationalität fast eins sind, kann man von 84 Prozent Christen ausgehen, zehn Prozent Muslimen, dazu noch Juden und Jesiden sowie Angehörigen altrussischer Sekten. Allerdings sind bis heute fast eine Million Einwohner ins Ausland gegangen.

Die Altstadt der Hauptstadt Tiflis scheint zwar ein Musterbeispiel religiöser Toleranz zu sein, denn auf kleinstem Raum finden sich die beiden Kathedralen des orthodoxen und des armenisch-gregorianischen Bischofs, eine Moschee, eine Synagoge und die katholische Kirche, doch ist die orthodoxe Kirche heute praktisch eine Staatskirche. Sie zählt 38 Diözesen, die meisten in Georgien, doch auch Bischöfe für Westeuropa, die Benelux-Staaten, Deutschland und Amerika. Kirchenoberhaupt ist seit 1977 der 1933 geborene Patriarch Ilija II. Unter ihm hat die orthodoxe Kirche den Weltkirchenrat wieder verlassen und nahm auch in diesem Jahr nicht am Panorthodoxen Konzil auf Kreta teil. Nach der Unabhängigkeit wurden leider auch Kirchenbauten anderer Konfessionen enteignet und den Orthodoxen übergeben, aber seit 2007 garantiert das Gesetz über die nichtorthodoxen Religionsgemeinschaften die Rechte von Katholiken, Protestanten, Juden, Muslimen und der Armenischen Kirche, was der Europarat ausdrücklich begrüßte.

Für die Katholiken gab es in sowjetischer Zeit nur eine Pfarrei in Tiflis mit georgischen, armenischen, polnischen, deutschen und chaldäischen Gläubigen. Seit 1993 besteht eine Apostolische Administratur des Kaukasus, und man geht heute von 50 000 bis 100 000 Katholiken aus. Es bestehen diplomatische Beziehungen zum Vatikan, der eine Nuntiatur in Tiflis unterhält.1991 fasste der Gründer von „Kirche in Not“, Pater Werenfried van Straaten, den Entschluss, die „Kleine Kinderbibel“ seines Werkes auch ins Georgische übersetzen zu lassen. Er wollte ausdrücklich den Kindern des georgischen Volkes dieses Geschenk machen, aus dem auch ein Mann wie Stalin stammte, der in seiner Jugend sogar im orthodoxen Priesterseminar in Tiflis war, ehe er seinen Weg gegen die Kirche einschlug.

Ein Politikum ist der Papstbesuch in Aserbaidschan, wo es weniger als tausend Katholiken gibt. Vor der Eroberung durch die Türken gab es ein Albanisches Patriarchat, dessen Kirche durch den Islam unterging. Das Moskauer Patriarchat hat einen Bischof in Baku, Rom nur eine einzige Pfarrei in der Hauptstadt. Nach der Wende gehörte Aserbaidschan zur Apostolischen Administratur des Kaukasus, wurde im Jahr 2000 eine Missio sui iuris und 2011 Apostolische Präfektur. Die meisten Einwohner des Landes sind Schiiten. Neben orthodoxen Russen gibt es heute kaum mehr Armenier, doch Juden und verschiedene protestantische Denominationen.

Der Aufenthalt in Baku dient auch der Ökumene, denn Franziskus wird außer der von Salesianern betreuten katholischen Pfarrei auch den russisch-orthodoxen Bischof und den muslimischen Scheich des Kaukasus besuchen.