Franziskus deuten durch Johannes Paul

Die slowakische Kirche setzt Akzente in der Debatte um Moral und Gewissen. Von Stephan Baier

Alle Welt debattiert Amoris laetitia (AL), doch die Slowakische Bischofskonferenz und die Comenius-Universität würdigten zum 25. Jahrestag die Enzyklika Veritatis splendor (VS) von Johannes Paul II. Diese sei nicht nur weiter gültig, sondern zeige zeitlose Wahrheiten, meinte der Vorsitzende der Bischofskonferenz und Erzbischof von Bratislava, Stanislav Zvolenský, im Gespräch mit der „Tagespost“. Kardinal Gerhard Müller bedauerte in Bratislava die Trennung von Dogmatik und Morallehre und präsentierte das Christentum als „theozentrischen Humanismus“. Die „unterwürfige Umwandlung der Kirche in eine NGO zur Verbesserung der innerweltlichen Lebensbedingungen“ sei eine „suizidale Modernisierung“, die den Menschen um die Wahrheit Gottes betrüge. Deutlich kritisierte Müller Luthers Leugnung des freien Willens und dessen Lehre von der totalen Verderbnis des Menschen, welche die Sittlichkeit von der Gottesbeziehung trenne. Moral gründe in der Gnade, darum verkenne das Schema von „Regel und Ausnahme“ den Charakter der Bundes- und Gnadenethik.

Den Fragen der Hörer zu AL wich der frühere Präfekt der Glaubenskongregation nicht aus. Er sei „nicht glücklich“ über die verschiedenen Interpretationen einiger Bischofskonferenzen. „Es kann keine Pluralität in dogmatischen Fragen geben.“ Auch gebe es nur ein Lehramt. Bischofskonferenzen könnten nur Fragen der Pastoral beantworten. Widersprüchliche Konzeptionen hinsichtlich der Sakramente führten ins Chaos, so Kardinal Müller. Die Kirche müsse die Sakramente so feiern, wie es dem Stiftungswillen Christi entspricht. Kapitel 8 von AL müsse man „orthodox verstehen“, denn: „Wer in einer Todsünde lebt, kann die heilige Kommunion nicht empfangen.“ Der Papst müsse „die Kirche zusammenführen, dazu ist der Papst da“, und das habe er Franziskus auch gesagt: Wenn Bischofskonferenzen unterschiedliche Interpretationen gäben, komme die Kirche „in eine Situation wie vor der Reformation“. Wie kritisch er diese sieht, machte Müller klar: „Die Spaltung der Kirche können wir nicht feiern!“ Scharf ablehnend äußerte sich Kardinal Müller auch gegen Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare: „Wenn ein Priester ein homosexuelles Paar segnet, ist das ein Gräuel an heiliger Stätte: etwas gutzuheißen, was Gott nicht gutheißt.“

Auch Livio Melina, bis 2016 Präsident des „Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Ehe und Familie“ kam zu dem Schluss, dass AL nur angenommen werden könne „im Kontext der lehrmäßigen Weisungen der Enzyklika Veritatis splendor, welche die Verbindung von Gewissen und Wahrheit in Erinnerung ruft sowie die Notwendigkeit einer angemessenen Gewissensbildung“. Das christliche Gewissen sei „Teilhabe am Gewissen Christi“. Man müsse zu der vor 25 Jahren veröffentlichten Enzyklika Johannes Pauls II. zurückkehren, „um den Behauptungen von AL eine Hermeneutik zu geben, die in Kontinuität mit dem Lehramt der Kirche ist“, so Melina. Nur eine solche Deutung könne „als legitim und autorisiert angenommen werden“. Gegen autonomistische Konzeptionen habe VS daran erinnert, „dass das Gewissen Zeuge einer Wahrheit ist, die ihm vorausgeht und es übertrifft, und der es sich in demütigem Suchen öffnen muss“. Nicht in autonomen Entscheidungen über Gut und Böse drücke sich das Gewissen aus, sondern „in Urteilen, die ihren Wert aus der Wahrheit erhalten“.

„Die Gebote sind Ausdruck der Liebe Gottes zu uns. Wenn wir sie erfüllen, sind wir mit Gott vereint“